Start Hintergrund Meinung Bäume pflanzen für den Klimaschutz – eine einfache Lösung oder Greenwashing?

Bäume pflanzen für den Klimaschutz – eine einfache Lösung oder Greenwashing?

Baumpflanzaktionen scheinen der nächste Hype für umweltbewusste Konsument*innen. Immer öfters werben Unternehmen damit, dass für jedes verkaufte Produkt Bäume gepflanzt werden. Aber heisst das, die Produkte sind deshalb nachhaltig? Und tragen die ökologischen Auswirkungen dieser Baumpflanzaktionen wirklich zum Klimaschutz und zur Biodiversitätsförderung bei?

Text von Ennia Bosshard, Lead-Autorin «Rooting Forest Landscape Restoration in Consumer Markets»

Für jedes verkaufte Produkt wird ein Baum gepflanzt – damit wirbt beispielsweise das Schweizer Modelabel NIKIN. Und wer statt Google die Suchmaschine Ecosia nutzt, trägt während dem alternativen Googeln dazu bei, dass Bäume für den Klimaschutz gepflanzt werden. Weltweit versprechen immer mehr Unternehmen, für jeden getätigten Einkauf oder jede Servicenutzung einen oder mehrere Bäume zu pflanzen. Denn das Bewusstsein für die Dringlichkeit dieser Aufforstungsaktionen hat sich rasant verstärkt. Wissenschaftler*innen kommunizieren ganz klar: Noch nie war Aufforstung wichtiger als jetzt. Die nächsten zehn Jahre sind kritisch für den Klimaschutz. Deshalb wurde 2021 von den Vereinten Nationen als Startjahr für die «UN Decade on Ecosystem Restoration» erkürt.

Unsere wachsende Konsumgesellschaft trägt beträchtlich zur Regenwaldabholzung und zum Biodiversitätsverlust bei. Dass die Unternehmen und Dienstleistungsanbieter nun einen finanziellen Anreiz zur Aufforstung dieser Ökosysteme stellen, ist daher begrüssenswert und notwendig. Könnte unsere freie Marktwirtschaft nicht auch dazu genutzt werden, Aufforstungsprojekte zu fördern und somit einen positiven Einfluss auf die Landnutzungsänderung haben?

Was eigentlich ganz einfach klingt (Bäume pflanzen!) ist in der Realität kompliziert. Die ökologischen Auswirkungen und der Erfolg von Baumpflanzaktionen hängen von zahlreichen Entscheidungen ab: Was für Bäume werden gepflanzt, und wo? Sind die Setzlinge resilient, genetisch vielfältig und von einer angemessenen Herkunft, sodass sie den zukünftigen Klimaveränderungen standhalten können? Wenn wir die falschen Bäume am falschen Ort pflanzen, kann dies signifikant mehr schaden als nützen und bringt weder für Mensch noch Natur Vorteile.

Was sind die ökologischen Auswirkungen?

Wir haben uns in einer Studie 40 Initiativen – darunter auch NIKIN und Ecosia – angeschaut, die sich durch Aufforstungsaktionen vermarkten, um zu verstehen, wie die verschiedenen Unternehmen Aufforstung durchführen und finanzieren. Alle analysierten Unternehmen haben aktive Aufforstungsprojekte begünstigt, wahrscheinlich weil dies die klarste Botschaft für Konsument*innen ist: Wir pflanzen Bäume. Ausserdem pflanzen die meisten Initiativen die Bäume nicht selber, sondern arbeiten mit grösseren Orgnisationen wie beispielweise «Trees for the Future» oder «WeForest» zusammen.

Interessant ist, dass die meisten dieser Organisationen Bäume in landwirtschaftlichen Gemischtkulturen (Agroforestry) anpflanzen. Die Integration von Bäumen in der Landwirtschaft trägt beträchtlich dazu bei, die Einkommensmöglichkeiten der lokalen Bauern zu erhöhen, die Bodenqualität zu verbessern, die Biodiversität zu stärken und Kohlenstoff zu speichern. Ein wunderbarer Ansatz, denn die Involvierung der lokalen Bevölkerung (besonders in tropischen Entwicklungsländern) ist ein kaum zu überschätzender Faktor für den Erfolg von Aufforstungsprojekten.

Verantwortungsbewusst konsumieren – und zugleich Wälder aufforsten

Aber: Mit dem Pflanzen von Bäumen in landwirtschaftlichen Gemischtkulturen können wir die verlorenen Wälder nicht wiederherstellen. Insbesondere tropische Regenwälder haben sich über mehrere Millionen Jahre hinweg entwickelt – Tier-, Pilz- und Pflanzenarten sind aufeinander abgestimmt, und es haben sich ausgeklügelte Synergien gebildet. Wir verstehen erst einen winzigen Teil dieser komplexen Systeme. Durch das Pflanzen von Bäumen können wir diese Wälder nicht im notwendigen Zeitraum wiederherstellen. Wir können – und müssen – jedoch neue Ökosysteme kreiieren, die hoffentlich den Ansprüchen von Mensch und Natur gerecht werden, beispielsweise indem sie Lebensraum für verschiedenste Pflanzen und Tiere und Dienstleistungen wie Kohlenstoffspeicherung, Wasserfilterung und Erhohlungsraum für den Menschen bieten. Doch den Verlust der Urwälder können wir damit nicht kompensieren. Deshalb ist und bleibt der wichtigste Schritt, die bestehenden Wälder zu schützen und die Abholzung zu stoppen. Für uns als Konsument*innen heisst dies, möglichst nachhaltig zu konsumieren. Die Gefahr von Öko-Marketingstrategien ist, dass den Konsument*innen glaubhaft gemacht wird, es sei in Ordnung zu konsumieren – es werden ja neue Wälder gepflanzt. Es ist unerlässlich und unglaublich wichtig, unsere Wälder aufzuforsten. Wir brauchen mehr Bäume – wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass dies «nur» Symptombekämpfung ist. Um das Problem bei der Wurzel zu fassen, müssen wir unser Konsumverhalten so ändern, dass wir unsere Wälder erhalten können. Nur das kaufen, was wir wirklich brauchen, und dabei darauf achten, wie es produziert wurde.

2 Kommentare

  1. Guter Artikel mit der leider immer wieder falschen Schlussfolgerung. Liebe Leute bei Naturschutz.ch wann wollt ihr endlich einsehen, welchen gewaltigen Einfluss der Fleischkonsum auf die Abholzung der Wälder, den Klimawandel (auch da sind die Wälder wieder wichtig) und der Stickstoffemissionen (auch dadurch werden Waldökosystem geschädigt) mit all ihren Folgeproblemen hat? Warum verschliesst ihr eure Augen vor dieser wissenschaftlich sauber nachgewiesenen Realität? Ist mir wirklich total unverständlich. Wake up! Die Wälder dieser Erde sind nicht schützbar in dem man einfach fordert «die bestehenden Wälder zu schützen und die Abholzung zu stoppen». Das fordern die Umweltverbände seit Jahrzehnten erfolglos und der Grund für den Misserfolg ist ganz einfach: Solange die Nachfrage nach Fleisch- und Milchprodukten so hoch ist wie heute (1 kg Fleisch pro Person pro Woche in CH) wird auch der Raubbau am Regenwald weitergehen. WIR mit UNSEREM Fleischkonsum holzen die Wälder ab. Die Motivation den Wald zu Roden im Amazonas ist nicht das Holz (die wertvollen Stämme werden relativ schohnend vor dem Abbrennen rausgeholt), sondern kurzfristig nutzbare Anbauflächen für Soja etc. und Viehweiden zu gewinnen bis der Boden nach wenigen Jahren ausgelaugt ist. Auch dies ist wissenschaftlich wasserdicht belegt. Zu schreiben «Um das Problem bei der Wurzel zu fassen, müssen wir unser Konsumverhalten so ändern, dass wir unsere Wälder erhalten können. Nur das kaufen, was wir wirklich brauchen, und dabei darauf achten, wie es produziert wurde.» bringt dem Leser rein gar nichts. Wenn schon müsst zu Beispiel konkret auf die Palmölproblematik hingewiesen werden, welche die Regenwälder in Indonesien und Malysia bedroht. Die Vermeidung von Lebensmittel- und Kosmetikprodukten mit Palmöl ist wichtig, bringt jedoch gegenüber der Reduktion des Fleischkonsums nur einen marginalen Mehrwert.

  2. Der Verein deinbaum erhält seit einigen Jahren viele Anfragen ob wir auch Baumpflanzungen anbieten. Die Pflanzung von Bäumen in der Schweiz und Mitteleuropa ist jedoch nur in seltenen Fällen sinnvoll (z. B. in der Siedlung, in der Landwirtschaftszone und selten im Schutzwald). Im Wald ist es sinnvoller, alte und ökologisch wertvolle Bäume zu erhalten im Sinne einer nachhaltigen und ökologischen Waldnutzung. Ein ganz wichtiger Anteil einer nachhaltigen Waldnutzung ist auch, dass sich die Bäume selber versamen (Naturverjüngung) und eben gerade nicht angepflanzt werden.
    Es freut uns daher sehr zu hören, dass viele Baumpflanzaktionen weltweit in Agroforstsystemen erfolgen, denn dies ist sehr sinnvoll. Auf diese Weise ist gesichert, dass der Eigentümer (Bauer) eine langfristige Motivation hat den Baum zu erhalten und evtl. selber noch weitere zu pflanzen. Aufforstungen im «Niemandsland» sind problematisch, da nicht ausgeschlossen werden kann, dass der Wald danach wieder zur Brennholzgewinnung oder aus anderen Motiven gerodet wird. Solche Aufforstungen müssten rechtlich langfristig gesichert werden, was in vielen Staaten dieser Welt leider kaum möglich ist. Eines der besten Beispiele für eine erfolgreiche Wiederaufforstung einer grossen Landfläche ist wohl das Lössplateau in China. https://www.youtube.com/watch?v=bLdNhZ6kAzo. Erfolgskonzept hier: Die Verbannung der Weidetiere (der Konsum von Fleisch- und Milchprodukten ist immer die grösste Bedrohung für den Wald) und das Recht auf Bodennutzung für die Landbevölkerung.

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