Millionen Zugvögel werden jedes Jahr von Wilderern geschossen oder gefangen. © Alexander Heyd, CABS
Millionen Zugvögel werden jedes Jahr von Wilderern geschossen oder gefangen. © Alexander Heyd, CABS

Ab durch die Hecke – den Vogelfängern auf der Spur

  • Mélanie Guillebeau
  • 3

Für eine Woche war ich im Dickicht der bergigen Waldlandschaft Norditaliens unterwegs. Nicht etwa um mich zu erholen, sondern um den ansässigen illegalen Vogelfängern das Handwerk zu legen. Und so viel sei verraten: Mehr als ein Wilderer hatte in dieser Woche zum letzten Mal Vögel gefangen.

Zugvögel nehmen zweimal jährlich eine beschwerliche Reise auf sich: im Frühling von den Überwinterungsgebieten zu ihren nördlich gelegenen Brutgebieten und im Herbst zurück in die wohltemperierten Gegenden im Süden. Auf ihrer langen Reise lauern allerlei Gefahren, eine der grössten sind Wilderer. Auf illegale – mit Fangnetzen und Fallen – und leider auch legale Weise – mit Flinte bewaffnet – machen sie Jagd auf die vorbeiziehenden Vögel. Und so kommt es, dass Millionen Zugvögel jährlich nicht in ihren Brutgebieten, beziehungsweise Überwinterungsgebieten, ankommen, sondern ihr Ende in Vogel-Jagdgebieten oder im Kochtopf finden.

Vogelschutz an vorderster Front

Die deutsche Vogelschutzorganisation CABS (Komitee gegen den Vogelmord e. V.) setzt sich an vorderster Front gegen die Vogeljagd ein. Jährlich organisieren sie mehrere Camps in Zypern, Malta, Norditalien und im Libanon. An diesen Hotspots der Vogelwilderei machen sie sich auf die Suche nach illegalen Fallen und Fangnetzen. Angetrieben von der Motivation möglichst viele Vögel vor dem unnötigen Tod durch die Wilderer zu retten, habe ich mich diesen Herbst dem Vogelschutzcamp in Norditalien angeschlossen – und schon bald bemerkt, dass einem die Fallensuche viel physische und mentale Ausdauer abverlangen…

Die Suche beginnt

Nach einer kurzen ersten Nacht im Camp – aufgrund der stetig anwachsenden Aufregung, die mir den Schlaf geraubt hatte – ging es endlich los. Während der allmorgendlichen Besprechung wurden die Teams ein- und die Einsatzgebiete zugeteilt. Als Neuling durfte ich mich für diese Einsatzwoche einem erfahrenen Fallensucher anschliessen. Bereits seit 20 Jahren ist mein Suchpartner jedes Jahr vor Ort – und das immer mit vollem Engagement und Herz.

„Das oberste Credo ist, ungesehen zu bleiben.“

Unser heutiges Ziel war ein Winterskigebiet, das im warmen, schneefreien Oktober eher einer Geisterstadt gleichkam. Umso besser natürlich für uns. Denn das oberste Credo ist, das habe ich sogleich gelernt, stets unerkannt und ungesehen zu bleiben. Denn die Vogelschützer sind in Norditalien bekannt und in der Regel nicht gerne gesehen. Zudem sollen potenzielle Wilderer nicht vorgewarnt werden. Dementsprechend ist auch unsere Kleidung gewählt: Schlicht und möglichst dunkel, sprich unauffällig.

Die Waffen der Wilderer

Kopfüber hängt das Rotkehlchen in der Bogenfalle. © Alexander Heyd, CABS
Kopfüber hängt das Rotkehlchen in der Bogenfalle. © Alexander Heyd, CABS

 

Während wir die Wälder hoch und runter stapfen, erhalte ich eine erste Lektion zum Thema Vogelfallen. Zwei Typen von illegalen Fallen trifft man in dieser Region an: Zum einen Bogenfallen, die um die Beine der Vögel zuschnappen und sie kopfüber hängen lassen. In dieser Stellung verharrt der Vogel, bis er vom Wilderer eingesammelt wird – je nach Dauer des Todeskampfes tot oder lebendig.

„Hat der Vogel „Glück“, findet er so einen schnellen Tod; hat er Pech, harrt er stundenlang mit dem Tod ringend aus, bis der Wilderer ihn „erlöst“.“

Zum anderen werden sogenannte Schlagfallen eingesetzt. Setzt sich ein Vogel in die Falle, angelockt von einem Mehlwurm, schnappt sie zu: Meist um das Genick des Vogels, für den es dann kein Entkommen mehr gibt. Hat der Vogel „Glück“, findet er auf diese Weise einen schnellen Tod; hat er Pech, harrt er stundenlang mit dem Tod ringend aus, bis der Wilderer ihn „erlöst“.

Die Schlagfalle hat zugeschnappt! Das Opfer ist ein Hausrotschwanz. © Alexander Heyd, CABS
Die Schlagfalle hat zugeschnappt! Das Opfer ist ein Hausrotschwanz. © Alexander Heyd, CABS

 

Nebst den Fallen stellen Wilderer hauchdünne Netze auf. Deren Standort ist derart gewählt, dass sie kaum sichtbar sind: zum Beispiel in einem dichten, schattigen Waldstück, das an ein offenes, sonnendurchflutetes Gebiet angrenzt. In der Folge ist das Netz selbst für unsere Augen kaum sichtbar, geschweige denn für die eines rasant fliegenden Vogels. Und sind die Vögel einmal in den Fängen des Netzes, schnürt sich dieses mit jedem Fluchtversuch noch dichter um sie.

In den Verwirrungen des Netzes gab es für dieses Rotkehlchen kein Entkommen mehr. © Alexander Heyd, CABS
In den Verwirrungen des Netzes gab es für dieses Rotkehlchen kein Entkommen mehr. © Alexander Heyd, CABS

Die „Waffen“ der Vogelschützer

In solch weitläufigen und für die Vogeljagd optimal geeigneten Gebieten kommt das Durchforsten nach Fallen und Netzen fast der allseits bekannten Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleich. Demzufolge ist die weit wichtigste „Waffe“ der Vogelschützer deren Erfahrung. Zu wissen, welche Standorte für den Aufbau von Fallen geeignet sind, kann über Finden und Nichtfinden entscheiden – und würde zugleich jeden Vogelschützer zu einem erfolgreichen Wilderer machen. Doch wer wie ich keine Erfahrung vorzuweisen hat, muss diese mit viel Muskelkraft, Schweiss und akribischem Absuchen aufzuwiegen versuchen.

“Doch wer wie ich keine Erfahrung vorzuweisen hat, muss diese mit viel Muskelkraft, Schweiss und akribischem Absuchen aufzuwiegen versuchen.“

Die Bilanz des ersten Tages hinsichtlich gefundener Fallen war „leider“ ernüchternd: keine Netze, keine Fallen. Und so sind an diesem Tag nicht zum letzten Mal Zweifel aufgekommen, ob tatsächlich keine Fallen vorhanden waren – eigentlich ein gutes Zeichen – oder ich schlichtweg zu blind war, diese zu finden.

Hunde, die schlechtesten Freunde der Vogelschützer

Wie leicht Fallen sich vor unseren Blicken „schützen“ können, zeigte sogleich der nächste Einsatztag. Mühsam bahnten wir uns morgens den weiten Weg durch den dicht bewachsenen und steilen Hang zu unserem Suchgebiet, einem mit Leben und zu unseren Ungunsten Hunden gefülltem Dorf. Schon allzu früh kündigten die Hunde unsere Ankunft mit lautem Gebell an. So gerne ich Hunde sonst mag, so ungern bin ich ihnen während meines Einsatzes in Norditalien begegnet. Immerhin haben sie mich gelehrt, auf äusserst leisen Sohlen zu gehen.

Jackpot!

Nach einer erfolglosen Suche brachen wir schon bald wieder zum Rückweg auf. Doch siehe da: Auf einer Wiese, die wir bereits beim Hinweg passiert hatten, wurden wir endlich fündig. Mehrere Schlagfallen ausgestattet mit Netzen zum Lebendfang lagen getarnt von Blättern und Erde am Waldrand. Und nur wenige Schritte weiter wurden wir fast selbst Opfer eines Fangnetzes: Kaum sichtbar war es an der Grenze zwischen einem lichten Laubwald und einem Nadelbaumwald gespannt. Doch damit nicht genug. Oberhalb des Netzes warteten mehrere, mit Mehlwürmern besetzte Schlagfallen auf hungrige Vögel.

Ein Fall für die Polizei

Ist man erst einmal fündig geworden, heisst es Spuren verwischen und ungesehen davonhuschen. Denn nun übernimmt die Polizei. Sie wird sich am kommenden Morgen geschützt im Dickicht auf die Lauer legen, um den Wilderer auf frischer Tat ertappen zu können.

Im Schutz der Dunkelheit

Doch in unserem Fall verunmöglichte die Position der Fallen inmitten eines belebten Dorfes und fern von grösseren, dichten Wäldern ein ungesehenes Verschwinden. So blieb nur eine Möglichkeit: Abwarten bis zum Sonnenuntergang – der zu dieser Zeit noch zweieinhalb Stunden entfernt war – und im Schutz der Dunkelheit verschwinden.

“Wir entschieden uns für Option Nummer 2 und machten es uns unter den spärlich gesäten Bäumen, gebettet in stacheligen Maronen und bei angenehm kalten 10 Grad gemütlich – meinen warmen Pulli einzupacken, hatte ich an diesem Morgen natürlich nicht für nötig gehalten.“

Das war leichter gesagt als getan. Denn die einzige Versteckmöglichkeit war das Wäldchen mitsamt dem montierten Fangnetz (und somit ein Ort, den der Wilderer später möglicherweise kontrollieren würde) oder vier einsame Maronen-Bäume nur wenige Meter oberhalb der Schlagfallen (in Sichtweite des Wilderers sollte er die Fallen auf Beute absuchen). Wir entschieden uns für Option Nummer 2 und machten es uns unter den spärlich gesäten Bäumen, gebettet in stacheligen Maronen und bei angenehm kalten 10 Grad „gemütlich“ – meinen warmen Pulli einzupacken, hatte ich an diesem Morgen natürlich nicht für nötig gehalten.

Von Angesicht zu Angesicht mit dem Wilderer

“Geräuschvoll näherte sich der Wilderer dem Fangnetz und trat kurze Zeit später aus dem Wäldchen hervor. Nur noch wenige Meter trennten uns von ihm. Unsere Blicke trafen sich.“

Doch schon bald schnellte mein Puls in die Höhe: Geräuschvoll näherte sich der Wilderer dem Fangnetz und trat kurze Zeit später aus dem Wäldchen hervor. Nur noch wenige Meter trennten uns von ihm. Unsere Blicke trafen sich. „Was würde ich nur sagen, wenn er uns wahrnehmen würde? Wie würde ich reagieren?“ Ich wusste es schlichtweg nicht. Und so konzentrierte ich mich darauf, nicht vor Kälte zu zittern und mich möglichst flach an den Boden zu schmiegen. Doch unverhofft kommt oft. Ohne uns eines weiteren Blickes zu würdigen, schlenderte der Wilderer davon. Hatte er uns tatsächlich nicht gesehen oder wollte auch er unerkannt bleiben?

Der Wilderer bleibt fern

Als die Polizei am nächsten Tag früh morgens an der Fundstelle in die Büsche sprang, fehlte vom Wilderer jede Spur. Bis zum späten Abend harrten sie in ihrem „Versteck“ bei den Maronen-Bäumen aus, doch der Wilderer blieb den Fallen fern – womöglich ein Anzeichen dafür, dass er uns am Vortag sehr wohl registriert und die Ankunft der Polizei bereits erahnt hatte.

Fallen? Fehlanzeige!

Auch in den kommenden Tagen blieben unsere Streifzüge durch die Hügel Norditaliens „ertraglos“. Kein Wunder hatte ich mich abends oft mit einem Gefühl zwischen Frustration und „Morgen erst recht“ ins Bett gelegt. Das sollte sich jedoch ändern…

Endlich geschnappt!

“Denn jeder Wilderer weniger, bedeutet zahlreiche gerettete Vogelleben – und für mich zählt jedes einzelne.“

Gegen Ende der Woche erreicht mich die Botschaft, dass die Polizei dank unserer Vorarbeit soeben einen Wilderer geschnappt hatte. Ein breites Grinsen erfüllte mein Gesicht und ich wusste: Selbst wenn wir sechs Tage ohne Fund umhergestreift sind, haben sich die Strapazen mehr als gelohnt. Denn jeder Wilderer weniger, bedeutet zahlreiche gerettete Vogelleben – und für mich zählt jedes einzelne.

Legale und illegale Vogeljagd

In Italien ist der Abschuss bestimmter Arten während der vorgegebenen Jagdzeiten und unter der Voraussetzung, dass der Jäger im Besitz einer gültigen Jagdlizenz ist, erlaubt. Zudem dürfen Jäger in fest platzierten Schiesshütten Vögel schiessen. Dabei ist zudem der Gebrauch von Lockvögeln bestimmter Arten erlaubt. Diese fristen ihr Dasein in der Regel in kleinen Käfigen, die um die Schiesshütten positioniert werden. Sie sollen ihre Artgenossen mit ihrem Gesang vor die Flinten der Jäger locken. Verboten ist die Benutzung von nicht-selektiven Fangmethoden, wie Fangnetzen, Schnappfallen und Bogenfallen.

Möchtet auch ihr etwas gegen den grausamen und unnötigen Vogelmord in den Wilderergebieten unternehmen? Auf der Website des Komitees gegen den Vogelmord e.V. findet ihr weitere Informationen zu den durchgeführten Camps.

3 Kommentare

  • R.H.B.

    wir haben vor ca 7 wochen eine grosse fanganlage in norditalien entdeckt und fotografisch dokumentiert. was soll ich damit machen?

    Antworten
  • A.

    Wir essen hier in Europa neuerdings die Insekten den Vögeln weg und killen die geschwächten Vögel nauch noch.Das ist unfassbar.

    Antworten
  • Sonja Portenier

    Danke dass ihr vom naturchutz.ch das Komitee gegen Vogelmord vorstellt, den die leisten seit vielen Jahren eine grossartige und sehr erfolgreiche Arbeit! Man kann das auch sehr gut auf Facebook verfolgen. Es ist einfach nur unfassbar traurig und abscheulich was der Natur und der Tierwelt jahrein jahraus angetan wird.

    Antworten

Beitrag kommentieren