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Von Tannenhähern und Schwarzhalsziegen im Vispertal

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Ein verwunschener Lärchen-Arvenwald, die fantastische Aussicht auf schneebedeckte Viertausender am Horizont und ein kühlendes Bad für Unverfrorene im Bergsee – all das bietet diese gemütliche Wanderung im Wallis. Entlang des Höhenwegs von Gspon nach Visperterminen gibt es ausserdem unzählige Pflanzen und Tiere zu entdecken.

Weil die 1. August-Feier im kleinen Rahmen doch etwas länger ausgefallen ist, entscheiden wir uns am folgenden Tag für einen gemütlichen Ausflug. Geplant ist die etwa dreistündige Wanderung von Gspon über den Gibidumpass nach Visperterminen. Geworden ist es ein Ganztagesausflug, weil es so viele Tiere und Pflanzen zu entdecken gab.

Begleitet werde ich von zwei Walliser Kollegen – einem Umweltingenieur und einem Bauingenieur, der auch Jäger ist. Entsprechend sind wir mit Ferngläsern und einem Fernrohr ausgerüstet, um Wildtiere zu beobachten. Mit der Luftseilbahn geht es von Stalden hoch zum Weiler Gspon. Kurz vor der Endstation entdecken wir auf einer saftigen Wiese unterhalb der Bahn etwa sieben Gämsen, die unbeeindruckt von den Geräuschen der Gondel äsen. Kaum haben wir die Endstation verlassen, hören wir die leisen, zwitschernden Stimmen von Felsenschwalben. Wir erspähen sie zwischen den horizontalen Holzlamellen der Fassade. Lange können sich die Felsenschwalben nicht ausruhen, denn mehrere Hausrotschwänze scheuchen sie mit ihren Zwischenlandungen auf.

Mit leichter Verzögerung starten wir die Wanderung vorbei an typischen Walliser Holzhäusern mit den sorgfältig geschichteten Steindächern. Leider sehen wir keine Kornspeicher, die zu den Wahrzeichen der Walliser Baukultur gehören. Diese Ställe wurden auf Stelzen mit waagrechten Steinplatten gebaut, um das Eindringen von Mäusen in die Vorratskammern zu verhindern. Ob dieser statischen Meisterwerke staunt selbst der Bauingenieur!

Am Ende des Weilers kommen wir am höchstgelegenen Fussballplatz Europas vorbei. Von meinen Begleitern erfahre ich, dass Ende August die Bergdorf-Europameisterschaft in Staldenried und Gspon hätte stattfinden sollen. Dabei hätten sich Schweizer Amateurfussballer mit Spielern aus acht europäischen Ländern gemessen, darunter Frankreich, Italien und Deutschland. Aufgrund der Coronapandemie wurde die EM auf das nächste Jahr verschoben.

Wir lassen den Weiler hinter uns und tauchen in einen Lärchen-Arvenwald ein, wo Baumflechten von weitem im Morgenlicht in verschiedenen Farben leuchten. Ich erinnere mich an einen Mitstudenten, der sich leidenschaftlich mit Flechten befasste. Begeistert hatte er mir einmal erzählt, dass gewisse baumbewohnende Flechten zur Beurteilung der Luftqualität beigezogen würden, weil sie äusserst empfindlich auf Luftschadstoffe reagieren würden. Da wir keine Flechten-Spezialisten sind, hoffen wir, dass die vorgefundenen Arten auf eine gute Luftqualität hindeuten.

Zum Glück befindet sich der rot-weiss-rote Höhenweg mehrheitlich im Wald, denn bereits am späteren Vormittag setzt uns die brütende Hitze zu. Mehrmals überqueren wir kleine Wildbäche, die eine wohltuende Abkühlung für Arme und Gesicht bieten. Unterwegs treffen wir nur sehr wenige Wanderer, dafür scheint die Route bei Bikern besonders beliebt zu sein. Manche schaffen es aus eigener Muskelkraft, einige sind auch motorisiert unterwegs. Wir bezweifeln, dass sie die Strecke auch ohne E-Bikes bewältigen könnten.

Während der Jäger sein Fernrohr aus dem Rucksack kramt, hören wir plötzlich leise Nagegeräusche. Wenige Meter neben dem Wanderweg entdecken wir im schattigen Moos mehrere gut versteckte Tunneleingänge. In der Hoffnung, dass sich irgendwo eine Maus regt, suchen wir geduldig die Böschung ab. Der kleine Waldbewohner lässt sich aber nicht blicken. Mein Kollege ist erfolgreicher: Auf einer Waldlichtung in einem Lawinenzug entdeckt er einen Rehbock, der genüsslich die Triebspitzen eines Jungbaums frisst. Einige hundert Meter oberhalb erspähen wir entlang des Gebirgskamms die Silhouetten mehrerer Tiere. Ob es wohl Steinböcke sind? Oder doch eher Gämsen? Der Blick durchs Fernrohr liefert eine überraschende Antwort: Es sind Walliser Schwarzhalsziegen, eine alte ProSpecieRara-Rasse. Auffallend ist ihr langes Fell, das in der vorderen Körperhälfte schwarz und in der hinteren weiss gefärbt ist. Die Ziegen werden wie die typischen Walliser Schwarznasenschafe meist hobbymässig gehalten.

Auch aus ornithologischer Sicht ist einiges los. Aus allen Himmelsrichtungen ertönt die krächzende Stimme des Tannenhähers, die an den Alarm eines alten Weckers erinnert. Der weiss gepunktete Rabenvogel versteckt jährlich Tausende von Samen als Wintervorrat. Trotz seines exzellenten Erinnerungsvermögens vergisst er das eine oder andere Versteck und trägt somit zur Verjüngung des Waldes bei. Aus den Baumkronen ist auch der trillernde «bürrürRET»-Ruf der Haubenmeisen zu vernehmen, die nervös von Ast zu Ast hüpfen. Für uns ist sie mit ihrer aufstellbaren Federhaube der «Punk unter den Meisen». Die optisch unscheinbarere Klappergrasmücke können wir nur entdecken, weil sie sich mit ihren Rufen verrät. Zweimal lässt sie sich kurz durch das Fernglas beobachten, ehe sie im Dornengestrüpp verschwindet.

Der Weg führt uns weiter durch das Naturwaldreservat Sädolwald. Auf einer Informationstafel erfahren wir, dass einige der Arven und Lärchen wohl über 600 Jahre alt sind. Höhlen in den alten Bäumen bieten wertvolle Unterschlupfmöglichkeiten für Vögel und Fledermäuse. Aber auch die bunten Blüten entlang des Wegs scheinen attraktiv zu sein: Fliegen und Käfer wie der Kleine Schmalbock tummeln sich auf den grossen Doldengewächsen und Tagfalter fliegen rastlos von einer Wildblume zur nächsten. Während ich minutenlang versuche, einen Weissbindigen Bergwald-Mohrenfalter auf einer Blüte zu fotografieren, haben meine Begleiter die ersten reifen Heidelbeeren entdeckt. Ihre blauen Finger und Lippen verraten den heimlichen Snack.

Gegen Mittag wird der Wald zunehmend lichter und wir finden eine geeignete Picknick-Stelle. Während wir die Aussicht geniessen, spielt sich zu unseren Füssen ein fantastisches Heuschrecken-Konzert ab. Bei genauem Hinhören erkennen wir unterschiedliche Stimmen und Rhythmen: von Dauersängern, die sich in den Vordergrund drängen, über schüchterne «Zirper» zu melodiösen Backgroundtrillern. Wer die Bestimmung von Vogelstimmen schwierig findet, hat sich noch nie mit dem Gesang der Heuschrecken befasst.

Ausgeruht nehmen wir die letzten Höhenmeter Richtung Gibidumpass in Angriff. Mitten auf dem Wanderweg entdecken wir immer wieder kleine Löcher, die von bodennistenden Insekten stammen. Über unseren Köpfen jagen sich mehrere Turmfalken spielerisch im Flug. Ansonsten scheinen sich die meisten Tiere während der brütenden Nachmittagshitze zurückgezogen zu haben. Auch wir können die wohltuende Abkühlung im Gibidumsee kaum erwarten!

Zum Schluss erfolgt der Abstieg zum Bergrestaurant Giw. Von dort geht es mit dem Sessellift zwischen wehenden Baumwipfeln hinunter ins Tal.

Tipp: Die Wanderung ist auch im Spätherbst sehr schön, wenn die orangefarbenen Lärchennadeln den Waldboden wie ein Teppich bedecken.

Informationen zur Wanderung
Dauer: 3 h
Länge: 8 km
Startpunkt: Gspon, 1893 m ü. M.
Höchster Punkt: Gibidumsee, 2193 m ü. M.
Höhenmeter Aufstieg: 480 m
Höhenmeter Abstieg: 365 m
Schwierigkeit: T2

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