StartNewsAktionWilde Weiden – Ungenutztes Naturschutzpotential der Schweiz

Wilde Weiden – Ungenutztes Naturschutzpotential der Schweiz

Wilde Weiden sind eine grosse Chance für die Biodiversität in der Schweiz. Ganzjährig und extensiv beweidete Landschaften schaffen wertvolle Lebensräume für zahlreiche bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Während sich diese Bewirtschaftungsform im Ausland bereits bewährt hat, fehlen solche grossflächigen Weiden in der Schweiz bislang vollständig. Dies möchte der vor 3 Jahren gegründete Verein Wilde Weiden Schweiz ändern. Vorstandsmitglied Jonas Landolt erklärt, was Wilde Weiden genau sind und weshalb sie für viele Tiere so wertvoll sein können.

Vom offenen Boden fliegt ein Wiedehopf auf und landet in einer ausladenden Eiche. In einer Karde legt eine Stängel-Blattschneiderbiene ihr Nest an und von einer kleinen Wasserstelle ruft eine Gelbbauchunke. Vor uns liegt eine äusserst vielseitige Landschaft: Von kleinen Wasserflächen und offenen Bodenstellen, über Weidenrasen und höherer, blütenreicher Krautvegetation zu Gruppen aus Dornengebüsch, Einzelbäumen und kleinen Wäldchen. Es singt, summt und blüht überall. Die Fläche wird nicht von Menschen bewirtschaftet, sondern von Rindern und Pferden. Wir befinden uns auf einer Wilden Weide! In Deutschland und anderen europäischen Ländern existieren seit etlichen Jahren Wilde Weiden und erzielen grosse Erfolge im Naturschutz. In der Schweiz kennen wir das Bewirtschaftungsmodell der Wilden Weiden leider noch nicht in der Praxis. Es ist an der Zeit, dass sich das ändert!

Aber was ist eine Wilde Weide?

Bereits bekannt sind in der Schweiz gewisse Naturschutzweiden wie die Wasserbüffelweiden im Aargauer Reusstal oder die Beweidung im Neeracherried mit Schottischen Hochlandrinder. Diese Naturschutzweiden sind von grossem Wert für die Biodiversität: So kamen beispielsweise im Neeracherried dank der Beweidung die Kiebitze als Brutvögel zurück. Allerdings sind solche Naturschutzweiden meist nur ein paar Hektaren klein und die Beweidung erfolgt nur saisonal und nicht ganzjährig.

In diesen zwei Punkten unterscheiden sich die Wilden Weiden. Sie sind grossflächig und werden ganzjährig mit nur wenigen Tieren bestossen. Man rechnet mit etwa einem Rind pro zwei Hektaren und Jahr. Durch diese geringe Anzahl kommen die Weidetiere im Sommer nicht nach mit dem Fressen, so dass immer etwas blüht. Im Winter fressen sie dann die stehengelassene Vegetation vom Sommerhalbjahr. Ausserdem werden im Winter vermehrt auch die Gehölze gefressen, so dass die Fläche nicht zu stark verbuscht. Der Gehölzverbiss führt insbesondere bei Dornensträuchern dazu, dass sie dicht wachsen und zu idealen Vogelbrutplätzen werden. Durch ihren Tritt schaffen die Weidetiere offene Bodenstellen, welche beispielsweise von Wildbienen als Nistplätze genutzt werden. Gleichzeitig erwischt auf diesen offenen Bodenstellen auch der Wiedehopf die Maulwurfsgrille im Boden und der Neuntöter fängt dort den Laufkäfer, welcher im hohen Gras nicht erreichbar wäre. Das kleinräumige Mosaik aus fehlender, niedriger und hoher Vegetation bietet vielen Tieren ideale Bedingungen und sorgt für eine hohe Pflanzenvielfalt.

Vor den Menschen war Mitteleuropa eine «Wilde Weide»

Mittlerweile gibt es etliche Publikationen die zeigen, dass Mitteleuropa vor dem menschlichen Einfluss kein geschlossener Wald war, sondern ein landschaftliches Mosaik aus Wald, Offenland und vor allem halboffener Landschaft, die durch grosse Pflanzenfresser wie Auerochse, Wildpferd, Wisent und Co. gestaltet wurde. Unsere Tiere und Pflanzen haben also eine gemeinsame evolutionsbiologische Geschichte mit grossen Weidetieren. Sehr viele Pflanzen haben Abwehrmechanismen entwickelt, um nicht gefressen zu werden. Etliche Arten besitzen beispielsweise Dornen oder Stacheln. Das ist nichts anderes als ein Frassschutz und macht in unserer primär gemähten Landschaft keinen Sinn mehr. Die so geschützten Pflanzen werden in einer beweideten Landschaft nicht gefressen und bleiben stehen. Das nutzen dann Arten, wie die Stängel-Blattschneiderbiene und legen in den stacheligen Stängeln der Karden ihre Brutzellen an.

Auch andere Pflanzenarten wie die Binsen, welche von Weidetieren ungern gefressen werden, sind wichtige Überwinterungsorte für Insekten. So legen beispielsweise die Binsenjungfern, eine Libellengattung, oder die Schwertschrecken gerne ihre Eier in den Binsen ab. Viele Samen tragen Haken, um im Fell von Weidetieren hängen zu bleiben und so verbreitet zu werden. Pflanzen, die wir heute als «schnittverträglich» bezeichnen, sind eigentlich evolutionsbiologisch betrachtet «frassverträglich». Sie können nach dem Abfressen wieder austreiben. Von den ätherischen Ölen der Lippenblütler, über die Vorliebe von Steinkäuzen für Mistkäfer bis zu Schmetterlingen, die auf Kothaufen Mineralien aufnehmen: Wenn man seinen Blick für die Beziehungen unserer Natur mit Weidetieren schärft, entdeckt man sie überall.

Auf Wilden Weiden bildet sich eine enorme Biomasse an Dunginsekten, die Nahrung für Vögel, Reptilien und weitere Tiere ist. Bild: © S. Lehnert

Auch andere Pflanzenarten wie die Binsen, welche von Weidetieren ungern gefressen werden, sind wichtige Überwinterungsorte für Insekten. So legen beispielsweise die Binsenjungfern, eine Libellengattung, oder die Schwertschrecken gerne ihre Eier in den Binsen ab. Viele Samen tragen Haken, um im Fell von Weidetieren hängen zu bleiben und so verbreitet zu werden. Pflanzen, die wir heute als «schnittverträglich» bezeichnen, sind eigentlich evolutionsbiologisch betrachtet «frassverträglich». Sie können nach dem Abfressen wieder austreiben. Von den ätherischen Ölen der Lippenblütler, über die Vorliebe von Steinkäuzen für Mistkäfer bis zu Schmetterlingen, die auf Kothaufen Mineralien aufnehmen: Wenn man seinen Blick für die Beziehungen unserer Natur mit Weidetieren schärft, entdeckt man sie überall.

Von wilden Weidetieren zu grossen Mähmaschinen

Nachdem der Mensch einen Grossteil der wilden Pflanzenfresser ausgerottet hatte, übernahmen unsere Nutztiere einen bedeutenden Teil ihrer ökologischen Funktionen. Über Jahrhunderte wurden grosse Teile der Landschaft beweidet, wodurch unsere Nutztiere durch ihren Tritt, Frass und Dung die ökologischen Nischen schufen, um einen wichtigen Teil der Artenvielfalt zu erhalten. Erst seit wenigen menschlichen Generationen haben wir begonnen grosse Teile der Landschaft zu mähen. Früher noch kleinräumig und von Hand oder schwach mechanisiert. Heute meist mit grossen und schweren Maschinen, teilweise auch in Naturschutzgebieten.

Natürlich brachte die Mechanisierung eine grosse Effizienzsteigerung und gerade für die Flora funktioniert die maschinelle Mahd oft gut. Allerdings gibt es etliche Tierarten, die mit Weiden besser gefördert werden können als mit gemähten Lebensräumen. Die kleinen, saisonalen Naturschutzweiden deuten das Potential an, wirklich ausgeschöpft wird es aber erst durch die grossflächigen, ganzjährigen Wilden Weiden. Dies zeigen insbesondere auch die bereits bestehenden Wilden Weiden in Deutschland. Dort nehmen gewissen Vogelarten wie Ziegenmelker, Baumpieper und Heidelerchen zu, Neuntöter erreichen Dichten wie sonst kaum, seltene Amphibienarten wie Kreuzkröten können ihre Populationen halten und vergrössern, gefährdete Orchideen tauchen plötzlich wieder auf und für Insekten wie Wildbienen sind die strukturreichen Flächen sowieso fantastisch.

Wilde Weiden sind Lebensräume für die Zukunft

Unsere Lebensräume und Arten werden durch den Klimawandel vermehrt unter Druck kommen. Lange Trockenperiode, sehr hohe Temperaturen und dann wieder Starkniederschläge nehmen zu, das merken wir bereits jetzt. Solche Extremwettersituationen stellen auch viele Tiere und Pflanzen vor Herausforderungen. Damit sie überleben, sind heterogene, kleinräumige Lebensräume entscheidend. Genau das bieten Wilde Weiden. Durch ihre Grossflächigkeit verteilt sich das Wirken der Tiere und eine Mosaiklandschaft entsteht, die es den Tieren erlaubt innerhalb der Fläche zu wandern, ohne dass sie intensiv genutzte Äcker oder sogar Strassen überqueren müssen.

Nach der Mahd einer Wiese verschwindet der Lebensraum je nach Witterung für mehrere Wochen und für wandernde Tiere fehlt jegliche Deckung. Ungemähte Wiesen sind meist so dicht, dass sie für wandernde Tiere ebenfalls nicht ideal sind. Und die Mahd selbst bedeutet für über die Hälfte der Tiere in der Wiese den Tod. Natürlich bieten Wiesen und allgemein gemähte Flächen auch Vorteile: Das Blütenangebot ist prächtig, der Schnittzeitpunkt kann exakt gewählt, der Nutzungsbereich Meter genau definiert werden und das Heu kann für die Tierfütterung genutzt werden. Es geht nicht darum alle Wiesen in Weiden umzuwandeln, sondern die Vorteile der ganzjährigen, grossflächigen Beweidung auch in der Schweiz als ergänzende Form der Naturschutzbewirtschaftung zu nutzen.

Wasserbüffel eignen sich gut für Wilde Weiden auf nassen Standorten. Bild: © Josef Senn

Helft mit, damit Wilde Weiden in der Schweiz Wirklichkeit werden

Der Verein Wilde Weiden Schweiz wurde im Jahr 2023 von einer Gruppe weidebegeisterten Personen gegründet. Dank viel ehrenamtlicher Arbeit, dem Einsatz einer Geschäftsführung für den Verein, der Unterstützung durch das Bundesamt für Umwelt und zahlreichen Stiftungen konnte ein erster Schritt zur Realisierung von Wilde Weiden Pilotprojekten in der Schweiz realisiert werden. Die Grundlagenarbeit ist gemacht und viel Wissen zur Umsetzung wurde zusammengetragen. In vier Gebieten sieht aktuell eine Umsetzung realistisch aus, wenn auch noch einige Hürden zu nehmen sind. Nun brauchen wir finanzielle Unterstützung, um zwei zusätzliche Pilotprojekte anzustossen, die Behörden in weiteren Kantonen für die Idee der Wilden Weiden zu begeistern und die Leistungen Wilder Weiden für den Klimaschutz in den Projektgebieten zu untersuchen. Dazu haben wir ein Crowdfunding gestartet und freuen uns über jede Unterstützung!

Kommt mit uns auf Exkursion, bestellt ein exklusives T-Shirt oder unterstützt uns mit einem freien Betrag:

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