Start Hintergrund Portrait Interview: Stolpersteine und Chancen für neue Verbindungen

Interview: Stolpersteine und Chancen für neue Verbindungen

Newsletter Anmeldung

Erhalten Sie die neusten Jobs und News.

Dank Ihrer Hilfe können wir spannende Artikel aufbereiten, den Veranstaltungskalender pflegen und die Job-Platform betreuen.

Mit dem Projekt «Wiederherstellung von Landschaftsverbindungen» will der Kanton die zerschnittenen Lebensräume für Wildtiere wieder durchgängiger machen. Dabei gibt es Erfolge, aber auch Fallstricke. Gemeinden und Bevölkerung können solche Projekte unterstützen.

Interview mit Christoph Abegg – Projektleiter Umwelt, Abteilung Projektieren und Realisieren Tiefbauamt, Baudirektion Kanton Zürich – durchgeführt von Isabel Flynn; Artikel aus der «Zürcher Umweltpraxis» (ZUP, Ausgabe Nr. 95)»

Mit welchen Schwierigkeiten kämpfen Sie bei den Projekten?

Bei der Anpassung bestehender Bauwerke ist die grösste Herausforderung, Lösungen für unterschiedliche Interessen zu finden. Die Bedürfnisse bisheriger Nutzer der Querungsbauwerke müssen mit den Anforderungen der Wildtiere in Übereinstimmung gebracht werden. Für den Unterhalt eingebauter Laufflächen, Naturbeläge oder von Leitstrukturen wie Sträuchern und Bäumen müssen Lösungen gefunden werden. Aber auch die Interessen verschiedener Umweltfachstellen stehen sich teilweise gegenüber, zum Beispiel die Durchgängigkeit für Land- und Gewässerorganismen, die Hochwassersicherheit oder der Gewässerunterhalt.

Was sind weitere Stolpersteine?

Bei den Anlageeigentümern führten neben den knappen Finanzen und Konflikten mit bestehenden Nutzungen auch manchmal Bedenken zu einer ablehnenden Haltung, die Massnahmen könnten künftige Sanierungen oder den Unterhalt erschweren.

Private stehen wiederum oft Leitstrukturen wie Gehölzen auf ihren Grundstücken kritisch gegenüber. Um diese langfristig zu sichern, wären im Grundbuch eingetragene Dienstbarkeiten von grossem Vorteil. Eine solche akzeptiert jedoch kaum ein Grundeigentümer freiwillig.

Die Sicherung der Pflege ist ebenfalls eine Herausforderung. Im Fall von Landwirtschaftsflächen können für Hecken oder andere Leitstrukturen zwar Bundesgelder bezogen werden. Vielen Landwirten reichen diese jedoch nicht, um entsprechenden Massnahmen zustimmen zu können. Hier fehlen uns noch die Instrumente für zusätzliche Anreize. Auf Nicht-Landwirtschaftsflächen können wir zurzeit überhaupt keine Entschädigungen für die Pflege ausrichten.

Eine weitere Herausforderung ist der Rückbau bestehender Hindernisse, etwa von Zäunen.

Wie steht es im dichter besiedelten Raum?

Einige Landschaftsverbindungen befinden sich im Siedlungsgebiet, zum Beispiel Nr. 27 Bassersdorf oder Nr. 29 Wangen-Brüttisellen. Hier ist es essenziell, für Wildtiere nutzbare Grünkorridore zu erhalten. Im Siedlungsgebiet gibt es naturgemäss auch sehr viele konkurrierende Nutzungen, beispielsweise Sportplätze, andere Erholungseinrichtungen oder die Ausweitung von Bauzonen. Die Gemeinden und der Kanton, insbesondere das Amt für Raumentwicklung ARE, brauchen hier ein grosses Geschick.

Und während der Bauphase selbst?

Während des Baus kommt es immer wieder zu Überraschungen, beispielsweise wegen unerwarteten Baugrunds, unbekannter Leitungen oder neu aufgetauchter Anforderungen.

Beim Kleintierdurchgang Heuberg stiessen wir während des Rohrvortriebs auf eine unbekannte Leitung und auf einen riesigen Findling.

Wer setzt bei den Planungen die Prioritäten?

Die Anpassung der bestehenden Bauwerke führen wir als Unterhaltsprojekte, also ohne formale Projektfestsetzung durch. Hier konnten wir also nichts gegen den Willen von Betroffenen durchsetzen, das heisst wir mussten Kompromisse finden, bei welchen alle einverstanden sind.

Wie geht es weiter nach der Erstellung?

Die angepassten und neuen Querungsbauwerke werden den zuständigen Unterhaltsdiensten übergeben. Bei den neu gepflanzten Leitstrukturen läuft eine dreijährige Entwicklungspflege, bis sich die Gehölze etabliert haben. Anschliessend werden auch diese dem betrieblichen Unterhalt oder Landwirten zur Pflege übergeben. Ausserdem führen wir Erfolgskontrollen mit Fotofallen durch. Bei einigen Bächen beobachten wir die Entwicklung der Gewässersohle.

Gemeinden können die Verbindung unterbrochener Lebensräume ebenfalls fördern. Im Foto: Bachdurchlass mit kleintiergängigen Banketten, Aufdorfstrasse, Männedorf. © I. Flynn

Welche Projekte wurden umgesetzt, welche stehen an?

Die notwendigen Anpassungen bestehender Bauwerke des Kantons wurden mit dem vorliegenden Projekt «Kurzfristige Massnahmen zur Wiederherstellung von Landschaftsverbindungen» beziehungsweise im Rahmen laufender Instandsetzungen von Strassen und Brücken bereits durchgeführt.

Bei anderen Infrastrukturbetreibern, etwa dem ASTRA oder den SBB stehen diese Massnahmen teilweise noch aus. Die grossen Wildtierüber- und -unterführungen sollen gemäss Richtplan im Rahmen von Unterhalt, Erneuerung oder Neubau der entsprechenden Infrastrukturbauten realisiert werden. Hier geht es um grössere Zeiträume von bis zu 20 Jahren. Die Realisierung der meisten dieser Bauwerke steht deshalb noch aus.

Welche Baute ist besonders gelungen?

Für mich persönlich ist jede durchgeführte Massnahme zur Verbesserung der Durchgängigkeit für Wildtiere eine kleine Erfolgsgeschichte. Bei einigen waren für die Realisierung lange und zähe Verhandlungen notwendig, da steckt viel Herzblut drin. Umso grösser ist dann natürlich die Genugtuung, wenn sie trotzdem realisiert werden können.

Besonders gefreut haben mich auch Massnahmen, bei welchen wir gleichzeitig eine Verbesserung für land- und gewässergebundene Tiere erreichen konnten, zum Beispiel beim Meilibach.

Woran scheitern Projekte, die nicht umgesetzt werden?

Diese scheiterten zum einen aufgrund der Interessen an bestehenden Nutzungen, zum Beispiel durch Erholungssuchende. Zum anderen werden Projekte nicht realisiert, wenn die finanziellen Ressourcen für bauliche Massnahmen oder Unterhalt fehlen. In einigen Fällen wurde grundsätzlich angezweifelt, dass die Durchgängigkeit für Wildtiere mit solchen Massnahmen verbessert werden muss.

Wie stehen Gemeinden den Massnahmen gegenüber?

Die einen Gemeinden zeigten ein grosses Interesse an den Massnahmen. Hier war die Zusammenarbeit sehr konstruktiv. Einige Gemeinden wurden selbst aktiv und haben ergänzende Massnahmen auf eigene Kosten realisiert, so etwa wurde ein Bach renaturiert, oder es wurden Wildwarntafeln installiert. Andere Gemeinden zeigten weniger Verständnis. Hier war zum Teil grosse Überzeugungsarbeit bei den zuständigen Gemeinderäten notwendig. Bei einer geplanten Landschaftsverbindung konnten wir bedauerlicherweise überhaupt keine Verbesserungsmassnahmen realisieren.

Was würden Sie sich von den Gemeinden wünschen?

Von den Gemeinden wünsche ich mir, dass sie die Thematik im Auge behalten. Wo heute ein Budget fehlte oder andere Umstände Massnahmen im Weg standen, können diese vielleicht in den kommenden Jahren realisiert werden, zum Beispiel wenn ohnehin eine Sanierung ansteht oder sich die Verhältnisse ändern. Bei künftigen Vernetzungs- oder Landschaftsentwicklungskonzepten soll den Vernetzungsachsen eine grössere Beachtung geschenkt werden.

Wie können Bevölkerung oder Verbände aktiv werden?

Die Bevölkerung kann die Massnahmen unterstützen, indem sie die Empfehlungen auf den Infotafeln befolgt. Werden Hunde im Bereich der Massnahmen an die Leine genommen, werden Wildtiere weniger aus naheliegenden Verstecken vertrieben. Dann steigt die Chance, dass sie die Querungsbauwerke auch nutzen.

Spezifische Wildtierquerungen oder Bauwerke, welche nicht für die Querung von Menschen gedacht sind, zum Beispiel Bachdurchlässe mit Laufflächen für Kleintiere, sollten überhaupt nicht betreten werden.

Die Naturschutzverbände können die Massnahmen durch eigene Sensibilisierungskampagnen oder Projekte im Umfeld unterstützen. Je nach Adressat haben Nichtregierungsorganisationen einen leichteren Zugang. Im Idealfall können so Massnahmen realisiert werden, bei welchen wir als Staatsvertreter auf Granit beissen. Pro Natura hat beispielsweise im vergangenen Jahr die Kampagne «Freie Bahn für Wildtiere!» lanciert.

Amphibienzäune und -tunnel

Bekannt ist die Zerschneidung und die Gefahr, die mit der Querung einer Strasse einhergeht, bei Amphibien. Diese ziehen im Frühling zu ihren Laichplätzen und werden dabei oft überfahren. Amphibienzäune führen zu einem Amphibientunnel bzw. zu einem eingegrabenen Eimer, mit dem sie «gesammelt» und dann von freiwilligen Helfern auf die andere Seite gebracht werden können. Hier handelt es sich in der Regel um kleinere Bauwerke, die jedoch gefährdeten Arten wie der Kreuzkröte, der Gelbbauchunke, weiteren Amphiben, aber auch anderen Kleintieren zugutekommen.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here

TOP-NEWS

Newsletter Anmeldung

Erhalten Sie die neusten Jobs und News.

Dank Ihrer Hilfe können wir spannende Artikel aufbereiten, den Veranstaltungskalender pflegen und die Job-Platform betreuen.

X
X