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Flechten und Moose – bunte Teppiche überall

Der nasse Sommer mag manchen von uns aufs Gemüt geschlagen haben, für die Fauna war der viele Regen nach den letzten zu trockenen Jahren ein Segen. Überall spross und wucherte es. Gerade für Moose muss es ein Traumsommer gewesen sein. Wo immer sich ein geeigneter Untergrund fand, breiteten sich die grünen Teppiche aus.  

Artikel von Shirine Bockhorn, Originalpublikation im Pro Igel Bulletin (Nr. 60, 2021)

Dabei ist Moos nicht gleich Moos. Über tausend verschiedene Moosarten gibt es in der Schweiz. Grob kann man sie in drei verschiedene Kategorien unterteilen, die sich an ihrem Aussehen orientieren: Laubmoose, Lebermoose und Hornmoose. Laubmoose erkennt man an ihren kleinen Blättchen, Hornmoose haben Stengel und sind länglich und erinnern so an ein Horn. Die Lebermoose wiederum verdanken ihren Namen ihrer leberartigen Form. Sie wurden aufgrund dessen früher als Heilmittel bei Leberkrankheiten eingesetzt. Heute weiss man, dass sie stark fungizid wirken und deshalb bei Pilzerkrankungen der Haut wahre Wunder wirken können. 

Moose besiedeln ganz unterschiedliche Lebensräume. Vom Mittelland bis hoch in die Alpen sind sie überall anzutreffen. Sie wachsen auf dem Boden, auf Baumrinde oder Steinen. Die meisten Moose sind nicht wählerisch wenn es um einen geeigneten Untergrund geht, auch wenn sich manche von ihnen auf einen ganz bestimmten spezialisiert haben. Sie mögen eine feuchte Umgebung, können aber auch in sehr trockenen Lebensräumen überleben. Gibt es kein Wasser stellen sie ihren gesamten Organismus auf Sparflamme. Sie trocknen aus und warten auf den nächsten Regen. Kaum wird es feucht «blühen» sie wieder auf. Auch Kälte kann ihnen nichts anhaben, weshalb sie auch die Arktis begrünen.

Die speziellen Eigenschaften von Moosen

Die Fortpflanzung der Moose ist komplex. Die meisten Arten können sich sowohl vegetativ als auch sexuell fortpflanzen und tun dies im Generationswechsel. Das heisst, eine Generation vermehrt sich vegetativ, was zu vielen Nachkommen führt und die nächste sexuell, um den Genpool aufzufrischen.  Die vegetative Reproduktion findet über herabgefallene Pflanzenteile statt, aus denen sich eine neue Pflanze entwickelt. Manche Moose bilden aber auch spezielle Brutkörper, Blättchen oder andere «Ableger» aus, die sich an Tiere heften und von diesen verbreitet werden. Bei der sexuellen Fortpflanzung werden Sporen gebildet, die durch den Wind fortgetragen werden.

Man geht davon aus, dass Moose sich ursprünglich aus Grünalgen entwickelt haben. Beweise für diese Theorie stehen aber noch aus. Ihr Aufbau ist aber in jedem Fall speziell. Sie verfügen weder über Blüten, noch über Leitgefässe, die Wasser transportieren, noch Stützgewebe. Sie wachsen deshalb nur wenige Zentimeter in die Höhe und können auch nicht verholzen. Dadurch verfügen sie über eine weiche Textur. Als Polster- und Nistmaterial sind Moose deshalb bei vielen Vogelarten und auch bei Säugetieren sehr beliebt. Igelmütter graben für das eine Säuglingsnest eine flache Mulde und polstern sie mit einer wärmeisolierenden Schicht Moos aus. 

Unscheinbar aber unersetzlich

Als älteste Landpflanzen auf der Welt nehmen Moose eine wichtige Pionierfunktion bei der Besiedlung von Lebensräumen ein. Da sie keine Wurzeln haben und deshalb auf keine Erde angewiesen sind, können sie auch felsige Flächen erobern. Im Moospolster bleibt Feinmaterial hängen und so bildet sich langsam eine Humusschicht auf der auch Blütenpflanzen gedeihen. Nährstoffe und Wasser nehmen Moose über ihre kleinen Blättchen auf und mit sogenannten Rhizoiden, also Zellfäden, verankern sie sich im Boden. Dadurch nehmen sie in zweifacher Hinsicht eine wichtige Funktion wahr: Einerseits schützen sie den Boden vor Erosion und andererseits können sie erstaunliche Wassermengen speichern, die sie nach und nach wieder abgeben. Bei Starkregen brechen sie durch ihre enorme Speicherfähigkeit Hochwasserspitzen und durch die kontinuierliche Abgabe des gespeicherten Wassers tragen sie zu einem gesunden Waldklima bei.

Einen ganz speziellen Platz im Ökosystem nehmen Moose als Erbauer der Hochmoore ein. Ohne Torfmoose gäbe es diesen Lebensraum gar nicht. Diese speziellen Moospflanzen wachsen kontinuierlich an der Spitze weiter, während der untere Teil abstirbt und im feuchten aber sauerstoffarmen Milieu nur unzureichend zersetzt wird. So entsteht Torf, der CO2 bindet und dauerhaft aus der Atmosphäre entfernt. Die Speichermenge von CO2 im Torf weltweit ist dabei geschätzt zweimal grösser als jener aller Wälder zusammen. 

Die unscheinbaren grünen Pölsterchen sind also wahre Alleskönner. Neben ihrer Funktion als Pionierpflanze, CO2-Speichererbauer und Wasserregulatoren bieten sie auch vielen Kleinstlebewesen einen Lebensraum. So tummeln sich auf Moospflanzen tausende von Bärtierchen, Springschwänzen, Spinnen, Käfern und anderen Kleintieren, die ihrerseits einen wichtigen Beitrag zu einem gesunden ökologischen Gleichgewicht leisten. Da Moose gegenüber Umweltgiften empfindlich reagieren, werden sie oft als Bioindikatoren genutzt. Anhand der vorhandenen Moose lässt sich auf Schadstoffe schliessen. Je diverser also der grüne Teppich «blüht», umso gesünder ist die Umwelt.

Flechten – ähnliche Eigenschaft und doch ganz anders

Neben Moosen profitieren auch Flechten von feuchtem Wetter. Ähnlich wie erstere können sie kein Wasser speichern und überdauern Dürrephasen in einer Art Trockenstarre. Im Gegensatz zu Moosen sind Flechten aber keine Pflanzen. Sie sind eine Mischung aus Pilz und Pflanze (Grünalge) oder Pilz und Bakterien (Cyanobakterien bzw. Blaualgen) und bilden daher eine ganz eigene Art von Organsimen. Beide Partner profitieren von ihrer Verbindung. Der Pilz verankert die Flechte im Boden, schützt die Grün- oder Blaualgen vor zuviel Sonneneinstrahlung und entnimmt der Luft sowohl Nährstoffe wie auch Feuchtigkeit. Die Grün- und Blaualgen sind für die Photosynthese zuständig und teilen die gewonnen organischen Verbindungen mit dem Pilz. In dieser Symbiose sind sie fähig auch extremste klimatische Bedingungen zu überleben. Flechten können hunderte, manche Arten sogar bis zu tausend Jahre alt werden. Dafür sind aber stabile Lebensräume notwendig. Flechten wachsen nämlich sehr langsam. Der Zuwachs pro Jahr beträgt oft nur einen Millimeter.

Analog zu den Moosen pflanzen sich Flechten auch im Generationenwechsel fort. Bei der vegetativen Vermehrung wachsen stiftförmige Auswüchse, die leicht abbrechen und sich an einem neuen Ort ansiedeln können. Bei der sexuellen Fortpflanzung bildet der Pilz Sporen, die vom Wind weitergetragen werden. Damit eine neue Flechte entsteht, müssen diese auf Cyanobakterien oder Grünalgen treffen. Beide Symbiosepartner können aber durchaus alleine überleben und bei günstigen Umweltbedingungen lösen sie die Verbindung auch auf, worauf der Partner oft zugrunde geht. 

Flechtenarten

Weltweit gibt es bis zu 25‘000 verschiedene Flechtenarten. In Europa kommen um die 2000 Arten vor. Anhand ihres äusseren Aussehens werden sie in drei verschiedene Kategorien geteilt. Blatt- oder Laubflechten liegen locker auf dem Untergrund auf und bilden Blätter. Strauchflechten ähneln kleinen Sträuchern oder Korallen und Krustenflechten sind flächig und dicht mit dem Untergrund verwachsen. Flechten können in den verschiedensten Farben erstrahlen, von blau, über gelb bis rot. 

Sie besiedeln ganz unterschiedliche Lebensräume: Baumrinden, Blätter, Wiesen und Heiden, aber auch Steine oder Felsen. Eigentlich können sie auf jedem Untergrund gedeihen, solange er natürlich ist. Aufgrund ihrer Symbiose können sie auch Habitate erobern, in denen für Blütenpflanzen zu extreme Bedingungen herrschen. So sind sie in allen Klimazonen der Welt zu finden.

Ökologische Bedeutung von Flechten

Flechten können Säure, sogenannte Flechtensäure herstellen. Damit sind sie fähig Steine zu einer Feinsubstanz zu zersetzen. Diese Feinsubstanz kann zusammen mit organischen Materialen Wasser speichern und somit Pflanzenwachstum ermöglichen. Besiedeln Flechten also steinigen Untergrund, wie er zum Beispiel nach einem Vulkanausbruch entsteht, bereiten sie den Boden für Blütenpflanzen und sorgen auch noch gleich dafür, dass er nicht erodiert. Sie nehmen also ähnlich wie Moose eine Pionierfunktion ein. 

Auch sind sie gute Bioindikatoren. Da sie Schadstoffe aufnehmen, aber nicht mehr abgeben können, gehen sie in schadstoffreichen Umgebungen unweigerlich früher oder später ein. Am vorhandenen Flechtenwachstum lässt sich also, wie auch bei den Moosen ablesen, wie gesund oder wie vergiftet ein Standort ist. Diese Eigenschaft führt aber auch dazu, dass viele Flechtenarten bedroht sind. 

Flechten und Moose brauchen Schutz

Von den 800 in der Schweiz untersuchten Flechten wurden im Jahr 2002 fast 300 Arten auf die Rote Liste der bedrohten Arten gesetzt. Bei den Moosen sieht es nicht besser aus. Von fast 1100 beurteilten Arten mussten über 400 als gefährdet eingestuft werden. Auch wenn der Schein mancherorts trügen mag, Flechten und Moose sind aufgrund ihrer Sensibilität gegenüber Schadstoffen sehr verletzlich. Aber auch das fortschreitende Verschwinden von natürlichen Lebensräumen, speziell von alten, sich selbst überlassenen Wäldern bedroht Flechten wie Moose gleichermassen. Um diese ökologisch so wichtigen Lebewesen zu schützen, gilt wie bei den meisten Tier- und Pflanzenarten: Weniger ist mehr. Extensive Nutzung, das Liegenlassen von Totholz oder Laub, Mut zu mehr Wildnis und weniger menschlichen Eingriffen schaffen eine Umgebung, in der Flechte und Moose gedeihen können. Es ist nicht nötig diese von Baumrinden zu kratzen, denn sie schaden den Bäumen nicht. Und direkt eine Umweltsünde ist der Einsatz von Pestiziden oder Sprays, die moos- und flechtenfreie Kiesel, Steinplatten und Hausfassaden versprechen. Auch wenn sie mit Slogans wie säure- und chlorfrei beworben werden, sie sind hochgiftig für Wasserorganismen, Pflanzen und Tiere, und ihr Einsatz ist im Privatgarten gesetzlich verboten. 

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