In 15 Schweizer Städten finden in den nächsten 10 Tagen grosse Demonstrationen für mehr Klimaschutz statt. Dazu aufgerufen hat die Koalition «Keine 50-Grad-Sommer!», der sich mehr als 170 Organisationen angeschlossen haben. Demonstriert wird am 19. September in der Romandie und am 25. September in der Deutschschweiz. Die Bewegung warnt vor der ungenügenden Vorbereitung der Schweiz auf die Folgen der Klimakrise und fordert einen sofortigen politischen Kurswechsel.
«Der Sommer 2026 hat uns in der Schweiz und europaweit eindrücklich vor Augen geführt, wie wissenschaftliche Szenarien für die Klimazukunft innerhalb kurzer Zeit real werden», erklärt Moritz Gubler, Forscher und Stadtklimatologe an der Universität Bern an der heutigen Medienkonferenz der Koalition. Diese neue Realität bedroht direkt die Lebensgrundlagen, die Biodiversität, die Arbeitsbedingungen, die Gesundheit und in besonders starkem Ausmass die verletzlichsten Bevölkerungsgruppen.

Besonders stark von der Hitze betroffen waren Menschen in der Baubranche. «Zwei Drittel der befragten Bauarbeiter hatten keine Anpassung ihrer Arbeitszeiten. Selbst bei 39 Grad arbeiteten die allermeisten den ganzen Tag. 15 Prozent der Befragten sind am Arbeitsplatz bereits ohnmächtig geworden oder haben miterlebt, wie ein Kollege ihrer Equipe zusammengebrochen ist.», berichtet Chris Kelley, Co-Leiter Sektor Bau, bei der Unia.
Die extreme Hitze ist nicht nur belastend, sondern eine konkrete Gefahr für die Gesundheit. «Studien in Europa zeigen ein einheitliches Bild: In den letzten 10 Jahren starben wegen der zunehmenden Hitzeperioden pro eine Million Einwohner 52 Menschen zusätzlich», erklärt Bernhard Aufdereggen, Arzt und Präsident Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz.
Politisches Versagen angesichts der Dringlichkeit
Die Koalition kritisiert die unzureichenden politischen Antworten auf die Klimakrise. Die Reduktion der Treibhausgasemissionen verläuft längst nicht auf dem erforderlichen Pfad, und der ohnehin unzureichende Klimaschutz wird unter dem Druck der fossilen Lobbys und anderer Interessengruppen zurückgedrängt. Und mehr als das: «Der politische Fokus auf Wirtschaftswachstum und Profite steht grundsätzlich im Widerspruch zu einem sozial gerechten Klimaschutz. Das führt letztlich dazu, dass der Schweizer Staat, wie fast alle anderen Regierungen, seine ohnehin wenig ambitionierten Klimaziele Jahr für Jahr verfehlt», kritisiert Sophie Weck (Name geändert), Klimaaktivistin.
Die Landwirtschaft, die bereits unter starkem wirtschaftlichem Druck steht, wurde schwer von der diesjährigen Dürre getroffen. Die Ernteausfälle und Ertragseinbussen waren beträchtlich. «Wir Landwirt:innen sind von Hitze, Dürre und Starkregen direkt betroffen. Auf unserem Hof im westlichen Aargau erleben wir Jahr für Jahr häufiger Wetterextreme. Um eine gesunde Ernährung langfristig zu sichern, brauchen wir eine konsequente Förderung resilienter Anbausysteme nach den Prinzipien der Agrarökologie und der regenerativen Landwirtschaft», findet Georg Dällenbach, Bio-Landwirt, ausgebildeter Agronom und Mitglied des Vorstands der Bauernorganisation Uniterre.
Auch die Anpassung an die Klimakrise beurteilt die Koalition als stark vernachlässigt, wodurch sich soziale Ungleichheiten weiter verschärfen: Je nach Einkommen, Wohnsituation und Alter unterscheiden sich die Möglichkeiten, mit Klimakatastrophen umzugehen, erheblich. «Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Städte zu Backöfen und unsere Felder zu Staublandschaften werden. Neben konsequentem Klimaschutz braucht es begrünte Städte, klimaresistente Landwirtschaft und öffentliche Orte der Abkühlung, damit alle Menschen gut durch die immer heisseren Sommer kommen. Das sind keine Luxusmassnahmen, sondern ein notwendiger Schutz für die Bevölkerung», erklärt Laurène Descamps, Mitinitiatorin der Koalition «Keine 50-Grad-Sommer» in der Deutschschweiz.
Ein Manifest und drei zentrale Forderungen
Um dieser existenziellen Bedrohung entgegenzutreten, will die Koalition einen kollektiven Aufbruch auslösen und organisiert Demonstrationen in der ganzen Schweiz. Im Zentrum stehen drei Hauptforderungen:
- Alle Leben müssen geschützt werden, insbesondere die verletzlichsten
- Das Wirtschaftssystem muss grundlegend verändert werden, um die Treibhausgasemissionen drastisch zu reduzieren
- Die Klimakrise muss auf politischer, finanzieller, sozialer und wirtschaftlicher Ebene mit höchster Priorität behandelt werden
Ein Manifest bündelt in acht Themenbereichen verschiedene von der Koalition geforderte Massnahmen. Einer der Bereiche betrifft die globale Verantwortung der Schweiz als Finanzplatz. Unter anderem fordert die Koalition den sofortigen Stopp der Finanzierung der Expansion fossiler Treibstoffe und der Zerstörung von Ökosystemen. Es besteht Konsens: «Die Schweiz trägt eine enorme Verantwortung: Noch immer fliessen Milliarden in Kohle, Öl und Gas, obwohl das Klimagesetz eine Ausrichtung der Finanzflüsse an den Pariser Klimazielen vorschreibt. Jetzt braucht es endlich die konsequente Umsetzung dieses Auftrags.», erklärt Laurène Descamps, Mitinitiatorin der Koalition «keine 50 Grad Sommer».
Breite Mobilisierung aller betroffenen Bereiche
Ziel ist es, die Wut und Frustration vieler Menschen auf die Strasse sichtbar zu machen, und diesen Elan in eine dauerhaften Bewegung zu überführen, die in Quartieren, Gemeinden, an Arbeitsplätzen und in politischen Entscheidungsgremien eine Transformation durchsetzen kann, die dem Ausmass der Herausforderungen gerecht wird.
«2026 muss ein Wendepunkt sein. Nach dem heissesten Sommer seit Messbeginn können wir nicht einfach zum Alltag zurückkehren. Wir dürfen nicht länger Öl ins Feuer der Klimakrise giessen, indem wir über den Schweizer Finanzplatz Milliarden in fossile Energien lenken und parallel noch Autobahnen und Flughäfen ausbauen. Jetzt braucht es den Mut, unsere Wirtschaft grundlegend umzubauen und die Mittel dort zu holen, wo klimaschädliche Profite entstehen. Unser kollektives Überleben hängt von unserer Fähigkeit ab, die Dinge grundlegend zu verändern», betont Laurène Descamps, Mitinitiatorin der Koalition «keine 50 Grad Sommer» in der Deutschschweiz.
Weitere Informationen: Keine 50° Grad Sommer!
