© Eike Lena Neuschulz
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Der Tannenhäher und die Ausbreitung der Arve

  • Roman Vonwil
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Der Tannenhäher versteckt die Samen der Arve mit seinem Schnabel im Boden und trägt damit zur Ausbreitung dieser Baumart bei. Entgegen bisheriger Annahme geschieht sucht er als Verstecke aber zumeist Stellen aus, die für die Keimung der Baumsamen eher ungeeignet, für ihn selbst jedoch günstig sind, wie Forschende des LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F) und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL im „Journal of Animal Ecology“ berichten.

© Sabine Brodbeck / WSL
© Sabine Brodbeck / WSL

Die Arve hat eigentlich ungünstige Voraussetzungen für die Ausbreitung ihrer Samen. Diese haben im Vergleich zu den meisten anderen Nadelbaumsamen keine Flügel, sind schwerer und die Zapfen öffnen sich nicht von selber. Glücklicherweise hat die Natur mit dem Tannenhäher eine Lösung für dieses Problem gefunden. Der als „gefiederter Förster“ bekannte Rabenvogel hackt mit seinem Schnabel die Zapfen auf, um an die Arvensamen zu gelangen. Von diesen ernährt er sich fast ausschließlich, und zieht sogar seine Jungen damit auf. Um die Samen das ganze Jahr verfügbar zu haben, versteckt er sie im Boden. Mit diesem Verhalten trägt er zur Ausbreitung der Baumart bei, auch in höher gelegene oder weit vom Mutterbaum entfernte Standorte. Auf diese Weise verleiht der Tannenhäher den Samen quasi Flügel.

© Eike Lena Neuschulz
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„Der Tannenhäher versteckt die Samen gerade da, wo sie nicht besonders gut keimen können. Während Arvensamen feuchten Boden und viel Licht brauchen, um aufzugehen, vergräbt der Tannenhäher sie vorzugsweise dort, wo der Boden trocken und das Kronendach relativ dicht ist“, so Eike Lena Neuschulz, Biologin am LOEWE Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F) und Hauptautorin der Studie. Zusammen mit ihren Kollegen von der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL kommt sie zum Schluss, dass die zielgerichtete Samenausbreitung durch Tiere für die jeweilige Pflanzenart durchaus negative Effekte haben kann.

Das Verhalten des Tannenhähers macht ökologisch durchaus Sinn: wenn die Samen nicht keimen, sind sie länger als Nahrung verfügbar. „In Jahren mit geringer Zapfenproduktion müssen Tannenhäher auf früher angelegte Verstecke zurückgreifen können. In eher trockenen Böden bleiben die Samen vermutlich besser erhalten“, sagt Felix Gugerli von der WSL.

Der Tannenhäher war im Alpenraum stark gefährdet. Lange wurde vermutet, dass der Vogel zu viele Samen der Arve frisst, weshalb er gejagt wurde. Gerettet haben ihn unter anderem aufmerksam beobachtende Förster. Diese stellten fest, dass der Vogel Arvensamen verbreitet und dieser Baumart durchaus nützt, so dass er seit 1961 in der Schweiz nicht mehr gejagt werden darf. Forschungsarbeiten in den 1970er Jahren zeigten schliesslich, dass der Tannenhäher wegen seines exzellenten räumlichen Erinnerungsvermögens 80 % der von ihm versteckten Samen wiederfindet. „Wenn die übrigen 20 % dann aber an Standorten vergraben sind, wo sie schlecht keimen können, dürfte der Beitrag des Tannenhähers an der Verjüngung der Arvenbestände geringer sein als bisher angenommen“, folgert Neuschulz.

© Felix Gugerli / WSL
© Felix Gugerli / WSL

Der WSL-Zoologe Kurt Bollmann ergänzt: „Unsere Untersuchung hat zwar gezeigt, dass der Tannenhäher Arvensamen oft an Orten versteckt, die nicht optimal für die Keimung dieser Baumart sind. Dennoch gibt es zahlreiche Büschel junger Arvenkeimlinge, die nur aus Hähersaat entstanden sein können. Ganz offensichtlich reicht die Anzahl der vom Tannenhäher nicht wiedergefundenen Samendepots aus, um die Arve nachhaltig zu verjüngen.“

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