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Ist Skifahren Schnee von gestern?

Der Klimawandel schreitet voran, Schnee fällt immer seltener, selbst in hohen Lagen. Skigebiete halten den Massentourismus mit Beschneiungsanlagen künstlich am Leben statt auf nachhaltigen, sanften Tourismus zu setzen. Doch wie sieht die Zukunft des Skisports in der Schweiz aus? Antworten aus Sicht einer Tourismusforscherin, eines Klimatologen und eines Biologen.

Interview von Bettina Epper und Florence Kupferschmid-Enderlin, Originalveröffentlichung im Pro Natura Magazin.

Monika Bandi, Co-Leiterin Forschungsstelle Tourismus der Universität Bern

Ist die Zeit des Skifahrens in der Schweiz vorbei?
Die Anzahl der Skitage der Schweizer und Schweizerinnen ist stagnierend bis schrumpfend. In den Bergen schneit es immer später, in tiefen Lagen oft gar nicht mehr. Bei den Menschen stellt sich darum weniger Winterfeeling ein. Genau das ist aber für den Wintertourismus entscheidend. Die Menschen bekommen dadurch Lust, Ski zu fahren. Ein zweiter Grund sind die Jungen, die seltener Ski fahren lernen; die älteren, die damit aufhören und Menschen mit Migrationshintergrund, die tendenziell weniger Affinität zum Skifahren zeigen.

Und trotzdem setzen viele Regionen weiter auf Wintertourismus und investieren in teure Beschneiungsanlagen?
Die höchstgelegenen wie Zermatt und Co. haben höchstens unter den schlechtmöglichsten Klimaszenarien längerfristig ein Problem. Sie werden noch lange Schnee und tiefe Temperaturen zur Kunstschneeherstellung haben. Dann gibt es die kleinen wie das Selital im Gantrisch oder der Gurten. Hier ist Beschneiung kaum Thema. Wenn sie Schnee haben, laufen dort ein, zwei Lifte – und irgendwann wird es dann damit vorbei sein. Grössere Probleme haben mittlere Gebiete wie Sörenberg oder Hasliberg. Ihnen schmilzt der Schnee weg und sie werden wohl grössere Beschneiungsanlagen benötigen. Das wird teuer und kann zu Rentabilitätsproblemen führen. Ausserdem brauchen sie zur Beschneiung Frosttage, die auch rarer werden. Trotzdem werden sie so lange wie möglich investieren, um dem Wintertourismus treu zu bleiben.

Obwohl es nicht rentiert?
Ein Wechsel zum Sommertourismus ist aufwendig. Auf den Wintertourismus sind sowohl die Bergbahnen als auch Tourismusnetzwerke mit ganzen Gemeinden, Regionen, ja, oft die ganze Bevölkerung angewiesen. Ausserdem ist der Sommer ökonomisch für Bergbahnen weniger interessant als der Winter.

Wenn der Wintertourismus in der Schweiz schon künstlich am Leben gehalten wird, wie könnte er sich denn zumindest klimafreundlich entwickeln?
In Sachen Ökologie tut sich schon einiges. Bei fast allen Bahnprojekten gibt es etwa Überlegungen, wie die Wassernutzung optimiert und auch zur Produktion von Energie genutzt werden kann. Dies nur schon wegen der Kosten. Aber bei den Gebäudeemissionen und bei der Mobilität besteht noch viel Potenzial. Ausserdem muss man schon vertiefter diskutieren, ob es nicht schlauer ist, wenn die Schweizerinnen und Schweizer im Winter in der Schweiz bleiben und hier Ski fahren. Sie verbrauchen so zwar viel Energie, aber wenn sie stattdessen beispielsweise auf die Malediven fliegen, würde das ungleich viel mehr Emissionen bedeuten. Und das Bedürfnis nach Reisen ist nun mal einfach in uns.

Christoph Marty, Klimaforscher am WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos (Foto: © Marcel Giger)

Können Schneekanonen die Wintersportgebiete vor dem Klimawandel retten?
Denkt man langfristig wie ein Klimatologe oder wie eine besorgte Bürgerin, dann sind Schneekanonen sicher keine Lösung. Denkt man kurzfristig wie ein Manager, der nur seinen Jahresabschluss oder bestenfalls seine Karriere im Visier hat, also die nächsten fünf bis zehn Jahre, dann schon. Anders gesagt: Wenn es um die Frage geht, ob mit künstlicher Beschneiung Arbeitsplätze erhalten werden können, dann muss man sagen: Ja, es lohnt sich. Vor allem, wenn man daran denkt, was alles daran hängt. Es sind nicht nur die Skipiste und der Skilift. Auch der Bäcker im Dorf verkauft mehr Brot, wenn die Einheimischen im Tal bleiben, weil sie Arbeit haben und wenn mehr Touristen kommen.

Aber ökologisch ist das nicht.
Selbst wenn es volkswirtschaftlich gesehen sinnvoll sein kann, Schneekanonen einzusetzen, dann sollten die Betreiber sich zumindest darum bemühen, dass sie möglichst saubere Energie verbrauchen. Derzeit geht diesbezüglich viel zu wenig, erst einzelne Skigebiete haben gemerkt, dass ökologische Energiegewinnung für sie wichtig ist. Allerdings ist es nicht so einfach, denn dummerweise braucht die künstliche Beschneiung genau dann viel Energie, wenn wir in der Schweiz sowieso tendenziell zu wenig Strom haben, nämlich im November und Dezember.

Welche Folgen wird der Klimawandel für den Wintersport in der Schweiz haben?
Andere, als die meisten wahrscheinlich denken. Das Problem ist nämlich nicht der fehlende Schnee in den Bergen. Den können die Skigebiete künstlich kompensieren. Das Problem wird der fehlende Schnee im Mittelland sein. Die Kinder verlieren den Bezug zum Schnee und lernen nicht mehr Skifahren. Genauso wenig wie Kinder mit Migrationshintergrund, bei denen der Bezug zum Skisport oft gar nicht vorhanden ist.

Und wie wird der Wintersport der Zukunft aussehen?
Es wird wohl nur noch einige grosse Skigebiete geben, kleine und mittlere werden grösstenteils verschwinden. Sie haben zwar den Vorteil, dass sie sich auch für Tagesausflüge eignen, aber damit macht man nicht das grosse Geld. Und auch aus Sicht des Klimatologen sind Tagestouristen problematischer als jene, die länger verreisen. Denn am meisten CO₂ wird an einem typischen Skitag bei der An- und Abreise ausgestossen.

Pierre-Alain Oggier, Biologe

Was stört Sie als Naturschützer am Skifahren als Massensport am meisten?
Wie andere Massensportarten ist Skifahren in einer intakten Natur unmöglich. Die Skiorte richten sich auf Wintertourismus aus und merken nicht, dass sie die Landschaft verschandeln, die als Kulisse für den Sommertourismus herhält. Die Skiorte kümmern sich weder darum, was sie zerstören, noch darum, was sie da eigentlich bauen. Das kann ich nicht nachvollziehen. Es wäre problemlos möglich, beim Bau neuer Infrastrukturen ökologisch und landschaftlich wertvolle Zonen auszusparen.

Woran zeigt sich der negative Einfluss des Skisports auf Tiere und Pflanzen?
Abgesehen von der Zerstörung von Lebensräumen durch die Planierung von Pisten wird oft Erdmaterial und damit exotische Pflanzen aus der Ebene in die Berge verfrachtet und dann unnötig begrünt, wodurch die Ansiedlung von Pionierpflanzen behindert wird. Andernorts werden als Kompensation Teiche mit steilen Ufern angelegt, ohne Schilfgürtel, dafür dekoriert mit Totholz oder irgendwelchen unpassenden Elementen, die mit dem Helikopter eingeflogen wurden. Das Interesse an einer Begrünung ist dabei rein formell, der ökologische Ausgleich eine reine Alibiübung.

Worin besteht das Hauptproblem der künstlichen Beschneiung?
Der Skitourismus hat in den Alpen Hunderte Hektaren wertvollen Lebensraum zerstört, ohne dass man sich bewusst gemacht hätte, wie selten diese sind. Auf grossflächig planierten Pisten selbst ist es praktisch egal, ob Kunstschnee oder natürlicher Schnee liegt. Hingegen kommt es links und rechts dieser Skiautobahnen zu gravierenden Eingriffen in die Natur, namentlich durch den Bau von Leitungen und die teilweise gigantischen Speicherseen, die gebaut wurden, um Entnahmespitzen für die Bäche sinnvollerweise möglichst gering zu halten.

Soll man sich gegen Beschneiungsanlagen wehren oder Ausgleichsmassnahmen einfordern?
Eine Strategie, die auf ein grundsätzliches Verbot solcher Anlagen abzielt, bringt nichts. Ebenso unsinnig sind aber auch, konzeptlose Ausgleichsmassnahmen gleich neben solchen Bauten auszuführen. Rückhaltebecken müssten an unproblematischen Standorten gebaut, gut in die Landschaft integriert und mit einer Uferzone aus Schilf versehen werden, damit für Natur und Landschaft ein Mehrwert entstehen kann. Wir verfügen über das Wissen, wie man die Natur sanft nutzen kann.

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