Vor acht Jahren stand die Grauammer im Grossen Moos kurz vor dem Aussterben – 2018 sangen im gesamten Projektperimeter nur noch acht Männchen. Die Brutsaison 2026 zeigt ein völlig anderes Bild: 68 singende Grauammern, 54 verpaarte Weibchen und mindestens 27 erfolgreiche Bruten. Damit beherbergt das Grosse Moos heute den grössten bekannten Grauammer-Bestand der Schweiz. Die gezielten Fördermassnahmen von BirdLife Schweiz und seinen Partnern tragen entscheidend zu dieser Erholung bei. Doch der lokale Erfolg darf nicht über die Gesamtlage hinwegtäuschen: In einer vielfältigen Agrarlandschaft könnte die Grauammer mit mehreren Tausend Brutpaaren im gesamten Mittelland verbreitet sein – tatsächlich sind es schweizweit aktuell gerade noch rund 200.
Die Grauammer (Emberiza calandra) gehört zu den am stärksten bedrohten Brutvögeln der Schweiz. Ende der 1990er-Jahre kam der unscheinbare Kulturlandvogel mit dem metallisch klirrenden Gesang noch mit 400 bis 600 Paaren fast im ganzen Mittelland vor, heute steht die Graummer als «vom Aussterben bedroht» auf der Roten Liste der Schweiz. Umso bedeutender sind die wenigen verbliebenen Hochburgen – allen voran das Grosse Moos zwischen Murten-, Bieler- und Neuenburgersee sowie der Kanton Genf. Dabei ist die Grauammer eine vergleichsweise anspruchslose Art: Wo genügend Nahrung, Deckung und sichere Brutplätze vorhanden sind, kann sie rasch reagieren. Dass sie dennoch auf einen winzigen Restbestand geschrumpft ist, zeigt, wie viel noch zu tun bleibt – und dass die Schweiz ihre Hausaufgaben für die Biodiversität im Kulturland nach wie vor nicht gemacht hat.
Lange unterschätzt
Wie prekär die Lage der Grauammer wirklich ist, wurde lange verkannt. Bei der Roten Liste 2010 galt sie noch als «verletzlich» (VU) – das ganze Ausmass des Rückgangs war damals nicht bekannt. Erst eine Studie von BirdLife Schweiz und weiteren Partnern, 2013 im «Ornithologischen Beobachter» publiziert, machte das Ausmass deutlich: Seit den 1990er-Jahren war der Bestand um rund 80 Prozent eingebrochen. Bereits die Autorinnen und Autoren hielten fest, dass die Art bei Kenntnis dieser Zahlen wohl schon damals als «stark gefährdet» (EN) hätte eingestuft werden müssen. Heute gilt die Grauammer gemäss der geltenden Roten Liste als «vom Aussterben bedroht» (CR) – die höchste Gefährdungskategorie. Innert gut eines Jahrzehnts rückte sie damit von «verletzlich» bis an den Rand des Aussterbens: ein deutlicher Beleg dafür, wie lange unterschätzt wurde, wie schlecht es der Grauammer tatsächlich geht – und wie dringend Massnahmen nötig waren.

Bild: © Lucas Lombardo
Ein Tiefpunkt als Weckruf
Genau hier hat BirdLife Schweiz 2015 das Artenförderungsprojekt «National prioritäre Kulturlandvögel im Grossen Moos» gestartet – zugunsten von Grauammer, Kiebitz, Turteltaube und Vogelarten des Kulturlands. Wie dringend nötig dieses Engagement war, zeigte sich 2018 auf schmerzliche Weise: Im ganzen Grossen Moos wurden gerade noch acht singende Grauammer-Männchen festgestellt. Einer der einst landesweit bedeutendste Grauammer-Bestand drohte zu erlöschen.
Die Saison 2026 in Zahlen
Acht Jahre später hat sich das Blatt gewendet. Die systematische Erfassung von April bis Juli 2026 ergab:
- 68 Reviere (singende Männchen) im gesamten Grossen Moos
- 54 verpaarte Weibchen
- 43 Reviere mit Brutversuch
- mind. 27 Reviere mit nachgewiesenem Bruterfolg
Mit mindestens 27 erfolgreichen Bruten wurde ein neuer Höchstwert erreicht. Denn während die Zahl der Sänger von Jahr zu Jahr auch durch Zuzug schwanken kann, ist erfolgreiche Fortpflanzung ein direkter Gradmesser für die Qualität des Lebensraums.
Die Massnahmen wirken – sichtbar im Gelände
Dass die Fördermassnahmen entscheidend zur Erholung beitragen, zeigt sich nicht nur an den Zahlen, sondern auch an der Verteilung im Gelände: praktisch alle Reviere konzentrieren sich auf im Rahmen des Artenförderungsprojekts aufgewerteten Flächen sowie qualitativ hochwertigen Biodiversitätsförderflächen (BFF). Hotspots sind eigens angelegte Brachen wie beispielsweise die 2023 geschaffene, europaweit einmalige Grauammer-Förderfläche bei Brüttelen (7 Reviere) –, wo BirdLife gemeinsam mit Bewirtschaftenden gezielt ein Lebensraum-Mosaik für die Grauammer geschaffen hat.
Seit 2015 hat BirdLife Schweiz im Grossen Moos ein dichtes Netz an Strukturen aufgebaut: Bunt- und Rotationsbrachen, extensive Wiesen, Säume sowie ungeerntete Getreide oder Buschgruppen. Hinzu kommen neu entwickelte Mischungen wie die «Bird&Life-Brache und -Gründüngung», die Nahrung und Deckung über das ganze Jahr hinweg bereitstellen.
Winternahrung – der unterschätzte Schlüssel
Ein entscheidender, lange unterschätzter Faktor ist das Nahrungsangebot im Winter. Vögel, die gut durch die kalte Jahreszeit kommen, starten kräftiger in die Brutzeit und ziehen mehr Junge gross. Genau darauf zielen mehrere Massnahmen von BirdLife Schweiz ab: Die samenreichen Brachen – allen voran die «Bird&Life-Brache» – liefern Feldvögeln auch im Herbst und Winter Samen und Deckung, wenn andere Nahrungsquellen in der ausgeräumten Agrarlandschaft längst fehlen. Wichtig ist deshalb, dass diese Flächen über den Winter stehen bleiben und anders als herkömmliche Brachetypen nicht gemulcht werden.
Wie wirkungsvoll das ist, zeigte der vergangene Winter eindrücklich: Im Winter 2025/26 überwinterte rund um die Grauammer-Förderfläche ein Trupp von bis zu 80 Grauammern – ein aussergewöhnliches Bild für eine Art, die in der Schweiz fast verschwunden ist, und ein starker Hinweis darauf, dass das Winternahrungsangebot greift: in den letzten 30 Jahren konnte nicht ein annähernd so grosser überwinternder Trupp festgestellt werden.
Hunderte Stunden Feldarbeit
Hinter den erfreulichen Zahlen steckt intensive Arbeit vor Ort. Das Feldteam von BirdLife Schweiz investierte hunderte Stunden im Gelände – unter anderem, um singende Männchen zu finden und später in der Brutsaison sämtliche Nester aufzuspüren und sie, wo nötig, durch gezielten Mahdaufschub vor dem Vermähen zu schützen. Ohne diesen Einsatz fielen viele Bruten der maschinellen Bewirtschaftung zum Opfer, bevor die Jungvögel flügge sind.
Erfolg mit Augenmass
BirdLife Schweiz ordnet die Zahlen bewusst ein: Die Erholung im Grossen Moos ist ein grosser lokaler Erfolg, findet aber weiterhin auf tiefem Niveau statt und steht im scharfen Kontrast zur landesweit kritischen Situation. Auch grossräumige Einflüge von Grauammern – wie 2022 schweizweit beobachtet – haben in einzelnen Jahren zum Aufschwung beigetragen. Entscheidend aber ist, dass die zugezogenen Vögel im Grossen Moos hochwertigen Lebensraum vorfinden, in dem sie sich niederlassen, überwintern und erfolgreich brüten können. Genau das leisten die Fördermassnahmen. Der lokale Aufschwung zeigt deshalb sowohl, was mit gezielten Massnahmen möglich ist, als auch, wie gross der Handlungsbedarf in der übrigen Agrarlandschaft weiterhin bleibt.
«Der Sprung von acht auf 68 Reviere ist ein starkes Signal: Wenn wir Feldvögeln über das ganze Jahr Nahrung, Deckung und sichere Brutplätze bieten – bis in den Winter hinein –, kommen sie zurück. Aber einzelne Pilotprojekte sind erst der Anfang. Jetzt müssen wir mit solchen Massnahmen endlich in die Fläche kommen und die ökologische Qualität von Biodiversitätsförderflächen in der Landwirtschaft insgesamt verbessern.»
Lucas Lombardo, Projektleiter des Artenförderungsprojekts im Grossen Moos
Es bleibt viel zu tun
Trotz des erfreulichen Aufwärtstrends ist das langfristige Überleben der Grauammer und der weiteren Zielarten noch längst nicht gesichert. Einzelne Projekte wie jenes im Grossen Moos können deshalb nur ein erstes positives Signal sein. Der entscheidende nächste Schritt ist, die erfolgreichen Ansätze endlich in die Fläche zu tragen und die Lebensraumqualität in der Landwirtschaft grossräumig zu verbessern. BirdLife Schweiz setzt das Engagement im Grossen Moos deshalb konsequent fort und dankt allen Partnerinnen und Partnern – insbesondere den beteiligten Bewirtschaftenden, dem Kanton Bern, sowie den zahlreichen Stiftungen, die den Erfolg erst möglich machen.
