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Geister in dunklen Wäldern

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Der Widerbart (Epipogium aphyllum) ist eine der seltensten Orchideen Europas und es ist verständlich, dass jeder, der ihn sieht, vom Anblick begeistert ist. In diesem Artikel wollen wir nicht nur die Pflanze kurz beschreiben, sondern auch die Seltenheit dieser Orchidee benennen und die notwendigen Schutzmassnahmen aufzeigen, die der Widerbart unbedingt zum Leben respektive Überleben braucht.

Text von Thomas Ulrich, Jacques Kleynen und Jean Claessens, Artikel aus der «FloraCH – Die Botanische Zeitschrift der Schweiz» (N°10, Frühlingsausgabe 2020)»

Die geheimnisvolle Lebensweise von Epipogium aphyllum

Das Verbreitungsgebiet des Widerbarts erstreckt sich über den Balkan, Mitteleuropa, Skandinavien und Russland bis nach Taiwan, wo die Art 2001 erstmals nachgewiesen wurde. Kleinere Vorkommen sind beispielsweise auch aus Frankreich oder Italien bekannt. Dass der Widerbart eine unserer seltensten und seltsamsten Orchideen ist, sollte besonders erwähnt werden; viele (Hobby-)Botaniker haben die Art unter Umständen noch nie gesehen. «So there you are! Britain’s rarest wildflower the ghost orchid returns from the dead after 23 years», las man 1986 in den englischen Zeitungen. Damals war das Wiedererscheinen von wenigen Exemplaren der «Ghost Orchid» für die Botanikerinnen und Botaniker Grossbritanniens eine Sensation. Wir in der Schweiz haben da mehr Chancen, die seltene Art auf unseren Wanderungen zu entdecken.

Viele alte Fundorte konnten im Lauf der Jahre nicht mehr bestätigt werden. Gründe hierfür liegen einerseits im Wachstumsverhalten der Art und andererseits in einer intensiveren Nutzung der Wälder. Zudem blüht der Widerbart nicht alle Jahre und kommt in der Regel in seinem Habitat zerstreut vor. Wie bei allen unseren einheimischen Orchideenarten ist die Entwicklung der Pflanze aus den Samen vollständig vom Zusammenleben mit Mykorrhizapilzen abhängig. Für den blattgrünlosen Widerbart gilt dies sein Leben lang. Es sind vor allem Pilze der Gattung Inocybe (Mykorrhizabildner mit Laub- und Nadelbäumen), mit denen er zusammenlebt. Genau dies ermöglicht ihm, über lange Zeit (Jahre, womöglich Jahrzehnte) im Verborgenen zu bleiben und seine Blütentriebe erst dann zu entfalten, wenn die «Vegetationsbedingungen» stimmen. Hierzu braucht es vor allem schneereiche Winter und reichlich Regen in den Monaten Mai bis Juli. Treibt der Widerbart dann endlich nach einigen Jahren wieder einmal seine Blüten, so folgt die nächste Hürde im dunklen, oft vegetationsarmen Wald – die Bestäubung.

Das Rätsel der Bestäubung

Welches Insekt hat überhaupt Interesse an einer Pflanze, die nur sehr wenig Nektar bereithält, zudem im dunklen Wald wächst und deren Blüten auf dem Kopf stehen? Bisher gibt es nur sehr wenige Beobachtungen zur Bestäubung des Widerbarts. Es war Rohrbach (1866), der als Erster ausführlich beschrieb, wie eine Hellgelbe Erdhummel (Bombus lucorum) den Widerbart bestäubt. Seither fehlen jedoch detaillierte Beobachtungen. Dies war für die Autoren der Anlass, verschiedene Epipogium-Fundorte aufzusuchen und mögliche Bestäuber zu identifizieren. Oft wurde auch angenommen, dass Epipogium aphyllum autogam sei. Eine Selbstbestäubung ist jedoch ausgeschlossen, da die Pollinien sich unterhalb der Narbe befinden und unmöglich «nach oben fallen» können.

Erste fotografische Nachweise in den Jahren 2001 und 2013 durch Thomas Ulrich im Jura (Schweiz) sowie im Jahr 2007 durch Jacques Kleynen und Jean Claessens in Kärnten (Österreich) zeigten eine Ackerhummel (Bombus pascuorum) und Dunkle Erdhummeln (Bombus terrestris) als Bestäuber. Eine der Hummeln hatte mehrere Pollinarien an den Kopf geklebt, ein wichtiger Nachweis, dass sie bereits mehrere Blüten besucht hatte.

Von 2014 bis einschliesslich 2017 wurden verschiedene Epipogium-Standorte im Unterengadin nicht nur auf Bestäuber, sondern auch auf Fruchtansatz untersucht. Der definitive Beweis von Fremdbestäubung gelang bereits im Jahr 2014. Bei dreizehn Blüten war die Narbe mit Pollenkörnern belegt, wobei die Pollinarien noch vollständig in der Anthere steckten. Dies konnte im Lauf der Jahre bei mehr als 400 von 2300 Einzelblüten (17 Prozent) nachgewiesen werden; der Fruchtansatz lag jedoch im Mittel bei 41,3 Prozent.

Regelmässig beobachtet wurden verschiedene Schwebfliegen, Stubenfliegen und Aasfliegen sowie eine Rote Waldameise. Alle zeigten sich interessiert, inspizierten Lippe und Sporn auf der Suche nach Nektar, waren aber zu klein und verliessen die Blüte, ohne diese zu befruchten.

Nach geduldigem, stundenlangem Warten landete am 5. August 2014 endlich am späten Nachmittag eine Deichhummel (Bombus distinguendus) auf einer Widerbartblüte, manövrierte sich sehr schnell in die richtige Position und fing an, umgekehrt an der Lippe hängend, mit ihrer Zunge die Innenseite des Sporns abzutasten. Nach etwa fünf Sekunden krabbelte sie mit einigem Kraftaufwand rückwärts aus der Blüte, berührte dabei das Klebscheibchen und verliess die Blüte mit einem kompletten Pollinarium am Kopf. Danach besuchte sie noch sehr kurz zwei andere Blüten und flog weiter.

Deichhummel bestaeubt Orchidee Widerbart
Deichhummel (Bombus distinguendus) bestäubt Epipogium aphyllum. © Jacques Kleynen)

Im Lauf der vier Jahre konnten insgesamt siebzehn Bestäubungen durch Steinhummeln (Bombus lapidarius), Deichhummeln (Bombus distinguendus), Dunkle Erdhummeln (Bombus terrestris), Ackerhummeln (Bombus pascuorum) und Wiesenhummeln (Bombus pratorum) beobachtet werden: Somit gelangen wir zur Schlussfolgerung, dass nur Hummeln aufgrund ihrer Grösse und Kraft geeignete Bestäuber des Widerbarts sein können. Weshalb wächst der Widerbart trotz eines Mangels an Bestäubern oft in grösseren Gruppen? Die Antwort findet sich «unterirdisch»: Epipogium aphyllum pflanzt sich auch vegetativ fort und macht immer neue Ausläufer, wobei an bestimmten Vegetationsknospen der Rhizome neue Pflanzen erscheinen können. Somit hat die Art eine zweite sichere, aber verborgene Weise, zu überleben.

Gefahren und Schutzmassnahmen

Der Widerbart ist eine der 362 Pflanzenarten, die in der Roten Liste 2016 als «verletzlich (VU)» eingestuft wurden. Nicht nur wir Naturinteressierte gefährden den Widerbart, wenn wir als «Orchideentouristen» abseits der Wege die Art aufsuchen und die zarten Mykorrhizastrukturen sowie die im Humus versteckten Epipogium-Rhizome zertreten. Neben der Eutrophierung und intensiven Nutzung unserer Wälder leidet die Art auch unter den veränderten Klimabedingungen – wenig Niederschläge und hohe Sommertemperaturen. Hinzu kommen Naturkatastrophen wie zum Beispiel in den letzten Jahren im Unterengadin. Bei mehreren Murgängen (2017, 2018 und 2019) in ein Epipogium-Habitat mit über tausend blühenden Individuen wurde dieses reichste Vorkommen der Schweiz flächendeckend mehrere Zentimeter hoch zugeschüttet und nahezu vollständig zerstört.

Im Vergleich zu anderen einheimischen Orchideen wirkt der Widerbart unscheinbar. Mit seinen wie aus durchscheinendem Alabaster geformten Blüten ist er ein Kleinod in unseren Tannen-Buchenwäldern (Abieti-Fagenion) und aufgrund seiner Seltenheit sehr schützenswert. Waldbesitzern, den Forstämtern sowie den kantonalen Behöden obliegt eine besondere Verantwortung bezüglich dieser Art. Gute Kontakte mit den verantwortlichen Förstern und vor allem der Austausch von Funddaten sind unerlässlich. Der Widerbart braucht sogenannte «störungsfreie Wälder», die von einer forstlichen Nutzung ausgeschlossen werden. Beispiele für einen erfolgreichen Schutz gibt es aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis in Baden-Württemberg und aus Thüringen. Die Arbeitsgruppe Einheimische Orchideen Schweiz (AGEO) setzt sich zurzeit aktiv für den Schutz bestehender Widerbartpopulationen in den Kantonen Graubünden und Solothurn ein.

Orchidee Widerbart
Habitat von Epipogium aphyllum im Unterengadin. © Jacques Kleynen

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