© Beatrix Mühlethaler
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Auch Elstern sind Vögel

  • Beatrix Mühlethaler
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Wenn Elstern ein Nest bauen, ernten sie misstrauische Blicke. Denn ihnen haftet der Ruf an, rundum Jungvögel zu rauben. Dass der Rotmilan mit derselben Absicht um Bäume streicht, hat hingegen sein Image nicht beschädigt. Dieser Beitrag ist ein Plädoyer für weniger Parteilichkeit unter Naturfreundinnen und Naturfreunden.

Auf dem Wipfel der Fichte, die in unserem Garten steht, landeten diesen Frühling auffällig oft die in der Gegend herumstreifenden Elstern. Näheres Hingucken machte klar: Sie bauen ein Nest.

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Elegant flogen die auffälligen Vögel mit dem schillernden Gefieder unermüdlich hin und her und transportierten Ast um Ast ins Nadelgehölz. Vom ersten Stock des Hauses liess sich das Wachsen des Bauwerks beobachten: Über die Nestmulde kam wie üblich eine Überdeckung aus Ästen.

Weil der Bau geschlossen ist, war nicht ersichtlich, ob und wann die Elsterndame Eier legte. Auch ihr Verhalten gab wenig Aufschluss: die Elstern flogen weiterhin häufig hin und her, ohne dass Futter in ihrem Schnabel sichtbar war.

Aber eines Tages im Mai löste sich das Rätsel: Drei Jungvögel kletterten aus dem Schutz des Baus.

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Es bot sich ein lustiges Schauspiel: Die Jungen hüpften auf den Ästen herum. Mit ihren noch nicht flugtauglichen Schwingen schlugen sie Löcher in die frühsommerliche Luft.

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Ab und zu flog ein Altvogel an, um die Jungen zu füttern.

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Nach drei Tagen war das nette Bild Vergangenheit: Das Nest war leer. Ab jetzt verbarg sich die ganze Familie rund um unser Haus in Bäumen und Hecken. Kontaktrufe verrieten ihre Anwesenheit. Die andauernde Signalisation erstaunte mich, denn ich dachte: Auch der Feind hört mit. Wahrscheinlich aber waren Feinde tagsüber kein Problem. Den Rotmilan hatten die Elstern die ganze Zeit sofort verjagt, wenn er um die Fichte mit dem Elsternnest kurven wollte.

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Ab und zu sah man jetzt die ganze Familie im Gehölz Flattern. Bald folgten die Jungen den Altvögeln souverän von Baum zu Baum. An den kürzeren Schwänzen waren sie weiterhin erkennbar. Dieses Familienidyll fand ich nicht weniger nett, als wenn junge Meisen mit ihren Eltern die ersten Flüge in die Welt unternehmen.

Zugegeben: Während des Nestbaus und der Jungenaufzucht war die Fichte für die kleinen Singvögel kein bevorzugter Aufenthaltsort. Doch nachdem die Elsternfamilie das Nest verlassen hatte, war aus dem Baum sofort wieder der Gesang von Buchfink und Girlitz  zu hören.

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Besorgte Kleinvogel-Freunde sollten zur Kenntnis nehmen (hier zitiere ich Unterlagen des Vogelschutzes): Elstern sind für unsere Gartenvögel keine übermässige Gefahr. Als Allesfresser ernähren sie sich von Samen, Früchten und Abfall genauso wie von Insekten, Mäusen, Eiern und Jungvögeln. Im Schnitt mache der Anteil Vögel an ihrer Nahrung lediglich zwei bis drei Gewichtsprozent aus. Der höchste Wert sei in einer holländischen Untersuchung ermittelt worden: 7,6 Prozent an der Nestlingskost. Nach der Aufzuchtzeit sinkt der Bedarf der Elstern an tierischer Nahrung. Kleine Singvögel, deren Gelege von Elstern ausgeraubt wurde, haben dann die Chance, eine zweite Brut über die Runde zu bringen. Wobei immer auch andere Gefahren lauern: Hauskatzen, Marder oder … der geschätzte Rotmilan.

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Wer Elstern unbefangen begegnet, hat mehr vom Sommer: Wenn sich der Vogel in der Sonne wendet, glänzt das Gefieder metallisch, während das reine Weiss leuchtet. Wie er in gaukelndem Flug einen Baum anfliegt und sich mitsamt dem langen Schwanz auf dem Ast dreht und wendet, ist bemerkenswert. Attestiert wird der Elster auch eine hohe Intelligenz: So kann sie sich beispielsweise selbst im Spiegel erkennen. Das zeigte eine Laborsituation, bei der man Elstern farbige Punkte an den Hals klebte. Ein Teil der Elstern versuchte diesen Punkt zu entfernen, nachdem sie in den Spiegel geguckt hatten.

Text und Fotos: Beatrix Mühlethaler

*Im Hotspot Naturgarten berichtet Beatrix Mühlethaler. Sie befasst sich als Journalistin vorwiegend mit Natur- und Umweltthemen und setzt sich an ihrem Wohnort für die heimische Flora und Fauna im Siedlungsraum ein. Fortbildung und Freude bieten ihr der eigene Naturgarten sowie Gemüse- und Beerenkulturen.

4 Kommentare

  • Poupon Brigitte

    Danke für den aufklärenden Bericht. Scheu sind „unsere“ Elstern, die jedes Jahr auf der Nachbarföhre 3-4 Junge ausbrüten, gar nicht. Sie haben seit 2 Jahren die neue Angewohnheit, sehr laut an unsere Fenster zu klopfen. Nur schade, dass Elstern keine Katzen jagen !

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  • Barbara Kümin

    Sehr schön geschrieben! :D
    Ich mag Elstern und auch Krähen. Mich beeindruckt ihre Intelligenz und auch ihre Schönheit. Diesen Frühling besuchte ein Krähenpaar zeitweise unseren Balkon, weil ich dort Futter für Amseln aufgestellt hatte. Ihre Vorsicht war bemerkenswert, nie landeten sie ohne zuerst einen Vorbeiflug samt prüfendem Blick in den Balkon ausgeführt zu haben. Sie waren ausserdem in der Lage – als einzige Vögel, die meinen Balkon besuchen bis jetzt – durch die spiegelnde Fensterscheibe in unsere Stube zu gucken, um zu sehen, ob sich da etwas regt (falls ja, sofort weg!).
    Zu der „Jungvogelfress-Problematik“: mir machen die vielen, vielen Hauskatzen in unseren Wohnquartieren viel mehr Sorge diesbezüglich!

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  • Lilo Schmid

    Ich kann dem Beitrag von Ruth voll und ganz zustimmen. Auch bei uns brüten Elstern, Raben und Rotmilane, und wir haben die helle Freude an diesen Vögeln. Gerade Raben sind ja unheimlich intelligent. Wir verfolgen jeweils im Herbst, wie sie Nüsse vom nahen Nussbaum holen und sie im Flug über ein kleines Strässchen fallen lassen, damit die harte Schale aufspringt und sie das weiche Innere essen können.

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  • Ruth

    Danke Beatrix für diesen schönen Beitrag…ich mag Elstern sehr, wir haben hier auch sehr viele…es ist spannend sie zu beobachten…ich mag es gar nicht, dass viele Vögel z.B. Krähen, Raben, Dohlen und eben die Elstern von vielen Leuten so verunglimpft werden…es sind genau so wertvolle Geschöpfe der Natur, wie alle anderen Kreaturen auch!
    Liebi Grüess Ruth

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