Aspisviper © Orchi [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons
Aspisviper © Orchi [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons

Giftschlangen der Schweiz – Mythen und Fakten

  • Julia Hatzl

Schlangen werden allzu oft mit Angst, Abscheu und Grauen verbunden. In einem Land wie der Schweiz ist die Angst vor Schlangen und Schlangenbissen nahezu unbegründet, trotzdem halten sich Angst und Gerüchte eisern. Aber welche Gerüchte stimmen denn eigentlich und welche nicht? 

Begegnungen mit Giftschlangen in der Schweiz sind äusserst selten. Es erfordert eine grosse Portion Glück, dass man überhaupt eine zu Gesicht bekommt. Noch viel seltener sind Bisse. Sollte man dennoch gebissen werden, kann es zwar schmerzhaft sein, aber selten lebensbedrohlich. In der Schweiz ist seit 1961 kein Mensch mehr an einem Schlangenbiss einer einheimischen Art gestorben. Trotzdem ist die Angst vor ihnen stark in unserem Gehirn verankert. Viele Tipps und Ratschläge für die Begegnung mit Schlangen werden von Generation zu Generation weitergegeben. Doch manche von ihnen sind nur Humbug und Schaden im Zweifelsfalls mehr, als dass sie nützen. Wir haben für euch einige der Mythen rund um Schweizer Giftschlangen zusammengestellt und sie auf ihren Wahrheitsgehalt analysiert.

Fakten

Fakt 1: Das Aussehen kann trügen

In der Schweiz sind acht Schlangenarten heimisch, doch nur zwei Arten sind Giftschlangen. Beide gehören zu der Familie der Vipern, die Aspisviper und die Kreuzotter. Sie besitzen schlitzförmige Pupillen und einen eher kantigen Kopf, der bei der Nase etwas eingedrückt wirkt.

Die zwei Vipernarten sind nur schwer von der Musterung und Färbung allein zu unterscheiden. Oft bekommt man sie nur für einen Bruchteil einer Sekunde zu Gesicht, bevor sie im Gras verschwinden. Die Färbung und Musterung kann bei den Arten sehr stark variieren, sodass sie keine Merkmale sind, durch die sie leicht bestimmt werden können. Von fast komplett schwarz bis hellbraun kommen alle Varianten vor. Sogar für Experten stellt die eindeutige Identifizierung so manchmal eine Herausforderung dar, bevor die Schlange im Gras verschwindet.

Fakt 2: Nicht jeder Biss ist «giftig»

Schlangengift besteht aus einer Mischung von Toxinen und Enzymen. Die Toxine helfen der Schlange beim Beutefang, indem sie die Beute fluchtunfähig machen und töten. Die Enzyme erleichtern vor allem die anschliessende Verdauung. Für die Schlange ist es aufwändig Gift zu produzieren, deshalb setzt sie es mit Bedacht ein. Die Schlangen geben nicht bei jedem Biss Gift ab. Sie können ganz genau regulieren, ob und wie viel Gift sie abgeben. Einen Biss ohne Giftabgabe nennt man «Trockenbiss». Bildet sich nach spätestens zwei Stunden nach dem Biss einer Aspisviper oder Kreuzotter immer noch keine Schwellung am betroffenen Körperteil, kann davon ausgegangen werden, dass beim Biss kein Gift übertragen wurde.

Fakt 3: Auch Schlangen haben Lieblingsplätze

Normalerweise halten sich Schlangen ganz in der Nähe ihres Lieblingsverstecks auf, in das sie sich bei Gefahr schnell zurückziehen können. Jedoch entfernen sich Männchen gerade während der Paarungszeit gerne weiter weg und in dieser Zeit kann es vermehrt zu Begegnungen mit Schlangen kommen.

Fakt 4: Ein Biss kann tödlich enden

Für den Menschen ist das Gift beider Schweizer Giftschlangenarten so gut wie harmlos. Trotzdem kann es in manchen Fällen zu lebensbedrohlichen Situationen kommen. Jedoch werden diese Situationen nicht primär durch das per se Gift verursacht, denn die Konzentration des Gifts ist nicht ausreichend, um dem Menschen ernsthaften Schaden zuzufügen. Dennoch kann eine zusätzliche allergische Reaktion auf das Gift zu einem allergischen Schock führen, der unbehandelt bis zum Tod führen kann. Bei Schockzeichen wie starkem Schwitzen, Atemnot und Kaltschweissigkeit, sollten die Beine hochgelagert und umgehend ein Arzt aufgesucht werden.

Mythen

Mythos 1: Epi-Pen hilft bei Schlangenbissen

Sollte sich eine starke Reaktion auf das Gift entwickeln, wirkt allein ein spezifisches Gegengift. Adrenalin, wie im Epi-Pen enthalten, hilft bei einer zusätzlichen allergischen Reaktion auf das Gift, jedoch nicht gegen die Wirkung des Gifts selber. Oft reagieren Personen, die auf Bienen oder Wespen allergisch sind, auch allergisch auf Schlangengift.

Mythos 2: Schweizer Giftschlangen attakieren Menschen

Unsere heimischen Giftschlangen beissen nur zur Verteidigung. Fühlen Sie sich bedroht, versuchen sie wenn möglich zu fliehen. Nur in Situationen, in denen sie überrascht oder in die Enge getrieben werden, beissen sie zu. Steht man beim Wandern allerdings zwischen einer Schlange und ihrem Lieblingsversteck, so kann es einem vorkommen, als ob die Schlange einen attackieren wolle, weil sie auf einen zukommt. Die Schlange will aber nur in ihr Lieblingsversteck fliehen und der Mensch steht unglücklicherweise direkt im Weg. Natürlich gibt es bei Schlangen aber auch Temperamentsunterschiede, sodass sich manche Individuen schneller in die Enge getrieben fühlen als andere und deswegen schneller zubeissen.

Mythos 3: Gift aus Wunde saugen hilft!

Im Volksmund ist es hin und wieder immer noch zu hören, dass man nach einem Schlangenbiss das Gift aus der Wunde saugen soll. Von dieser Methode ist strengstens abzuraten. Durch kleine Verletzungen im Mund kann das Gift näher an lebenswichtigen Organen wirken oder bei allergischen Reaktionen auf das Gift schneller zu Atemnot und Schwellungen im Hals-Rachen-Bereich führen. Auch sollte die Blutung durch Einschneiden nicht verstärkt werden. Das betroffene Körperteil, oft die Hand oder das Bein, sollte ruhig gestellt und gekühlt werden. Die Kühlung verzögert die Wirkung des Gifts.

Mythos 4: Durch Stampfen vertreibt man Kreuzottern

Ein Irrglauben ist, dass heimische Giftschlangen durch Vibrationen (wie etwa durch Stampfen) aufmerksam gemacht und vertrieben werden können. Bei Kreuzottern und Aspisvipern wird der Fluchtreflex jedoch fast nur durch visuelle Reize getriggert.

Mythos 5: Giftschlangen haben Schlitzpupillen

Für die zwei Vertreter der Giftschlangen in der Schweiz trifft diese Annahme durchaus zu. Geht man jedoch nur ein wenig über die Grenzen des Landen hinaus nach Frankreich, trifft diese Annahme nicht mehr zu und giftige Schlangen können auch runde Pupillen haben. Ein Beispiel dafür ist die Europäische Eidechsennatter im Süden Frankreichs.

Wollt ihr mehr über die giftigen Tiere der Schweiz erfahren? Hier gehts zum Artikel «Vorsicht! Giftige Tiere aus der Schweiz»

Die ungiftigen Schweizer Schlangen

Sechs der Arten sind komplett harmlos und ungiftig. Ihre Vertreter gehören zu der Familie der Nattern. Die Vipernatter, Ringelnatter, Würfelnatter, Schlingnatter, Gelbgrüne Zornnatter und Äskulapnatter. Man erkennt sie relativ gut an den runden Pupillen und dem rundlichen Kopf.

 Schutz und Förderung

Alle Schweizer Schlangen stehen unter strengem Schutz. Sie dürfen weder gefangen noch getötet werden. Allerdings sind sie trotzdem bedroht, denn ihr Lebensraum schwindet stetig. Unsere Giftschlangen brauchen intakte Lebensräume mit sonnigen Stellen, aber auch genügend Verstecken und Eiablageplätzen. Diese finden sich mittlerweile fast nur noch in Berggebieten, aber auch hier sind sie durch Besiedlung, Verwaldung und Tourismus bedroht. Der beste Schutz für alle einheimischen Schlangen ist, wenn ihnen der benötigte Lebensraum zur Verfügung gestellt wird. Dies bedeutet zum Beispiel, Steinhaufen und Trockenmauern zu errichten oder zu erhalten, sonnige Plätze vor Verwaldung zu bewahren oder die Landwirtschaft zu extensivieren. Sollten Sie Ihren Garten reptilienfreundlich gestalten wollen, finden Sie tolle Ideen auf dem Praxismerkblatt «Reptilienschutz» von KARCH.