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Getestet: Apps zum Vogelstimmen erkennen

  • Benjamin Kämpfen

Vielfältig sind die Gesänge der Vögel und eine Bestimmung nicht immer einfach. Eine Erkennung per Handy-App wäre doch toll – aber ist das überhaupt möglich? Naturschutz.ch hat zwei Apps getestet.

«Gibt es noch kein App dafür?» Diese Frage wird Ornithologen schnell gestellt. Meistens ist es die zweite Frage nach «Was singt denn jetzt hier?» Bei Musiktiteln funktioniert dieses Prinzip ja bereits ausgezeichnet, so die Überlegung. Also Handy hochstrecken, Aufnahmeknopf drücken und dann per App den singenden Vogel bestimmen. Und ja, solche Apps gibt es tatsächlich, aber klappt dann die Bestimmung auch? Und: Muss ich mir als Leiter von Ornithologie-Kursen Sorgen machen, dass solche Kurse in Zukunft gar nicht mehr gefragt sein werden?

Testen wir also die zwei verbreitetsten Vogelstimmen-Bestimm-Apps! Das erste App, Zwitschomat, ist nur für Apple-Geräte erhältlich (inklusive Unterstützung von Apple Watch) und kostet 3 Franken, Vogelstimmen ID gibt es für Apple- und Android-Geräte und kostet 5 Franken. Allzu viel Geld muss also nicht ausgegeben werden. Das günstigere Zwitschomat ist hübsch gestaltet und die Navigation fällt leicht. Die Funktionen sind auf das Wesentliche beschränkt, nämlich die Aufnahme und das Erkennen von Stimmen. Sehr sympathisch ist, dass für die Wiedergabe von Stimmen eine «Vogelschutz-Funktion» mit verringerter Lautstärke besteht, um die Brutvögel im Feld nicht zu stören.

Vogelstimmen ID ist deutlich umfassender, was leider auch zu einer etwas unübersichtlichen Navigation führt. Für jede Vogelart ist jeweils eine kurze Beschreibung des Gesangs und eine bildliche Darstellung des Gesangs, ein sogenanntes Sonagramm, vorhanden. Daneben hat das App eine Funktion, welche es ermöglich soll, durch das Beantworten von sieben Fragen (Tonhöhe, Lautstärke, Gesangsdauer etc.) den Vogel bestimmen zu können. Bei diesem App werden die Vogelstimmen 30 Sekunden lang aufgenommen, während bei Zwitschomat schon nach zwölf Sekunden Schluss ist. Vogelstimmen ID umfasst allerdings nur knapp 40 Vogelarten, während Zwitschomat mehr Arten berücksichtigt.

Dann also raus damit und testen! Schon nach einiger Zeit folgt die Ernüchterung. Eine Aufnahme hinzukriegen, mit der das App zufrieden ist, ist gar nicht so einfach. Oftmals heisst es entschuldigend «Leider kein Vogel» oder «Audioqualität zu schlecht». Damit es klappt, muss man dem Vogel schon sehr nahe sein. Neben der Distanz ist auch ganz entscheidend, dass nur eine Vogelart singt. Allzu oft stören andere Vögel mit ihrem Gesang so, dass eine Bestimmung nicht mehr möglich ist. Vom Verkehrslärm, laut plappernden Menschen und anderen Geräuschen wollen wir gar nicht reden…

Gelingt es mal, einen Vogel zu identifizieren, der genug laut, in der Nähe und ohne Störgeräusche singt, so ist die Bestimmung aber noch keineswegs gesichert. Ein erster Versuch mit diesem Vogel hier:

 

Was für das geschulte Ohr ganz klar ein Buchfink ist, sorgt offensichtlich bei den Apps für Fragezeichen. Zwitschomat kann sich nicht zwischen Kohlmeise, Grünfink oder Mauersegler entscheiden und für Vogelstimmen ID tönt es nach Blaumeise, Nachtigall oder Kohlmeise. Immerhin kommen beide Apps auf Kohlmeise, da herrscht Einigkeit… ;-)

Resultat Zwitschomat
Resultat Zwitschomat
Resultat Vogelstimmen ID
Resultat Vogelstimmen ID

Erfolgserlebnisse gibt es dann doch noch zu vermelden. Beide Apps erkennen den folgenden Gesang:

 

Konnten Sie den Vogel auch bestimmen? Es ist ein Zaunkönig, der hier laut und deutlich in einer Entfernung von bloss fünf Metern singt. Sowohl bei Vogelstimmen ID als auch bei Zwitschomat ist der Zaunkönig der Top-Favorit. Erstaunlich, dass nach nur einer Gesangsstrophe bereits die richtige Art erkannt wird!

Resultat Zwitschomat
Resultat Zwitschomat
Resultat Vogelstimmen ID
Resultat Vogelstimmen ID

Leider bleiben die Erfolgserlebnisse selten. So scheitern beide Apps auch am typischen Gesang des Girlitz. Das Flöten der Amsel klappt manchmal halbwegs, häufig kommen aber auch Vorschläge, die weit hergeholt sind. Die Feldtauglichkeit ist klar eingeschränkt. Überhaupt schon ein Aufnahme hinzukriegen, die den Ansprüchen der Apps genügt, ist schwierig. Allzu häufig singt ein anderer Vogel mit rein oder die Aufnahme endet, bevor der Vogel zum Gesang ansetzt.

Nach den durchzogenen Erfahrungen im Feld machen wir noch den Labortests. Ab Computer spielen wir zwei Gesänge ab. Erstens ein Buchfink, welcher einen stereotypen, immer gleich aufgebauten Gesang hat:

Es wäre zu erwarten, dass ein solcher Gesang für ein Programm einfach zu erkennen wäre. Vogelstimmen ID löst diese Aufgabe auch gut, während Zwitschomat sich nicht recht zwischen Zilpzalp und Tannenmeise entscheiden kann.

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Resultat Vogelstimmen ID
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Resultat Zwitschomat

Mal im Ernst: Die Unterscheidung zwischen Buchfink, Zilpzalp und einer Meise ist den meisten Menschen nach etwa zwei Minuten klar. Hier bringt das App also herzlich wenig. Aber egal, machen wir den Test nochmals mit einer Nachtigall. Dieser braune Vogel singt äusserst variabel – wie werden die Apps hier abschneiden?

Schon etwas schwieriger und keine App trifft ins Schwarze. Vogelstimmen ID ist sehr nahe dran und schlägt Gesänge vor, die wirklich passen können, mit Ausnahme des topplatzierten Kleibers. Mit etwas Vergleichen sollte aber hier auch der Laie auf die richtige Lösung kommen. Zwitschomat ist auch hier keine Hilfe und die Vorschläge scheinen eher von einem Zufallsautomaten als einem sinnvollen Algorithmus zu entstammen.

Resultat Vogelstimmen ID
Resultat Vogelstimmen ID
Resultat Zwitschomat
Resultat Zwitschomat

Im Direktvergleich schnitt Vogelstimmen ID etwas besser ab als Zwitschomat, auch wenn die Benutzung etwas weniger intuitiv ist. Die Bestimmung ist selten auf Anhieb richtig, aber die Vorschläge sind von einer höheren Qualität als beim Konkurrenzprodukt. Massgeblich dazu beitragen dürften die längeren Aufnahmen. Die zwölf Sekunden bei Zwitschomat sind arg knapp bemessen und häufig fällt es schon schwer, eine Aufnahme mit einem singenden Vogel hinzukriegen.

Die Vogelstimmen-Apps werden also zumindest auf absehbare Zeit eher als lustiger Gag denn als seriöse Bestimm-Hilfe dienen. Auch wenn mit dem technologischen Fortschritt die Bestimmungen wohl besser werden, bleiben die Schwierigkeiten, im Feld eine genügend gute Aufnahme zu erhalten, auch in Zukunft bestehen. Im Herausfiltern und Fokussieren auf den richtigen Gesang bleibt das menschliche Gehör den Maschinen wohl noch einige Zeit überlegen. Und so muss ich mir auch definitiv keine Sorgen machen, dass die Ornithologie-Kurse in Zukunft nicht mehr gefragt sein werden…

Zwitschomat für Apple-Geräte

Vogelstimmen ID für Apple-Geräte

Vogelstimmen ID für Android

Ornithologische Grund- und Vertiefungskurse bieten zahlreiche Kantonalverbände und Sektionen von BirdLife Schweiz an.

 

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