Früh schon scheint die Sonne aufs «Hore» hinter der Rotstockhütte. © M. Fehr
Früh schon scheint die Sonne aufs «Hore» hinter der Rotstockhütte. © M. Fehr

Drei Tage wandern und in drei Täler gucken

  • Selina Fehr

Eine der buchstäblich aussichtsreichsten Bergwanderungen der Schweiz führt über kleinere Pässe, an Gletschern vorbei in drei der schönsten Täler des Berner Oberlands: Vom Lauterbrunnental über die Sefinenfurgge ins Kiental, dann über das Hohtürli ins Kandertal. Unterwegs erblicken wir spektakuläre Wasserfälle und urtümliche Gesteinsformationen, übernachten in gemütlichen Berghütten und geniessen zum Abschluss der dreitägigen Tour den Oeschinensee.

Ab Interlaken wird die Landschaft vom Zugfenster aus abenteuerlicher. Immer grössere Felsen machen die Nähe des Gebirges deutlich. In Zweilütschinen trennt sich der Zug, die eine Hälfte fährt nach Grindelwald, in den anderen Wagons fahren wir nach Lauterbrunnen. Umrahmt von majestätischen Felswänden mit den berühmten weissen Wasserfällen liegt der Ort, der sportlicheren Wanderern als Ausgangspunkt dient. Wer sich jedoch wie wir am ersten Wandertag lieber noch schont, nimmt ab hier das Postauto zur Talstation der Gondel in Stechelberg.

Erster Tag: Eiger, Mönch und Mondaufgang

Während wir hochgondeln geniessen wir die Aussicht auf das Tal der Wasserfälle und die umliegenden Berge. Uns gegnüber thronen Eiger, Mönch und Jungfrau. Im autofreien Dorf Mürren angekommen, geht die Wanderung los, gestärkt von Kaffee und heisser Schoggi, die wir auf der Terrasse von einem der Restaurants mit dieser schönsten aller Aussichten schlürften.

Ein Blick zurück nach Mürren und auf den Eiger. © M. Fehr
Ein Blick zurück nach Mürren und auf den Eiger. © M. Fehr

Am Dorfrand steigt der Weg hoch, an Alphäusern und -ställen vorbei, über üppige Blumenwiesen und moosige Steine im Schatten der letzten Bäume vor der Baumgrenze. Am Wegesrand stehen Alpen-Frauenmantel und andere typische Kräuter dieser Stufe. Wer Anfang Juli hier ist, erlebt einen wunderschön blühenden Bergfrühling.

Ein typischer Wanderpfad schlängelt sich entlang der Weiden zur Rotockhütte hoch. © M. Fehr
Ein typischer Wanderpfad schlängelt sich durch Weiden zur Rotstockhütte hoch. © M. Fehr

Ziel der ersten Etappe ist die Rotstockhütte, die wir nach ca. zwei Stunden erreichen. Das kleine Steinhaus mit den leuchtend roten Fensterläden empfängt seit über 50 Jahren müde WandererInnen auf 2039 m.ü.M. In dem wilden Bergkessel am Fuss des Schilthorns hören wir Kuhglocken läuten und die prächtige Rundsicht lädt zum verweilen ein. Mit etwas Glück sieht man auch Murmeltiere, oder zumindest die Eingänge zu deren Bauten, die teilweise auch nah vom Weg erkennbar sind. Zufrieden mit diesem eher gemächlichen Einstieg in unsere Wandertage geniessen wir das Hüttenznacht und den aufgehenden Mond hinter den Berggipfeln, bevor wir uns im Massenlager schlafen legen.

Die Wolken am Himmel ziehen sich schon etwas zu, so sind wir froh, bei unserer Hütte anzukommen. © M. Fehr
Die Wolken am Himmel ziehen sich schon etwas zu, so sind wir froh, bei unserer Hütte anzukommen. © M. Fehr

Zweiter Tag: Viel hoch, viel runter

Nach dem Frühstück und nachdem wir unsere Trinkflaschen mit dem «Marsch-Tee» gefüllt haben, geht der Weg weiter, Richtung Sefinenfurgge, dem ersten kleinen Pass auf 2611 m.ü.M. Das letzte Stück geht steil hoch, neben dem Weg können sich nur noch wenige Pflanzen halten. Das Gelände ist geröllig und erfordert gute Trittsicherheit. Auf den letzten Metern bläst ein zügiger Passwind. Mit Windjacke über dem verschwitzten Hemd lässt sich hier gut eine Pause einlegen, mit Blick ins Kiental und zurück Richtung Jungfrau.

Auf dem nächsten Abschnitt bleibt das Gelände sehr steil und steinig und ist nur für schwindelfreie Wanderer geeignet. Vom Pass aus windet sich der Weg erst dem Hang entlang und führt immer wieder auch runter, an einer Stelle müssen wir eine kleine Felswand per Leiter überwinden. Andere Wegstücke sind mit Holztreppen uns Fixseilen gangbar gemacht. Im Hintergrund sehen wir graublau den Gamchigletscher, darunter den Wildbach, der daraus entspringt und Richtung Griesalp fliesst.

Blick auf die Karte, die die ungefähre Route der drei Tage zeigt:

Schafe und Sonnenuntergang

Allmählich wird die Landschaft wieder sanfter, die Grasnarbe bleibt jedoch dünn und grosse Schuttkegel erinnern an die gewaltigen Kräfte, die diese Landschaft bewegen. Am Gebimmel der Glocken bemerken wir die Schafe, die hier oben weiden und dem Bergwetter trotzen. Auf einem weichen Flecken Wiese wollen wir eine Picknickpause einlegen, da kommen die wolligen Tiere aber angesprungen und recken die Köpfe neugierig in unsere Rucksäcke. So umlagert von hartnäckigen Schafnasen beschliessen wir, einen ruhigeren Platz zu suchen. Nicht, dass uns noch ein Schaf vor lauter Übermut den Hügel runterschubst.

Ungefähr an dieser Stelle teilt sich auch der Wanderweg. Wer will, kann hier den Weg zur Gspaltenhornhütte einschlagen. Wir machen uns aber an den Abstieg Richtung Gletscherbach. Unten überqueren wir ihn über mehrere einfache Holzbrücken und wagen einen Blick in die tosenden Wasser unter uns. Bei diesem Streckenabschnitt ist Vorsicht geboten, und mehrfach weisen Schilder darauf hin, hier zügig durchzuschreiten. Mit Schmelzwasser ist nicht zu spassen.

Auf der anderen Seite angekommen führt der Weg unterhalb eindrücklicher Flühe wieder hoch, und wir holen die abgestiegenen Höhenmeter wieder auf. Steil und steiler wird der Weg, bis er schliesslich in Holztreppen übergeht, die sich auf dem letzten Stück bis zum Hohtürli befinden. Immer wieder gibt es schöne Aussichts-Bänke – einfache Holzbretter, die unter einem Felsvorsprung zum Rasten einladen. Die Waden danken es! Wir sind auch froh um die Drahtseile, die als Handlauf befestigt sind.

Im letzten Licht des Tages glühen die Felsen und die Schneefelder blitzen noch einmal auf. © M. Fehr
Im letzten Licht des Tages glühen die Felsen und die Schneefelder blitzen noch einmal auf. © M. Fehr

Schliesslich schaffen wir auch diesen Aufstieg, erreichen den zweiten Pass und nach fast acht Stunden marschieren das Ende unseres zweiten Wandertags. Vor uns eröffnet sich der Blick Richtung Öschinensee und Kandersteg. Weiter hinten funkelt der Thunersee. Nur wenige Meter oberhalb des Passübergangs wartet unsere zweite Unterkunft: die Blüemlisalphütte auf 2840 m.ü.M. Belohnt werden wir an diesem Abend mit einem Sonnenuntergang, der den Blüemlisalp-Gletscher und das Blüemlisalp Massiv am Rande des Jungrau Aletsch UNESCO Welterbes zum leuchten bringt.

Hinter vielen Gipfeln geht die Sonne unter. © M. Fehr
Hinter vielen Gipfeln geht die Sonne unter. © M. Fehr

Dritter Tag: Seeluft und Orchideenduft

Im Zickzack führt der Weg am nächsten Morgen hinunter ins Kandertal. Der oberste Abschnitt ist geprägt von Geröll und Schneefeldern, kleinere und grössere Wildbäche durchziehen die Flanken des Bergs. Ein Tipp für Kletterfans: Unterhalb der Hütte und beim Blüemlisalpgletscher gibt es bestens eingerichtete Klettergärten. Wir halten uns an dem Tag allerdings ans Wandern und machen uns an den (teilweise rutschigen) Abstieg. Während auf der anderen Seite des Passes die Landschaft ausgetrocknet wirkte, scheint hier auf der Nordseite alles nass zu sein und so ist Vorsicht geboten, damit wir nicht auf unliebsamem Weg ins Tal purzeln.

Vom See aus zieht Nebel hoch und so ist erstmal nicht viel auszumachen von der imposanten Bergwelt, die den Oeschinensee umgibt. Das feucht-kühle Weiss erzeugt eine angenehme Ruhe und wir achten deutlicher auf unseren eigenen Atem und die Geräusche, die wir als Menschen hier in der Bergwildnis erzeugen. Erst als wir schon fast am Ufer angelangt sind, reisst der Nebel auf und gibt die Sicht frei auf Pflanzen, Steine, Wasserfälle – und Bootsfahrer!

Grün schimmert der Oeschinensee zwischen Fichten und Felsflanken. © M. Fehr
Grün schimmert der Oeschinensee zwischen Fichten und Felsflanken. © M. Fehr

Wir umrunden den See und gönnen uns eine Stärkung im Restaurant auf der anderen Seite. Von dort führt der Weg über Stock und Stein runter nach Kandersteg. Während hier schon wieder ziemlich viel menschlicher Betrieb herrscht, es nebst dem Wanderweg sogar eine asphaltierte Strasse gibt, können geübte Augen auch hier Naturwunder entdecken. So blühen im Bergfrühling auf der Strecke zwischen Oeschinensee und Kandersteg besondere Orchideen, wie der Frauenschuh oder die Fliegen-Ragwurz, die mit Blütenform und -duft Bestäuber anlocken.

Der geschützte Frauenschuh wächst im Kandertal. © M. Fehr
Der geschützte Frauenschuh wächst auch im Kandertal. © S. Fehr
Mit ihrem Aussehen und Duft lockt die Fliegen-Ragwurz Bestäuber an, die die ungewöhnlichen Orchideen für Sexualpartner halten. © S. Fehr
Mit ihrem Aussehen und Duft lockt die Fliegen-Ragwurz Bestäuber an, welche die ungewöhnlichen Orchideen mit Sexualpartnern verwechseln. © S. Fehr

Unten im Dorf Kandersteg angekommen ruhen wir uns auf einer Bank aus und geniessen die Sonnenstrahlen, die es schlussendlich durch den Nebel geschafft haben. Dann steigen wir in den Zug und lassen die magische Bergwelt wieder hinter uns zurück. Wir kommen gerne wieder!

Für diese Wanderung müssen Sie schwindelfrei und trittsicher sein, gutes Schuhwerk ist zwingend notwendig.

Prüfen Sie im Voraus, ob Ihre Kondition einer solchen Bergtour angemessen ist. Achten Sie auf die Wetterbedingungen, die in den Bergen schnell wechseln können. Teilweise ist der Pfad sehr exponiert und schwierig zu begehen, insbesondere bei Regen, Nebel oder Schnee. Bringen Sie gutes Kartenmaterial mit und planen Sie die Route sorgfältig. Wenn Sie alleine wandern, informieren Sie Bekannte oder den Hüttenwart über Ihre geplante Tour.

Beachten Sie, dass Sie Übernachtung und Abendessen/Frühstück in den Hütten im Voraus buchen müssen, an Wochenenden sind diese oft ausgebucht. Bringen Sie einen dünnen Schlafsack mit.