Das Sefinental gehört noch zu den unerschlossenen Landschaften, zur Wildnis.
Unerschlossene Landschaften wie im Sefinental (BE) gibt es in der Schweiz fast nur im Gebirge. © Markus Bolliger

Es gibt sie kaum noch: die naturnahen, unerschlossenen Landschaften

  • Redaktion Naturschutz
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Ein Drittel der Schweizer Landschaften sind noch weitgehend unerschlossen und somit naturnah. Solche Freiräume liegen überwiegend in den steilen Fels- und Gletscherregionen der Hochalpen, wo eine Erschliessung schwierig und teuer ist. Zu ihrem Schutz und ihrer nachhaltigen Nutzung wäre eine konsequentere Raumplanung nötig.

Wie die Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) mitteilt, sind naturbelassene Gebiete ganz ohne Infrastruktur wie Strassen, Häuser oder Skilifte in der Schweiz ebenso rar wie beliebt. Sie ziehen scharenweise Erholungssuchende an und zieren die Prospekte der Ferienorte. Sie sind jedoch landesweit sehr ungleich verteilt. Denn die Erschliessung des Landes geht unaufhaltsam weiter. Zwei Landschaftsforscher der WSL haben nun erhoben, wie viele weitgehend unberührte Flächen es noch gibt und wie sich diese mit raumplanerischen Massnahmen langfristig sichern liessen.

Denn derartige Freiräume gewährleisten nicht nur lebensnotwendige ökologische Funktionen, sondern haben auch grossen materiellen und immateriellen Wert – sei es für die Attraktivität der Schweiz für Touristen und Unternehmen oder die Lebensqualität und Erholung der Bevölkerung. Die Schweiz steht gleichzeitig vor der Herausforderung, einerseits die wertvolle Naturlandschaft und das Kulturerbe zu schützen und anderseits Tourismus, Energiegewinnung und andere wirtschaftliche Entwicklungen zu fördern.

Für ihre Untersuchung haben Gero Nischik und Marco Pütz Infrastrukturen wie Verkehrswege, Gebäude, Sportplätze, Seilbahnen oder Energieanlagen in «störend» und «nicht störend» unterteilt, und zwar anhand der Ergebnisse einer früheren Bevölkerungsbefragung. Mittels Geoinformationssystem (GIS) erfassten und berechneten sie die räumliche Verteilung und das Ausmass der «störenden» Infrastrukturen je nach Grad der «Störung» für die Landschaft. Als «naturnahe Freiräume» definierten sie Landschaften, wo solche «störenden» Infrastrukturen weniger als 20 Prozent der Fläche beeinträchtigen.

Naturnahe Räume bringt viel für Tourismus und somit auch für die Wirtschaft.
Beispiel für die Definition naturnaher Freiräume: Um verschiedene Infrastrukturen (Strassen, Gebäude, Hochspannungsleitungen usw.) wurden bestimmte Abstände für störende Einflüsse angenommen (rot). Wenn diese roten Flächen weniger als 20 Prozent des gesamten Areals ausmachen, gilt die Landschaft als «naturnaher Freiraum». © Gero Nischik, WSL

Gleichzeitig dienen derartige Räume der naturnahen Erholung sowie einer nachhaltigen forstlichen, jagdlichen und landwirtschaftlichen Nutzung. Mit dieser Abgrenzung berücksichtigen die Autoren, dass Schutz- und Nutzungsaspekte in der Raumplanung in etwa als gleichwertig behandelt werden. Die Ergebnisse haben sie auf eine Schweizer Karte übertragen.

Karte der naturnahe Freiräume in der Schweiz.
Naturnahe Freiräume (grün), die weniger als 20 Prozent erschlossen sind, fanden die Autoren des Berichts im Mittelland nur sehr wenige. © WSL-Bericht 2018, Heft 73, S. 25

Nach diesen Kriterien identifizierten sie fast 2400 Gebiete, die insgesamt ein Drittel aller Schweizer Landschaftsräume bedecken und durch hydrologische Modellierung abgegrenzt werden. Etwa die Hälfte dieser Gebiete steht bereits national und kantonal unter Schutz, sei es durch Pärke oder Bundesinventare. Die Kantone mit den höchsten Anteilen an naturnahen Flächen sind Graubünden, Uri, Glarus und Wallis.

Unberührte Flächen fast nur im Gebirge

Allerdings besteht der überwiegende Teil der naturnahen Freiräume aus steilen und vegetationslosen Fels- und Eisflächen in mehr als 2000 Metern Höhe, wo die Erschliessung schwierig und teuer ist. Der Anteil der naturnahen Freiflächen in Lagen unter 500 Metern Höhe ist mit 0,2 Prozent verschwindend gering.

Jene Hälfte der Freiflächen, die nicht in Schutzgebieten liegt, droht mit Freizeit-, Wasserkraft- oder anderen Anlagen weiter verbaut zu werden. «Es gilt weiterhin, die noch zu Verfügung stehenden Freiräume raumplanerisch zu sichern», schreiben die Autoren. Denn der von Menschen nutzbare Raum sei begrenzt und die Landschaft für die Menschen und die Schweiz von grosser Bedeutung.

In Form des revidierten Raumplanungsgesetzes gibt es hierfür gute gesetzliche Grundlagen, urteilen die Autoren. «Hemmnisse für einen wirksamen Flächenschutz sind fehlender Vollzug und mangelhafte Umsetzung», sagt Gero Nischik. Um dies zu lösen, müsste neben der Bevölkerung v.a. die Politik ein grösseres Bewusstsein für den Wert von unerschlossenen Gebieten für Erholung, Freizeit, naturnahen Tourismus sowie nachhaltige Landwirtschaft entwickeln. Den Schutz der Freiräume stärken könnten – nebst genügenden Ressourcen für die zuständigen Stellen der Raumplanung – ökonomische Anreize oder die Förderung des naturnahen Rückbaus von Strassen oder anderen Bauten. Denkbar seien auch Grenz- oder Richtwerte für den Flächenverbrauch («Flächenzertifikate»), die ähnlich wie Luftreinhaltewerte funktionieren könnten.

Die Zeit drängt. «Die fortschreitende Erschliessung der Schweiz erfordert eine schnelle, konsequente Erhaltung naturnaher Freiräume», sagt Nischik. Sonst würden immer mehr Freiräume, die bislang kaum von Strassen, Bahnen oder touristischen Transportanlagen erschlossen sind, zu reinen Wohn-, Wirtschafts- und Verkehrsräumen – auf Kosten der Landschaft und der Ökologie.

Den vollständigen Bericht «Naturnahe Freiräume in der Schweiz: Analyse – konzept, Identifizierung und raum planerische Sicherung» finden Sie hier.

2 Kommentare

  • Dominik Scheibler

    Die Forschung hat gearbeitet – Nun liegt es an den Umweltverbänden, entsprechende Forderungen für neue Schutzgebiete zu stellen.
    Gerade auch, weil durch den Klimawandel bisher vegetationslose Fläche „grün“ werden und damit wertvolle Flächen für die Biodiversität entstehen! Diese müssen geschützt werden bevor andere Begehrlichkeiten entstehen.

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