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Der Naturgarten, eine Insel

Heute ist der 6. Dezember, seit Tagen sind die Unterhaltsleute – ich wage schon kaum mehr den Begriff „Gärtner“ in den Mund zu nehmen – am Aufräumen, nein am Ausräumen irgend eines Gartens im Quartier. Immer dasselbe Bild und derselbe unüberhörbare Ton. Meist sind es 2-3 Personen, mindestens eine davon mit dem Laubbläser. Damit wird JEDES Blatt aufgespürt: in der hintersten Ecke, unter jedem Gebüsch, auf dem ganzen Rasen, die Kellertreppe hinauf und die Garagen-Einfahrt hinunter. Alles wird abtransportiert: Geäst, Laub, abgeschnittene Stauden. Alles.

Mit dem Laubbläser wird jegliches Kleinleben vernichtet.
© Christine Dobler-Gross

Oft wird auch in die Bäume geblasen, damit diese doofen Blätter, die noch hängen, nicht die ganze schöne saubere Arbeit mit ihrem Herunterfallen wieder zunichte machen. Spätestens hier wird einem bewusst, wie unverzichtbar die Geräte sind. Wo käme man da hin, wenn man die letzten Blätter von Hand herunterholen und auch noch auf eine gefährliche Leiter stehen müsste… Wobei auch das bereits zu sehen ist: Wenn noch eine Hecke zu schneiden war, wird diese, auf der Leiter stehend, von oben nach unten abgeblasen.

Eine Waldmaus knabbert an Maiskolben.
© Christine Dobler-Gross

Abgesehen davon, dass es wohl fast alle nervt, wenn dieser unerträgliche Laubbläserlärm wieder über halbe Tage zu hören ist: fragen wir doch einmal die Lebewesen, was sie zu diesem Garten-unterhalt meinen. Die Antworten wissen wir schon.

Im Dämmerlicht sieht man die Umrisse einer Meise auf dem Kamin.
© Christine Dobler-Gross

All das geschieht im stillschweigenden Einverständnis der Besitzer – Herr Professor, Frau Doktor, Herr Direktor, Familien mit Kindern, auch junge Familien. Ich frage mich, ob diese Leute überhaupt jeweils zu Hause sind bei diesem unsäglichen Tun und unerträglichen Lärm. Ich frage mich weiter, wo denn die 74 Prozent der Leute in der Schweiz leben, welche sich laut einer grossangelegten Umfrage für die Biodiversität einsetzen wollen. Sehen so biodiverse Gärten aus?
Gar 85 Prozent der Befragten würden Biodiversitätsflächen in Siedlungen begrüssen, hier nachzulesen: www.nzz.ch

Eine Blaumeise sitzt im Baum.
© Christine Dobler-Gross

Aber bitte nicht im eigenen Garten. Und wenn alle dasselbe machen und niemand etwas dagegen hält, muss es ja richtig sein.

Die Petition gegen den Gebrauch von Laubbläser wird eingegeben.
© Christine Dobler Gross

Der Gemeinderat in Zürich hat jetzt die Chance, der eingereichten Motion zuzustimmen und die Laubbläser als neustes Symbol dieses natur- und nachbarfeindlichen Gartenunterhalts wenigstens auf die Monate Oktober und November einzudämmen. Es ist eine grosse Chance, eine Wende auf politischer Ebene im Bewusstsein der Leute herbeizuführen. In Genf findet die Einschränkung dieser Geräte schon seit Jahren statt. Weitere Informationen dazu finden Sie hier.

Ein naturnaher Garten sieht im Herbst immernoch wild aus.
© Christine Dobler Gross

In unserm Garten sieht es im Spätherbst so aus. Ein Naturgarten ist eine Insel.

Zwei Feldwespen, die im Vogelhäusschen überwintern.
© Christine Dobler-Gross

Glück gehabt, dass die Feldwespen von mir entdeckt wurden beim Säubern des Vogelhäuschens, sie dürfen im Kasten überwintern. Ich frage nicht nach ihrer Nützlichkeit, sie sind einfach schön und irgendwie berührend, wie sie hier sitzen, und gehören zum Ganzen.

3 Kommentare

  1. Bravo zu dem Artikel. In unserem Garten waren diese Woche die Distelfinken auf unseren stehengelassenen Karden zu Besuch. Beim Nachbarn waren sie nicht, der hat es gerne sauber im Garten.

  2. Seit der Niederschrift dieses Blogs haben Gespräche mit beiden Seiten doch recht Erstaunliches zutage gebracht: Der Auftraggeber delegiert offenbar das „Einwintern“ des Gartens an seinen „Gärtner“, er redet nicht drein, sein Standpunkt: der Gärtner ist der Profi. Der Gärtner wiederum geht davon aus, dass sein Auftraggeber es möglichst sauber haben will und macht seine Arbeit entsprechend. Meist unterbleibt ein Gespräch im Voraus. Mein Fazit: wenn der Auftraggeber delegiert und dem Gärtner freie Hand lässt, hat dieser ja durchaus Gestaltungsspielraum und könnte folglich mit mehr Gespür für die Natur und die Lebewesen handeln. Vorausgesetzt natürlich, er hat das notwendige Wissen dazu. Dort muss folglich angesetzt werden: es braucht eine entsprechende Weiterbildung der Grünflächenunterhalter. Ein Anliegen, das man nicht lange begründen muss: wer mit offenen Augen durch die Gegend geht, hat festgestellt, wie je länger je mehr „verstümmelt“ anstatt gepflegt wird.

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