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Westlicher Alpenmohn – Die ungewisse Zukunft der Glazialrelikte

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Mit seinen grossen, leuchtend weissen Blüten darf Papaver occidentale als wahres Emblem der Westlichen Voralpen gelten. Mit seiner Vorliebe für Kälte und steile Schutthalden ist dieses Glazialrelikt aber auch ein Spezialist der Extreme. Ein Forscherteam der Universitäten Freiburg und Bern sowie des Naturhistorischen Museums Freiburg wollte wissen, wie es diesem Gast aus einer anderen Epoche heute geht und welche Herausforderungen ihn in einer immer wärmeren Zukunft erwarten.

Text von Gregor Kozlowski, Loïc Pittet, Yann Fragnière, Emanuel Gerber und Christian Parisod, Artikel aus der «FloraCH – Die Botanische Zeitschrift der Schweiz» (N°10, Frühlingsausgabe 2020)»

Papaver occidentale ist ein Endemit der Westlichen Voralpen. Sein Verbreitungsgebiet ist vergleichsweise klein und erstreckt sich bogenförmig vom Thunersee durch die Kantone Bern, Freiburg, Waadt und Wallis bis in die Savoyer Alpen im benachbarten Frankreich. Er ist ein floristisches Element der Kalkschutthalden und wird nur von wenigen anderen Spezialisten begleitet, wie zum Beispiel dem Rundblättrigen Täschelkraut (Thlaspi rotundifolium), dem Schweizer Labkraut (Galium megalospermum) oder dem Alpen-Leinkraut (Linaria alpina). Mit seiner Grösse und seinen eindrücklichen Blüten überragt er jedoch im wahrsten Sinne des Wortes alle seine pflanzlichen Nachbarn.

Westlicher Alpenmohn
Mehr als 70 Prozent aller Individuen des Westlichen Alpenmohns wachsen im Kanton Bern und zwar in mehreren benachbarten Schutthalden rund um die Spillgerten. © Loïc Pittet

Der Westliche Alpenmohn hat, nebst seiner unbestrittenen Schönheit, aber noch viel mehr zu bieten und dies nicht nur Botanikerinnen und Botanikern, sondern auch Naturschützerinnen, Biogeografen, Evolutionsbiologinnen oder Klimaforschern. Er gehört nämlich zu einer relativ artenreichen Gruppe nahe miteinander verwandter Mohne aus der Sektion Meconella. Dies sind allesamt Arten, die in den arktischen Regionen der Nordhemisphäre
oder in den Hochgebirgen Eurasiens und Nordamerikas heimisch sind. Viele dieser nördlichen Cousins sind dem Westlichen Alpenmohn morphologisch erstaunlich ähnlich und besiedeln zudem praktisch den gleichen Lebensraum. In den Alpen und einigen benachbarten Gebirgen wachsen ebenfalls mehrere mit dem Westlichen Alpenmohn sehr nahe verwandte Taxa (Papaver-alpinum-Gruppe). Besonders die weiss blühenden Arten, wie Papaver sendtneri aus den Alpen und Papaver tatricum aus den Karpaten, lassen sich nur schwer von Papaver occidentale unterscheiden. Der Grund dafür ist sehr wahrscheinlich die relativ rezente räumliche und/oder genetische Trennung der arktisch-alpinen Mohnarten.

Spitzbergenmohn
Der Cousin aus dem Norden: Papaver dahlianum auf Spitzbergen. Zahlreiche arktische Vertreter der Sektion Meconella sind morphologisch und ökologisch den alpinen Mohnarten sehr ähnlich. © Gregor Kozlowski

Im Jahr 2017 lancierten das Naturhistorische Museum Freiburg und der Botanische Garten der Universität Freiburg in Zusammenarbeit mit der Universität Bern ein Forschungsprojekt. Die Koordination dieses Projekts und die aufwendigen Feldarbeiten erfolgten durch den Masterstudenten Loïc Pittet im Rahmen seiner Abschlussarbeit an der Universität Freiburg. Die Ziele der Arbeit waren die genaue Erfassung von Verbreitung, Populationsgrössen, Ökologie und Gefährdung dieser Art. Zusätzlich wurden genetische Analysen gemacht und die Auswirkungen des Klimawandels modelliert.

Die ersten Resultate bestätigen, dass es sich beim Westlichen Alpenmohn um eine hoch spezialisierte arktisch-alpine Pflanze handelt. Die grössten und vitalsten Bestände besiedeln fast ausschliesslich nordexponierte Hänge hoher Lagen, hauptsächlich zwischen 1800 und 2100 m ü. M. Die Populationen dieser Glazialreliktart wachsen inselartig isoliert in teils weit auseinanderliegenden Schutthalden. Die Bestände scheinen nicht unmittelbar gefährdet zu sein, da die Halden weder durch Tourismus noch durch andere menschliche Aktivitäten betroffen sind. In naher Zukunft werden hingegen die Auswirkungen des Klimawandels dramatisch sein. Die durchgeführten Berechnungen und die Modellierung legen nahe, dass die Art bis Ende des 21. Jahrhunderts an ihren jetzigen Standorten so gut wie erloschen sein wird. Weiter zeigen die genetischen Analysen, dass das Überleben dieser Art während der letzten Kaltzeit und die darauf folgende Wiederbesiedlung der Voralpen sehr komplexe Prozesse waren. Einige der Populationen unterscheiden sich nämlich genetisch sehr stark von den anderen Vorkommen. Jene am Vanil Noir (FR) und an den Spillgerten (BE) sind genetisch so einzigartig, dass sie im Rahmen zukünftiger Schutzprojekte besondere Aufmerksamkeit verdienen.

Westlicher Alpenmohn
Westlicher Alpenmohn (Papaver occidentale) kann acht bis zehn Jahre alt werden. Die Pflanzen formen dann mehrköpfige und dichte Büschel, die mit einer Pfahlwurzel tief zwischen den Steinen verankert sind. © Gregor Kozlowski

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