Start Hintergrund Meinung Wiederverwenden statt verbrennen? Wann Ski-Recycling Sinn macht

Wiederverwenden statt verbrennen? Wann Ski-Recycling Sinn macht

Die allermeisten Skis werden nicht rezykliert, da die fest verbundenen Materialien nur schwer voneinander zu trennen sind. Der Deutsche Skiverband schätzt, dass in Deutschland jährlich
ca. 350 000 Paar Ski entsorgt werden. Dass diese nicht rezykliert werden, bedeutet einen immensen Rohstoffverlust. Im Interview erklärt Hanno Schwab, Gründer und Produktionsleiter von Earlybird Skis, wie es in Zukunft anders gehen könnte.

Interview von Tim Marklowski, Mountain Wilderness Schweiz

Tim Marklowski: Hanno, jährlich landen abertausende Paar Ski im Sperrmüll und damit aufwendig gewonnene Ressourcen, die unter grossem Aufwand zum geliebten Sportgerät verarbeitet wurden. Wie kann das sein?

Hanno Schwab: Bisher ist es eben noch so, dass sich die zum Ski verklebten Bestandteile nur sehr schwer trennen lassen. Schwer, aber nicht unmöglich.

Du behauptest von deinen Skiern, dass diese rezyklierbar seien und Earlybird Skis damit ein Unternehmen der «circular economy» sei. Was hat es damit auf sich?

Wir verwenden ab dieser Saison ein neues Epoxidharz-System, welches sich am Ende der Produktlebenszeit wieder lösen lässt. Somit kann man einen Ski wieder in seine Einzelbestandteile zerlegen und alles sortenrein rezyklieren.

Unsere Ökobilanz hat ergeben, dass die Entsorgung der Skis in einer Schweizer Kehrichtverbrennungs-Anlage die Umwelt weniger belastet als das Recycling. Dies, weil man die Skis dafür in eine geeignete Einrichtung nach Barcelona schicken muss, und weil die Recyclinganlage dort zudem mit konventionellem Strom betrieben wird. Also macht Ski-Recycling gar keinen Sinn?

Aktuell ist das so. Aber es geht in diesem Stadium um ein sogenanntes «proof of concept», also darum, der Industrie zu zeigen, dass Ski-Recycling möglich ist. Die durchschnittliche Lebensdauer eines Tourenskis beträgt ca. sechs Jahre. Das Ziel ist, dass in absehbarer Zeit mehr Hersteller auf Recycling-Technologie setzen und damit ein Netz von Recycling-Anlagen entsteht, die zudem CO2-neutral mit Ökostrom arbeiten. Die Skis (und auch Snowboards und andere Verbundwerkstoffe) werden dann der nächsten regionalen Anlage zugeführt – dann macht das Ganze ökologisch absolut Sinn. Die Sportbranche ist oft auch ein Wegbereiter für neue Technologien. Wenn andere Branchen wie z. B. Bootswerften oder die Automobilhersteller nachziehen, sind die Auswirkungen immens, hier sprechen wir von ganz anderen Mengen. Jemand muss den ersten Schritt machen und beweisen, dass es funktioniert.

Jemand muss den ersten Schritt machen und beweisen, dass es funktioniert.

Hanno Schwab, Gründer, Mitinhaber und Geschäftsführer von Earlybird Skis. Seine Ausbildung zum Dipl.-Ing. FH Architektur/Bauingenieurwesen absolvierte er in Chur. 2014 gründete er Earlybird Skis als kleines Nebenprojekt, mittlerweile ist es seine Hauptbeschäftigung. Die Serienproduktion der Skis befindet sich in zwei kleinen familiengeführten Manufakturen in Tschechien und Italien. Die Materialien für die Herstellung der Skis werden nach den Prinzipien der Circular Economy ausgewählt: Nachhaltigkeit, Langlebigkeit, Rezyklierbarkeit.

Was ist für dich die wichtigste Erkenntnis aus unserer Ökobilanz? Wo sollte die Industrie als Ganzes ansetzen und welche Schlüsse ziehst du für Earlybird Skis?

Der Einsatz von nachhaltigen Materialien, neuen Technologien und regenerativer Energie in der Produktion sollte der Standard in der Branche werden. Die Technologien sind entwickelt und funktionieren. Für Earlybird Skis war meine wichtigste Erkenntnis, dass wir die Kunden noch mehr als bisher darauf aufmerksam machen müssen, wie wichtig neben den ökologischen Produkten auch eine Änderung der Mobilitätsgewohnheiten ist. Es bringt nichts, «nachhaltige» Produkte zu kaufen, wenn die Anreise zur Skitour immer mit dem Auto erfolgt. Das macht sofort alles zunichte. Hier ist die Arbeit von Mountain Wilderness und anderen Organisationen enorm wichtig.

Was sagst du zur geringen Transparenz in der Ski-Industrie? Was muss passieren, damit sich das Thema Nachhaltigkeit in der Ski-Szene genauso etabliert wie bei der Bekleidung?

Ein Grund für die niedrige Antwortrate auf euren Fragebogen ist sicher, dass die Hersteller schlicht keine Daten zur Nachhaltigkeit ihrer Produkte haben. Viele Marken lassen zudem an mehreren Standorten bei verschiedenen externen Herstellern produzieren, es fehlen Standards und Übersicht. Generell muss man sagen, dass Produzenten in der Schweiz oder der EU wenigstens an geltende Emissions- und Arbeitsschutzgesetze gebunden sind. Anders sieht es natürlich in Ländern in Asien oder z. B. der Ukraine aus, wo einige grosse Fabriken stehen. Kostengünstig lässt sich nicht nur mit niedrigem Lohn, sondern auch mit geringen Umweltstandards produzieren.

In der Hardware-Branche gibt es noch keine Öko-Labels oder Standards wie in der Textilindustrie. Diese sind meiner Meinung nach aber nötig, um den Konsumierenden eine klare Entscheidungshilfe zu geben. Sie müssen für das Thema sensibilisiert werden. Sobald der Handel Druck von der Kundschaft bekommt, wird sich auch hier etwas bewegen.

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