Start Hintergrund Reportage Strike for Future: Was steckt dahinter?

Strike for Future: Was steckt dahinter?

Am Freitag war der Schweizweite Aktionstag von Strike for Future. Trotz Regen gingen Zehntausende auf die Strasse, um sich für eine nachhaltigere Zukunft einzusetzen. Doch was für Anliegen stecken hinter der Bewegung?

«Ufe mit dä Klimaziel, abe mitem CO2». So tönte es gestern in den Schweizer Strassen. Über 100 spannende Aktionen wie Informationsanlässe, Kunst-Installationen und Velo-Demos wurden durchgeführt. Trotz des schlechten Wetters beteiligten sich rund 30’000 Menschen am Strike for Future.

Gespräch mit Klimaaktivistin Laia Meier

Um die Anliegen meiner Mitdemonstrant*innen besser zu verstehen, habe ich das Gespräch gesucht mit einer jungen Klimaaktivistin. Laia Meier ist 21 Jahre alt und studiert Architektur an der ETH. Sie ist aktiv im Klimastreik, in der Arbeitsgruppe für Nachhaltigkeit (AGN) am Departement Architektur der ETH Zürich und in der Organisation Tier im Fokus Zürich (TIF).

Was hat dich dazu bewegt fürs Klima aktiv zu werden?

Es ist ja nicht nur «das Klima». Das klingt immer so distanziert. Als ob man entscheiden kann, ob «das Klima» etwas ist, das einem wichtig ist oder nicht. Doch das Gegenteil ist der Fall. «Das Klima» entscheidet, ob wir eine lebenswerte Zukunft auf unserer Erde haben oder nicht. Für unser Klima zu kämpfen heisst, um unsere Zukunft und die Lebensgrundlage der meisten anderen Lebewesen zu kämpfen. Wie sich die klimatischen Bedingungen entwickeln, geht uns alle etwas an. Warum bin ich aktiv für das Klima? Ich möchte da eine Gegenfrage stellen: Was bleibt mir da übrig? Und wieso sind nicht alle, die die Möglichkeit haben, aktiv für das Klima?

Was ist dir das wichtigste Anliegen?

Wir müssen erkennen, dass Krisen zusammenhängen. Wir müssen einsehen, dass wir, auch wenn wir uns nicht überall einig sind, im Grundsatz für dasselbe kämpfen. Es geht nicht darum, welches Anliegen das wichtigste ist. Am Ende wollen wir eine lebenswerte Zukunft für alle.
Ich wünsche mir, dass wir endlich aufhören mit dem Vergleichen von Dingen, die nicht gut laufen. Wer, wo, was nicht perfekt macht, ist irrelevant für uns. Schlussendlich sind das alles Ausreden. Ob andere Länder die Umwelt mehr belasten als die Schweiz oder nicht, ändert nichts daran, dass wir momentan unsere Klimaziele – welche ohnehin viel zu tief angesetzt sind – nicht einhalten können. 

Denkst du, dass Demonstrationen etwas bewirken?

Demonstrationen zeigen auf eindrückliche Weise, dass eine grosse Menge von Menschen eine Veränderung bewirken will. Ich denke nach der Welle von Schulstreiken und Demonstrationen, die durch Greta Thunberg ausgelöst wurden, kann niemand mehr sagen, dass Demonstrationen nichts bewirken. Ob in der Politik bis jetzt gerecht darauf reagiert wurde, ist etwas Anderes. Aber sie musste reagieren. Und das Bewusstsein in der Gesellschaft hat sich verändert.
Demonstrationen stärken auch die Bewegung selbst. Es ist ein bestärkendes Gefühl, zusammen durch die Strassen zu laufen. Es gibt Hoffnung, man fühlt sich weniger allein und es tut gut, aktiv zu sein.
Es kann jedoch auch frustrierend sein, wenn nach monatelangem Streiken zwar alle darüber reden, aber doch nichts getan wird.

Wie kann man Menschen sonst noch erreichen, aufrütteln und mobilisieren?

Es gibt wahrscheinlich unendlich viele Arten, wie man Aktivismus betreiben kann: Aufklärung durch Vorträge, Filme, Bücher, Social Media, persönliche Gespräche…

Mit der Arbeitsgruppe für Nachhaltigkeit (AGN) am Departement Architektur an der ETH Zürich, versuchen wir beispielsweise das Departement an sich nachhaltiger zu machen und arbeiten daran, dass Nachhaltigkeit eine grössere Relevanz in der Lehre einnimmt. Dort veranstalten wir unter anderem Vorträge, Roundtables, stellen eine Wissensdatenbank zusammen und versuchen Diskussionen über eine zukunftsgerechte Architektur anzuregen.

Wie setzt du dich persönlich für das Klima ein?

Als ich mich vor ein paar Jahren, ich war 17 damals, stärker mit der Klimakrise und der Umweltzerstörung, die wir verursachen, auseinandersetzte, dachte ich, die Lösung liege bei mir. Ich wurde vegan, begann Zero-Waste einzukaufen, Holzzahnbürsten zu brauchen, meine Haare mit Olivenölseife und Zitronen zu waschen und immer eine Glasflasche dabei zu haben, um keine PET-Flaschen zu brauchen. Ich überredete meine Familie noch akribischer zu rezyklieren und versprach mir nur in absoluten Notfällen wieder in ein Flugzeug zu steigen. Eine Zeit lang dachte ich, das wäre genug.
Doch wie wir wissen, reicht das nicht aus. 71% der Treibhausgasemissionen werden durch nur 100 der grössten Konzerne verursacht. Rein durch Eigenverantwortung können wir die Klimakrise nicht aufhalten. Deshalb bin ich heute zwar noch vegan und kaufe Second-Hand-Kleider, aber die Zeit meine Zahnpasta selber zu machen, um kein Abfall zu produzieren, nutze ich jetzt lieber für Aktivismus. Nur wenn wir es schaffen, Politiker*innen zum angemessenen Handeln zu bringen und die Klimakrise endlich ernst zu nehmen, haben wir eine Chance. Wir brauchen einen sozialen und ökologischen Wandel.

Was gibt dir die Energie auf so viel zu verzichten?

Es ist wohl eher die Frage, auf was wir verzichten müssen, wenn wir jetzt nicht handeln. Und eine Frage des Egoismus. Die Menschen und Tiere, die am meisten unter der Klimakrise leiden und leiden werden, sind diejenigen, die am wenigsten Schuld tragen an der Zerstörung unseres Planeten. Wir haben kein Recht auf Luxus. Wir sollten aufhören uns so zu verhalten. Wir müssen Verantwortung übernehmen und unsere Privilegien nutzen, um denen zu helfen, die das nicht können.

Forderungen von Strike for Future

Der Strike for Future fordert den Übergang zu einer nachhaltigen und gerechten Gesellschaft. Dazu soll die Bevölkerung Verantwortung übernehmen, den Status quo hinterfragen und die Anliegen auf die Strasse tragen.

Die Forderungen wurden in einem Manifest niedergeschrieben. Hier ist ein Auszug davon:

So schnell wie möglich CO2-neutral werden; die 1.5 Grad Grenze nicht überschreiten!

Die Klimakrise verschärft alle anderen Krisen. Wir müssen so schnell wie möglich von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien umsteigen. Dies wird jedoch nicht ausreichen. Wir müssen auch unseren Verbrauch reduzieren, Energie wiederverwenden und ein Gleichgewicht zwischen dem Notwendigen und dem Überflüssigen herstellen.

Das Klima und die Biodiversität sind zwei Facetten derselben Krise

Biodiversität ist ein grundlegender Faktor, der das Funktionieren aller Ökosysteme ermöglicht, die die Basis allen Lebens und auch der heutigen Wirtschaftssysteme sind. Jetzt, wo das 6. Massenaussterben bereits begonnen hat, ist es zwingend notwendig, die Bevölkerung zu informieren, damit sie sich der Auswirkungen unseres Handelns bewusst wird.

Für ein soziales, bäuerliches und agrarökologisches Ernährungssystem

Wir erkennen an, dass das derzeitige Modell der Lebensmittelproduktion, das auf Export, Monokulturen für Tierfutter und industrielle Verarbeitung ausgerichtet ist, extrem umweltschädlich ist und weder das Grundrecht aller Menschen auf ausreichende und gesunde Ernährung noch das Recht der Lebensmittelproduzent*innen auf ein angemessenes Einkommen für ihre Arbeit garantieren kann.
Die Lebensmittelverteilung in der Schweiz sollte aus den Händen der Grossverteiler genommen werden, das die Verteilung von stark verarbeiteten und verpackten Lebensmitteln erzwingt. Wir fordern die Unterstützung lokaler Lebensmittelsysteme, die nachhaltige Produktionsprozesse nutzen, deren Auswirkungen sowohl in sozialer Hinsicht als auch in Bezug auf Treibhausgasemissionen, den Einsatz von Pestiziden und anderen Schadstoffen gering sind.

Das ganze Manifest können Sie hier lesen: Strike for Future – Das Manifest

1 Kommentar

  1. Sehr beeindruckend… Gibt irgendwie neue Kraft zum Aktiv werden. Diese Argumente müsste eigentlich jeder verstehen…

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