Hornmilbe. Hier ein Vertreter der Gattung Damaeus. | © Karol B. [CC-BY-SA-2.0], via flickr.com
Hornmilbe. Hier ein Vertreter der Gattung Damaeus. | © Karol B. [CC-BY-SA-2.0], via flickr.com

Hornmilbe – Kleines Tier, grosse Wirkung

  • Mélanie Guillebeau
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So klein und übersehbar die Hornmilbe erscheint, so gewieft weiss sie sich gegen ihre Fressfeinde zu wehren. Durch das Absondern von Blausäure – ein extrem seltenes Phänomen im Tierreich – schlägt die Hornmilbe Angreifer in die Flucht. 

Klein, aber von grosser Bedeutung

Mehrere Hundert Arten an Hornmilben besiedeln unsere Wälder, Felder und Gewässer. Bei guten Bedingungen können sich auf einem Quadratmeter bis zu 50’000 der robusten Tierchen zusammenfinden. Für uns bleibt dies aber aufgrund ihrer Grösse (0.1-0.7 Millimeter) und ihrem häufigen Vorkommen in unterirdischen Bodenschichten oft verborgen. Ihrer Winzigkeit zum Trotz erfüllt die Hornmilbe eine wichtige Rolle im Stoffkreislauf unserer Wälder. Die kugelförmigen Spinnentiere zerkleinern Laub, Rinden und Nadeln und ermöglichen Bakterien und Pilzen den weiteren Abbau. Damit wird die Wiederverwertung der Nährstoffe durch andere Pflanzen und Tiere gewährleistet. Ohne Hornmilben würde sich das abgeworfene Laub der Bäume in unseren Wäldern stapeln.

Blausäure gegen Fressfeinde

Eine soeben veröffentlichte Studie eines Forschungsteams der Universität Darmstadt hat aufgedeckt, dass Hornmilben nicht nur nützlich, sondern auch sehr potent im Kampf gegen Fressfeinde, sind. Als einzige Gruppe in der 80’000 Arten starken Klasse der Spinnentiere nutzen sie giftige Blausäure zur Abwehr. Im Pflanzenreich ist das Gift weit verbreitet als Abwehrstoff. Auch auf unserem Speiseplan tummeln sich potenziell gefährliche Pflanzen. Wer regelmässig backt, ist bestimmt auch schon in Kontakt mit den blausäure-haltigen Kernen gekommen: Gemeint sind Bittermandeln, welche ab einer Menge von fünf bis zehn Stück bei Kindern zum Vergiftungstod führen können.

Blausäure ist aufgrund seiner Toxizität sehr effektiv in der Abwehr von Fressfeinden. Aber was Fressfeinden schadet, kann auch dem blausäure-produzierenden Verteidiger schaden. Daher sind auch Hornmilben auf einen Mechanismus angewiesen, der die ungewollte Selbstvergiftung verhindert. Sie produzieren und lagern die Blausäure in Form einer nicht-toxischen Vorläufer-Substanz. Damit die Vorläufer-Substanz in giftige Blausäure umgesetzt wird, muss Folgendes geschehen: Über Drüsen scheiden Hornmilben die Vorläufer-Substanz bei einem Angriff aus. Wenn diese in Kontakt mit dem Speichel des Fressfeindes kommt, wird eine Hydrolyse-Reaktion ausgelöst. Blausäure wird freigesetzt, woraufhin der Angreifer von der Hornmilbe ablässt. Ziel erreicht!

Im Reich der Tiere war das Einsetzen von Blausäure zur Abwehr bisher nur bei Insekten und Tausendfüsslern bekannt. Dank der Forschungsarbeit der Darmstädter Zoologen kann sich nun auch die Hornmilbe in die Reihe dieser blausäure-nutzenden Organismen einreihen.

Der tropische Kraftprotz

Archegozetes longisetosus, ein in den Tropen ansässiger Artgenosse unserer heimischen Hornmilbe, ist ein wahrer Kraftprotz. Auf einer Körpergrösse von 0.7 Millimeter ist eine enorme Menge an Kraft konzentriert: Die Winzlinge können das 1180-fache ihrer Körpermasse stemmen – das Äquivalent von 82.6 Tonnen bei einem 70 Kilogramm schweren Mann!

Man vermutet, dass sie ihre Stemmkraft beim Freiräumen von Wegen und bei der Abwehr gegen Angreifer nutzen. Unsere Hornmilben besitzen vermutlich ähnliche Kräfte, genaue Untersuchungen dazu fehlen aber noch.

 

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