StartNewsGesellschaftDie Schweizer Landwirtschaft braucht neue Strategien

Die Schweizer Landwirtschaft braucht neue Strategien

Von Januar bis Juli 2026 fiel im Schweizer Mittelland nur etwa die Hälfte der üblichen Niederschläge. Gleichzeitig lässt die Hitze deutlich mehr Wasser verdunsten. Für viele Landwirtschaftsbetriebe wird die Situation zunehmend prekär. Die Vereine ohneGift und Vision Landwirtschaft fordern deshalb, nicht nur auf kurzfristige Nothilfe zu setzen, sondern die Landwirtschaft widerstandsfähigergegen Trockenheit und Hitze zu machen.

Die Folgen des trockenen Sommers sind auf den Landwirtschaftsbetrieben bereits deutlich spürbar. Böden und Kulturen trocknen aus, Missernten nehmen zu und das Futter wird knapp. Teilweise mussten Kühe kurz nach dem Alpaufzug wieder ins Tal gebracht werden. Winterreserven werden bereits verfüttert – und wenn diese nicht mehr ausreichen, werden die Tiere notgeschlachtet.

Entsprechend gross ist der Ruf nach Unterstützung. Gefordert werden unter anderem höhere Milchpreise, gelockerte RAUS-Bestimmungen, tiefere Zölle auf Futtermittel oder Wassertransporte durch die Armee. Auch Bewilligungsverfahren für Wassersammelbecken sollen vereinfacht und eine ausserordentliche Lage ausgerufen werden.

Solche Massnahmen können in einer akuten Notlage sinnvoll sein. Sie lösen jedoch das grundsätzliche Problem nicht.

Nicht nur reagieren, sondern vorsorgen

Die Forschung zeigt: Hitzewellen und Trockenperioden werden auch in Zukunft auftreten. Für die Landwirtschaft stellt sich deshalb eine grundsätzliche Frage: Wie lässt sich die Produktion so gestalten, dass sie mit längeren Trockenperioden und zunehmender Hitze besser zurechtkommt?

Die Vereine ohneGift und Vision Landwirtschaft plädieren dafür, genau hier anzusetzen. Statt die Abhängigkeit von Bewässerung, importiertem Futter oder kurzfristigen staatlichen Interventionen weiter zu erhöhen, brauche es Investitionen in widerstandsfähige Landwirtschaftssysteme.

Wasser in der Landschaft halten

Ein zentraler Ansatz ist, Wasser möglichst lange in der Landschaft zu halten. Böden und Landschaften sollen Niederschläge aufnehmen, speichern und bei Bedarf wieder verfügbar machen können.

Dazu gehören beispielsweise Schwammlandschaften und Agroforstsysteme. Bäume und Sträucher auf landwirtschaftlichen Flächen können das Mikroklima verbessern, Wasser im Boden halten und gleichzeitig zusätzliche ökologische Funktionen erfüllen.

Agroforstflächen, eine Kombination aus Feldern und Bäumen, können Wasser nicht nur bei Trockenheitsphasen besser speichern, sondern bieten auch Vorteile bei Starkregen. Bild: © Jörg Hartmann via Pexels

Auch bei Starkregen zeigen solche Massnahmen Vorteile: Wenn Wasser langsamer abfliesst und besser versickert, wird weniger Oberboden abgeschwemmt. Gleichzeitig gelangen weniger Nährstoffe und Pflanzenschutzmittel in Bäche und Seen.

Die richtigen Kulturen für das Klima von morgen

Auch die Wahl der angebauten Kulturen wird wichtiger. Wo Wasser knapp ist, können trockenheitstolerante Pflanzen gegenüber wasserintensiveren Kulturen im Vorteil sein.

Hirse statt Kartoffeln ist ein Beispiel dafür. Eine solche Anpassung bedeutet nicht, dass bisherige Kulturen grundsätzlich verschwinden sollen. Vielmehr geht es darum, die Fruchtfolgen stärker an die klimatischen Bedingungen anzupassen und Risiken breiterabzustützen.

Der Boden als Wasserspeicher

Eine weitere wichtige Stellschraube ist der Boden selbst. Bodenbedeckung, Humusaufbau und eine bodenschonende Bewirtschaftung können dazu beitragen, dass Böden Wasser besser speichern und Pflanzen auch längere Trockenperiodenbesser überstehen. Damit wird der Boden zu einem Teil der Klimaanpassung: Ein humusreicher, gut strukturierter Boden kann Niederschlagswasser besser aufnehmen und länger verfügbar halten.

Vorsorge kostet, Nichtstun auch

Viele dieser Massnahmen wirken nicht sofort. Agroforstsysteme brauchen Zeit, bis Bäume ihre volle Wirkung entfalten. Auch der Aufbau von Humus und die Umstellung von Anbausystemen sind langfristige Prozesse. Für Betriebe können damit Investitionen, zusätzlicher Beratungsbedarf und anfänglich höhere Risiken verbunden sein.

Genau deshalb brauche es laut ohneGift und Vision Landwirtschaft finanzielle Unterstützung und fachliche Beratung. Öffentliche Mittel sollten stärker in Massnahmen fliessen, die die Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft langfristig erhöhen. Denn eine Landwirtschaft, die besser mit Trockenheit umgehen kann, ist weniger abhängig von Notmassnahmen, etwa von importiertem Futtermittel, zusätzlicher Bewässerung oder staatlichen Wassertransporten.

Klimaanpassung ist auch Gewässerschutz

Interessant ist dabei der Mehrfachnutzen vieler Massnahmen. Was der Landwirtschaft hilft, kann gleichzeitig dem Naturschutz und den Gewässern zugutekommen. Wenn Wasser im Boden versickert, statt oberflächlich abzufliessen, wird bei Starkregen weniger Boden erodiert. Gleichzeitig können weniger Nährstoffe und Pflanzenschutzmittel in die Gewässer gelangen. Eine Landwirtschaft, die Wasser besser zurückhält, kann damit sowohl besser mit Trockenheit als auch mit zunehmenden Starkregenereignissen umgehen.

Die aktuelle Trockenheit ist deshalb mehr als eine Ausnahmesituation. Sie zeigt, wo die Schweizer Landwirtschaft verletzlich ist – und wo langfristig angesetzt werden muss. Soforthilfe kann eine akute Krise abfedern. Für die nächste Dürre braucht es jedoch vor allem eine Landwirtschaft, die Wasser besser speichert, mit weniger Wasser auskommt und widerstandsfähiger gegenüber Extremereignissen ist.

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