Start News Forschung Braucht es wegen an Windkraftanlagen getöteter Fledermäuse mehr Pestizide?

Braucht es wegen an Windkraftanlagen getöteter Fledermäuse mehr Pestizide?

Der Tod von Fledermäusen an Windenergieanlagen hat negative Auswirkungen auf die Populationen betroffener Arten und weitreichende Konsequenzen für die Biodiversität im ländlichen Raum. Eine neue Studie zeigt auf, dass dadurch natürliche Nahrungsketten unterbrochen werden – und möglicherweise mehr Pestizide eingesetzt werden müssen.

Grosse Abendsegler ziehen quer durch Europa. Im Norden ziehen sie ihre Jungen auf, bei uns überwintern sie. Auf ihrer Reise treffen sie immer wieder mal auf Windturbinen. Manchmal mit tödlichen Folgen für die Grossen Abendsegler. Aber auch mit Folgen für unsere Lebensräume, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des deutschen Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in einer Publikation aufzeigen.

Untersucht wurde das Beutespektrum von an Windkraftanlagen getöteten Grossen Abendsegler. Diese Fledermausart kommt regelmässig an Windturbinen zu Tode. Carolin Scholz und Christian Voigt – vom Leibniz-IZW – untersuchten, welche Insekten Grosse Abendsegler verzehrten, kurz bevor sie umkamen. Hierfür analysierten sie den Mageninhalt von 17 an Windenergieanlagen getöteten Grossen Abendseglern. Mit Hilfe ausgefeilter genetischer Methoden, inklusive der Hochdurchsatzsequenzierung, suchten sie nach den genetischen Barcodes der verzehrten Insekten. Diese genetischen Barcodes geben über die Identität der Arten Aufschluss. «Wir fanden DNA-Barcodes von 46 Insektenarten aus neun Ordnungen, die meisten davon Käfer und Nachtfalter», sagt Scholz. «Die Insektenarten liessen sich einer Vielzahl unterschiedlicher Lebensräume, von Ackerflächen über Grünland bis zu Wäldern und Feuchtgebieten, zuordnen.» Zwanzig Prozent der identifizierten Insektenarten werden in der Land- und Forstwirtschaft als Schädlinge angesehen, beispielsweise der Esskastanienbohrer (Curculio elephas) oder der Eichenwickler (Cydia splendana). Das Wissenschaftsteam schliesst daraus, dass der Verlust von Fledermäusen bestehende Nahrungsketten unterbricht und es somit zu einer höheren Anzahl von Schädlingen kommen könnte, was möglicherweise durch eine chemische Schädlingsbekämpfung kompensiert wird. Die kostenlose «Service-Leistung» der Schädlingsreduzierung durch Fledermäuse wird durch die Windturbinen beeinträchtigt, und ist somit für die Land- und Forstwirtschaft ein relevantes Thema.

Gerade in Deutschland wird die Windkraft sehr aktiv gefördert. Jüngst wurde beschlossen, die für Windenergieproduktion zur Verfügung stehende Landfläche zu verdoppeln. Ein Gesetzesentwurf sieht vor, dass innert zehn Jahren zwei Prozent der Landfläche für Windparks verfügbar werden. Die Windenergieproduktion trägt zur Reduktion der CO2-Emissionen bei. Aber sie fordert auch eine grosse Anzahl an toten Fledermäusen. «Der Verlust dieser Schlagopfer ist für die Populationen oftmals schwierig abzufangen, da die betroffenen Arten geringe Reproduktionsraten haben. Es verschwinden jedoch nicht nur Individuen aus der Landschaft, sondern potenziell gehen auch ihre Interaktionen in komplexen Nahrungsnetzen verloren» sagt Scholz, Erstautorin des Artikels.

Zählungen haben ergeben, dass pro Jahr mehr als zehn Fledermäuse an jeder konventionell betriebenen Windenergieanlage zu Tode kommen. Das summiert sich bei 30.000 Anlagen auf dem Festland in Deutschland zu grossen, sechsstelligen Schlagopferzahlen. Neuere Anlagen werden mittlerweile in Zeiten hoher Fledermausaktivität zeitweise abgeschaltet, um die Fledermäuse davor zu bewahren, mit den Rotorblättern zu kollidieren. Dies kann die Schlagopferzahl auf ein bis zwei Individuen pro Jahr und Anlage reduzieren. Tragischerweise werden allerdings alte Anlagen – immerhin 75% der Gesamtzahl – nach wie vor ohne derartige Abschaltregeln betrieben. «Wir müssen damit rechnen, dass pro Jahr mehr als 200.000 Fledermäuse an Windenergieanlagen versterben», sagt Voigt. «Wenn weiterhin diese hohe Zahl an Schlagopfern an WEA geduldet wird, werden immer weniger Schadinsekten durch Fledermäuse verzehrt», schlussfolgert Voigt. Fledermäuse spielen als Jäger eine wichtige Rolle bei der natürlichen Regulierung von Insektenbeständen. Der Verlust von Fledermäusen und ihres Einflusses auf Nahrungsketten lässt Ökosysteme anfälliger gegenüber Störungen werden, so mutmassen Voigt und Scholz. Um die Zusammenhänge genauer zu verstehen, bedarf es noch weiterer, tiefergehender Forschungsarbeiten.

Originalpublikation: Scholz C, Voigt CC (2022): Diet analysis of bats killed at wind turbines suggest large scale losses of trophic interactions. Conservation Science and Practice, 2022 e12744. DOI: 10.1111/csp2.12744

(Quelle: idw)

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