Start News Forschung Ist eine unzureichende Prüfung von Pestiziden Mitschuld am Artensterben?

Ist eine unzureichende Prüfung von Pestiziden Mitschuld am Artensterben?

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WissenschaftlerInnen fordern einen drastisch geringeren Einsatz von Pestiziden, wie sie in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Sie seien doch nicht so sicher wie oftmals behauptet und sind daher für den Rückgang von Insekten und Vögeln in der Agrarlandschaft verantwortlich.

Der Artikel von Fausta Borsani erschien zuerst auf der Informationsplattform www.ohnegift.ch

Trotz eines enormen Aufwands bei der Prüfung der Umweltauswirkungen von Pestiziden für die Zulassung würden die Praxisbedingungen nicht berücksichtigt. Dies kritisieren Carsten Brühl vom Institut für Umweltwissenschaften Landau und Johann Zaller von der Universität für Bodenkultur Wien in einem frei zugänglichen Meinungsartikel in der Fachzeitschrift «Frontiers in Environmental Science». 

Volksbegehren gegen Pestizide

Der Rückgang der biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft ist offensichtlich und wurde auch von der Politik aufgegriffen. So hat die deutsche Bundesregierung jüngst ein Insektenschutzprogramm verabschiedet und nach einem Volksbegehren in Bayern werden Umweltgesetze verschärft. Die Beteiligung der Pestizide am beobachteten Rückgang der Arten wird auch in Volksbegehren in Baden-Württemberg und auch in der Schweiz thematisiert, in denen starke Reduktionen des Pestizideinsatzes bis zu einem totalen Verzicht gefordert werden. Vgl. auch die «Trinkwasserinitiative» und die «Pestizid-Verbotsinitiative».

LandwirtInnen wehren sich

Gegen diese Pläne wehren sich LandwirtInnen in Deutschland und der Schweiz. Aber wie kann es überhaupt sein, dass die am stärksten regulierte Gruppe von Chemikalien, deren Umweltwirkungen in sehr aufwändigen Verfahren bewertet werden, solch negativen Einfluss haben können? Immerhin werden für die Pestizidzulassung Umweltstudien in Millionenhöhe durchgeführt und zahlreiche Behörden mit deren Bewertung beauftragt.

Zulassungsprozess fehlerhaft

Der Zulassungsprozess ist trotz des enormen Aufwands unzureichend, weil dabei die Praxisbedingungen auf den Feldern nicht berücksichtigt werden. Drei elementare Fehler des Zulassungsprozesses sind: Erstens wird ignoriert, dass auf den Feldern mehrere Pestizide gleichzeitig eingesetzt werden (bis zu 30 im Obstbau), zweitens reagieren Organismen miteinander, die durch Pestizide gestört werden und drittens wird die Artenvielfalt auf den Feldern durch die Spritz-Praxis selbst reduziert. «Das System ist nicht darauf ausgelegt, Biodiversität zu schützen und auch weitere Verfeinerungen des Zulassungsverfahrens werden dies aufgrund der elementaren Fehler nicht ändern», so Carsten Brühl. Aktuell wird die Landwirtschaft für den Biodiversitätsrückgang verantwortlich gemacht, obwohl dort nur geprüfte Pestizide eingesetzt werden. «Der Zorn der Landwirte ist nachvollziehbar, weil ihnen ja von verschiedenen Stellen über Jahrzehnte zu Pestizidanwendungen geraten wurde. Jetzt wird ihnen der Schwarze Peter zugeschoben, weil viele internationale Studien genau diese Pestizide als Mitverursacher der Biodiversitätskrise aufzeigen», erläutert Johann Zaller.

Pestizide sind verantwortlich für den Artenrückgang

Aufgrund der aufgezeigten Fehler im Bewertungssystem sind Pestizide für die Biodiversität nicht sicher. Faktoren wie Flächenversiegelung, Lichtverschmutzung oder die Etablierung von Windkraftanlagen haben einen kleineren Anteil am beobachteten Rückgang der Insekten als der seit den 1970er Jahren andauernde intensive Einsatz von Insektiziden auf den Äckern.

Pestizide drastisch reduzieren

Die beiden Umweltforscher raten angesichts der Eile zur Rettung der Biodiversität zu einer drastischen Reduktion des Pestizideinsatzes, einer Rückbesinnung auf den eigentlichen Kern des integrierten Pflanzenschutzes, einer Erhöhung des Anteils an Hecken und Feldsäumen in der Landschaft und einem weiteren Ausbau der Bio-Landwirtschaft. Es sei entscheidend zu erkennen, dass sich mit einem andauernden hohen Pestizideinsatz der Biodiversitätsverlust in der Agrarlandschaft nur weiter verstärken wird. Eine Umkehr des Trends würde zu einem späteren Zeitpunkt für künftige Generationen immer schwieriger werden.

Eigentlich sollte man nicht lange prüfen, sondern nach den durchaus bekannten Ökotoxwerten die schlimmsten 100 Wirkstoffen von 340 per sofort aussortieren. 

Der Artikel «Biodiversity decline as a consequence of an inappropriate environmental risk assessment of pesticides» ist frei zugänglich in der Fachzeitschrift Frontiers in Environmental Science in der Sektion Toxicology, Pollution and the Environment. https://doi.org/10.3389/fenvs.2019.00177

Die Autoren der Studie

Dr. Carsten Brühl lehrt und forscht am Institut für Umweltwissenschaften Landau an der Universität Koblenz-Landau. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf den Auswirkungen von Pestiziden auf Ökosysteme. Als Experte ist er mit den deutschen und europäischen Zulassungsbehörden an Entwicklungen in der Risikobewertung von Pestiziden beteiligt. Er ist zudem im wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung zum Nationalen Aktionsplan zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln tätig. 

Dr. Johann Zaller lehrt und forscht am Institut für Zoologie der Universität für Bodenkultur Wien. Sein Forschungsschwerpunkt befasst sich mit der Wirkung von Pestiziden auf Ökosysteme mit Schwerpunkt auf Bodenorganismen. Er ist Experte in der Österreichischen Biodiversitätskommission und hat 2018 ein populärwissenschaftliches Buch unter dem Titel «Unser täglich Gift. Pestizide – die unterschätzte Gefahr» veröffentlicht.

2 Kommentare

  1. Es ist doch einfach nichts als logisch: Chemie hat nichts mit Natur zu tun, also gehört es nicht dort hin, es stört doch einfach, je mehr umso massiver, das Gleichgewicht in der Natur! – Chemie ist bloss eine Geldmaschine.

  2. Ich bin überzeugt, dass auch die Siloballen zu einem grossen Teil mitverantwortlich sind. Kummuliert mit den Giften bleibt leider nicht mehr viel übrig. Warum mögen es mittlerweile so viele so gar naturfremd?

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