StartNewsNaturGewinner und Verlierer 2023: Wir können das Artensterben stoppen

Gewinner und Verlierer 2023: Wir können das Artensterben stoppen

Stellvertretend für tausende bedrohte Arten stehen die Verlierer aus dem Tierreich 2023: Löwen, Humboldt-Pinguine, Atlantische Lachse, Flussdelfine, Schlingnattern und der Roi du Doubs in der Schweiz, oder Amphibien weltweit geht es schlechter. Doch auch 2023 gibt es Lichtblicke, wie die Gewinner des WWF-Jahresresümee zeigen: Vom Schneeleoparden über Tiger und Afrikas Nashörner bis zu Wisenten im Kaukasus oder Rothirschen und Laubfröschen in der Schweiz. 

Der WWF Schweiz zieht eine bedrückende Bilanz des Artenrückgangs weltweit. Seit 1970 ist laut dem Living Planet Report 2022 ein alarmierender Durchschnittsverlust von 69 Prozent bei untersuchten Wirbeltieren zu verzeichnen. Über 44’000 Arten gelten laut der IUCN als bedroht, was ein Viertel aller erfassten Spezies entspricht. Diese Zahlen verdeutlichen die akute Bedrohung für die Artenvielfalt. Die nachfolgende Auflistung der WWF-Jahresbilanz ist ein Auszug zur aktuellen Lage und nicht abschliessend, denn viele weitere Arten gehören zu den Verlierern oder zu den Gewinnern.

«Die zentralen Faktoren, die das aktuelle Artensterben befeuern, sind menschengemacht, sei es durch Lebensraumverlust, Klimaerhitzung, Überfischung oder Wilderei. Wir Menschen sind Täter und Opfer. Schliesslich sind wir für unser eigenes sicheres und gesundes Leben auf vitale Ökosysteme und Artenvielfalt angewiesen. Wir brauchen ambitionierten Naturschutz in der Schweiz und weltweit.»

René Kaspar, Artenschutzverantwortlicher International beim WWF Schweiz

Gewinner 2023

Breitmaulnashörner in Afrika: Die Zahl der Breitmaulnashörner ist nach zehn Jahren Rückgang zum ersten Mal wieder gestiegen – und zwar um gut fünfProzent auf ca. 16’800 Exemplare. Zudem hat die Naturschutzorganisation African Parks 2023 das mit 2’000 Exemplaren grösste Nashornzucht-Projekt der Welt erworben. Die Dickhäuter bleiben zwar weiterhin durch Wilderei bedroht, die positiven Nachrichten machen aber Mut.

Wisente im Kaukasus: Vor genau 100 Jahren startet ein Rettungsprogramm für die, in freier Wildbahn damals ausgestorbenen Wisente. Mit Erfolg: Inzwischen streifen wieder über 8’000 europäische Bisons durch die Wälder. Und auch 2023 sind es mehr geworden.

Saiga-Antilopen in Zentralasien: Die in Zentralasien beheimatete Saiga-Antilope wird auf der Roten Liste nicht mehr als „vom Aussterben bedroht” geführt. Die Population in Kasachstan, wo 98 Prozent aller Saigas leben, ist in den vergangenen Jahren dank intensiver Schutzbemühungen von knapp 100’000 auf rund 1,3 Mio. Tiere gestiegen. Und auch in der Mongolei erholten sich die Bestände.

Schneeleoparden in Bhutan: Bei der Erhebung in Bhutan wurden 134 Schneeleoparden gezählt. Im Jahr 2016 waren es nur 96 Individuen. Im Rahmen der nationalen Schneeleopardenstudie wurden über 300 Wildtierkameras auf einer Fläche von 9’000 km² platziert.

Tiger in Bhutan und Indien: Die Zahl der Grosskatze ist in einigen asiatischen Ländern erfreulich nach oben gegangen: In Bhutan hat sie sich seit 2015 von 103 auf 131 erhöht. Indien vermeldete 2023 über 3’600 Tiger – und vereint damit in seinen Landesgrenzen Zweidrittel des globalen Bestands. Hoffnung, dass auch in Südostasien die Tiger trotz kleiner Bestände nicht verloren sind, machen zudem Aufnahmen von Kamerafallen in Malaysia.

Sarus-Kraniche in Nepal: Dank intensiver Schutzbemühungen hat sich mit über 700 Exemplaren die Zahl der Sarus-Kraniche in Nepal seit 2010 verdoppelt. Damals gab es in dem Land nur noch 350 der majestätischen Vögel. Die Art gilt weltweit allerdings weiterhin als gefährdet.

Laubfrosch in der Schweiz: 2005 drohte der Laubfrosch ganz aus der Schweiz zu verschwinden. Dank verschiedenen Fördermassnahmen konnte der Rückgang verlangsamt werden. Zwar ist die Erhaltung des Laubfrosches noch nicht gesichert, aber die Gefährdung hat abgenommen, so dass er heute nur noch als gefährdet gilt. Lokal, etwa im Aargauer Reusstal führten die Massnahmen dazu, dass die Populationen wieder wuchsen. Es besteht die Hoffnung, dass die Rufchöre des Laubfroschs auch weiterhin in der Schweiz zu hören sind.

Rothirsch in der Schweiz: 1850 wurde der Rothirsch in der Schweiz durch Bejagung ausgerottet. Seither haben sich seine Lebensbedingungen wieder stark verbessert und mittlerweile leben wieder rund 40’000 Hirsche in der Schweiz. In den Bergen sind seine Bestände so hoch, dass die Hirsche dort die Verjüngung der Schutzwälder und deren Anpassung an den Klimawandel verhindern. Eine Trendwende brachte die Rückkehr des Wolfs. Dieser jagt vor allem kranke und schwache Hirsche und so konnten sich die Wälder erholen. Mit der aktuellen Ausrottung von ganzen Wolfrudeln fehlt den Hirschen vielerorts ihr natürlicher Feind – mit Folgen für das Ökosystem Wald.

Verlierer 2023

Afrikanische Löwen: Die Löwenpopulation in Afrika wird auf etwa 23’000 geschätzt. Bereits zwischen 2006 und 2018 brach die Population der afrikanischen Löwen um ein Viertel ein. Dank verstärkter Schutzmassnahmen konnte der Abwärtstrend zwar verlangsamt, aber nicht aufgehalten werden. 2018 bis 2023 ging der Gesamtbestand um weitere 8% zurück, wobei die stärksten Rückgänge in West- und Zentralafrika vermutet werden.

Flussdelfine im Amazonas: Weit über 200 Flussdelfine sind seit September 2023 im Lago Tefé im brasilianischen Bundesstaat Amazonas ums Leben gekommen – betroffen sind sowohl der Rosa Flussdelfin als auch der Tucuxi, der grau und etwas kleiner ist. Zehn Prozent der Flussdelfin-Population im Lago Tefé starb in nur einer Woche. Wahrscheinlich haben hohe Wassertemperaturen von bis zu 39,1 Grad Celsius zum Tod der Flussdelfine geführt. Neben Wasserkraftwerken oder Quecksilberverschmutzung sind die Süsswasserdelfine nun auch direkt von der Klimakrise betroffen.

Amphibien: Das grosse Sterben im Reich der Frösche, Kröten und Salamander setzt sich auch 2023 fort: Über 40 Prozent aller Amphibienarten weltweit sind laut der Roten Liste akut bedroht. Vor allem aufgrund der Zerstörung ihrer Lebensräume und des Klimawandels. Damit sind sie die am stärksten bedrohte Wirbeltierklasse – noch vor Säugetieren, Reptilien oder Vögeln. Unter den Amphibien sind die Salamander die am stärksten bedrohte Gruppe. Mehr als jede zweite Salamander-Art ist bedroht.

Atlantische Lachse: Der Atlantische Lachs gilt laut der neuen Roten Liste global als «potenziell gefährdet». Die weltweite Population ist in den vergangenen Jahren um 23 Prozent geschrumpft. Die Fischart, die in Flüssen schlüpft und dann ins Meer wandert, leidet unter vielen Bedrohungen: Dämme und andere Hindernisse versperren den Zugang zu den Laich- und Futterplätzen, während Wasserverschmutzung und Sedimentation, vor allem durch Holzeinschlag und Landwirtschaft, zu einer höheren Sterblichkeit der jungen Lachse führen.

Humboldt-Pinguine: Die Vogelgrippe fegte auch 2023 durch das Tierreich und kommt dabei selbst in entlegensten Weltregionen an. Infolge der aktuellen Vogelgrippekrise sind bis Oktober 2023 mehr als 3’000 der ungefähr 10’000 in Chile brütenden, gefährdeten Humboldt-Pinguine verendet sowie mehr als 18’000 Mähnenrobben. Nun fürchten Artenschützer:innen eine Ausbreitung des tödlichen Virus auch in der Antarktis und auf den Galapagos-Inseln, die viele Arten beherbergen, die nur dort vorkommen.

Roi du Doubs in der Schweiz: Der rund 20 Zentimeter lange Fisch ist eine Rarität. Einst weit im französischen und Schweizer Rhone-Becken verbreitet, kommt er nur in vier, voneinander getrennten Flussabschnitten vor. Bei der diesjährigen Bestandsüberprüfung wurde in der Schweiz nur noch ein Weibchen gefunden. Dieses wurde in ein Aquarium in Lausanne gebracht. Mit einem Männchen aus Frankreich wird nun versucht, die an den Doubs angepasste Variante zu erhalten. Ist dies erfolgreich kann vielleicht die Art wieder im Doubs ausgesetzt werden. Ansonsten ist sie aus der ganzen Schweiz verschwunden.

Schlingnatter in der Schweiz: Von den 16 in der Schweiz heimischen Reptilienarten stehen mehr als 80 Prozent auf der Roten Liste. Für die Schlingnatter, die an Trockenstandorte sowie an ein Netz von Kleinstrukturen gebunden sind, hat sich der Rückgang beschleunigt. Bei der Schlingnatter sind die Populationen zwischen 1980 und 2005 um 70 Prozent zurückgegangen und seither noch einmal um 70 Prozent. Ohne Trendumkehr drohen diesen Schlangen bald in der Schweiz zu verschwinden.

Zum Living Planet Report (LPR)
Der Living Planet Report zeigt Veränderungen der weltweiten Biodiversität. Die Studie wird seit 1998 vom WWF veröffentlicht, seit 2000 erscheint sie im zweijährigen Turnus. Die aktuelle 14. Ausgabe wurde vom WWF gemeinsam mit der Zoologischen Gesellschaft London (ZSL) erstellt. Der darin angegebene Living Planet Index (LPI) erfasst den Zustand und die Entwicklung der weltweit untersuchten biologischen Vielfalt. Er basiert aktuell auf Daten zu rund 32’000 untersuchten Populationen von circa 5’230 Wirbeltierarten auf der ganzen Erde. Damit gibt er einen stichprobenartigen Einblick in den Zustand der geschätzt 8 Millionen Arten auf der Erde. 

Zum Report: https://www.wwf.ch/sites/default/files/doc-2022-10/Living_Planet_Report_2022_Kurz_De.pdf

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