Die Umweltkommissionen des National- und Ständerats möchten den Schutz des Gänsesägers lockern und Abschüsse erleichtern. Sie begründen dies mit dem Rückgang der Fischbestände. Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass nicht der fischfressende Vogel, sondern menschgemachte Probleme für den Schwund der Fische verantwortlich sind.
Mit ihrem gestrigen Entscheid folgte die Nationalratskommission (UREK-N) der Ständeratskommission (UREK-S) und sprach sich für die parlamentarische Initiative 24.431 von Ständerat Regazzi (Mitte, TI) aus. Mit dieser sollen Kantone mit Zustimmung des BAFU den Bestand des Gänsesägers regulieren können – angeblich, um dem Rückgang der Fischbestände entgegenzuwirken.
Doch die wissenschaftliche Forschung zeigt, dass eine solche Massnahme nicht zielführend ist: Die Fischbestände sind nicht durch den Gänsesäger, sondern durch andere Faktoren gefährdet. Gemäss der umfassenden Studie der EAWAG im Auftrag des Bundes zur Thematik (2004)[1] sind u.a. erhöhte Wassertemperaturen aufgrund des Klimawandels, die Schadstoffbelastung oder die schlechte Situation der Lebensräume dafür verantwortlich. Abschüsse von fischfressenden Vögeln erachtet die EAWAG deshalb als «nicht gerechtfertigt» und als einen «Eingriff in das ökologische Gleichgewicht».
Die Schweiz trägt besondere Verantwortung für den Gänsesäger
Der Gänsesäger ist ein in der Schweiz einheimischer Brutvogel. Gemäss der Roten Liste ist er, wie auch beispielsweise die Bachforelle, «potenziell gefährdet». Mit aktuell 600 bis 800 Paaren ist der Brutbestand in der Schweiz relativ klein. Rund die Hälfte der Alpenpopulation des Gänsesägers brütet in der Schweiz. Diese Population ist geografisch und genetisch einzigartig. Die Schweiz trägt dadurch eine besondere Verantwortung für den Gänsesäger und seine genetische Vielfalt.
Vielen Fischarten fehlt es an Lebensraum, etwa geeigneten Laichgebieten. Um den Fischrückgang anzugehen, sind andere Massnahmen als Abschüsse gefordert. Dringend erforderlich ist insbesondere die Renaturierung der Gewässer. Diese ist seit 2011 gesetzlich verankert, doch liegt die Schweiz weit hinter dem durchschnittlichen Jahreszielwert zurück (20km anstatt 50km/Jahr). Statt die echten Probleme von Fischen, anderen Wassertieren und zahlreichen Vogelarten mit ausreichend Ressourcen für die Renaturierung und die Aufwertung der Lebensräume anzugehen, betreiben die sogenannten Umweltkommissionen mit dieser pa. Iv. kurzsichtige Symbolpolitik.
Die Politik ist dringend aufgefordert, wirksame Massnahmen umzusetzen, um Gewässerlebensräume und Wasserqualität zu verbessern. Die Schwächung des Schutzes für den Gänsesäger lenkt von den eigentlichen Ursachen des Fischrückgangs ab und stellt keinen Lösungsansatz dar.
[1] EAWAG (2004): Schlussbericht «Fischnetz». Dem Fischrückgang auf der Spur (PDF-Dokument).




