Start News Massnahmen zur Erhaltung der Biodiversität völlig ungenügend

Massnahmen zur Erhaltung der Biodiversität völlig ungenügend

Am 28. Oktober 2020 hätte im chinesischen Kunming die 15. Vertragsstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention mit einer pompösen Abschlusszeremonie geendet. Es wäre Bilanz gezogen worden zu den weltweiten Biodiversitätszielen (Aichi-Zielen), die bis Ende 2020 erreicht sein müssen. Und darauf aufbauend hätten Ziele bis 2030 beschlossen werden sollen. Hätte, wäre, würde. Aufgrund der Corona-Pandemie wurde die Vertragsstaatenkonferenz verschoben. Das neue Datum steht noch nicht fest. Keines der Aichi-Ziele wurde seit dem Beschluss im Jahr 2010 erreicht. Daran trägt jedoch nicht das Corona-Virus schuld. Und wo steht die Schweiz?

Der Rückgang der Artenvielfalt, wertvoller Lebensräume und der genetischen Vielfalt, kurz die Biodiversitätskrise, sind in der Wissenschaft breit anerkannte Fakten. Die Wissenschaft hat schon lange gewarnt, dass die weltweite Biodiversität in Gefahr ist. Deshalb haben zahlreiche Staaten 1992 in Rio de Janeiro die Biodiversitätskonvention unterzeichnet. Für die Schweiz unterschrieb Bundesrat Flavio Cotti am 12. Juni 1992 mit ernster Miene. Die Vertragsstaaten der Konvention haben 2010 in der japanischen Stadt Nagoya in der Präfektur Aichi die Ziele zum Erhalt der Biodiversität beschlossen. Ende 2020 hätten die Aichi-Ziele erreicht werden sollen. Um es vorweg zu nehmen: Keines der Ziele wurde erreicht. Die Schweiz präsentiert sich gerne als Musterschülerin in Sachen Umweltschutz. In Bezug auf den Schutz der Biodiversität schneidet sie jedoch im internationalen Vergleich auffällig schlecht ab. Sie verpasst die Aichi-Ziele nicht nur, sie kann insgesamt nur bescheidene Fortschritte vorweisen, wie BirdLife Schweiz in einer Medienmitteilung schreibt.

Die globalen Biodiversitäts-Ziele: Aichi-Ziele

Die Biodiversitätskonvention wurde 1992 in Nairobi, Kenia, ausgehandelt und in Rio de Janeiro, Brasilien, unterzeichnet. Im Oktober 2010 fand die 10. Vertragsstaatenkonferenz in Nagoya, Japan, statt. Nach intensiven Verhandlungen wurden in Nagoya die sogenannten Aichi-Ziele – benannt nach der Präfektur Aichi, in der Nagoya liegt – verabschiedet.

Die 20 Aichi-Ziele sind fünf strategischen Zielen zugeordnet:
A) Bekämpfung der Ursachen für den Verlust von Biodiversität durch Mainstreaming der Biodiversität in Behörden und Gesellschaft.
B) Reduktion der direkten Belastung für die Biodiversität und Förderung nachhaltiger Nutzungsformen.
C) Verbesserung des Zustands der Biodiversität durch den Schutz von Ökosystemen, der Vielfalt der Arten und der Gene.
D) Verstärkung der Vorteile aus der Nutzung der Biodiversität und Ökosystemleistungen für alle.
E) Bessere Umsetzung des Biodiversitätsschutzes durch partizipative Planung, Wissensmanagement und Kapazitätsaufbau.

Im September 2020 hat die UNO den fünften Global Biodiversity Outlook (GBO-5) publiziert. Darin stellen die Vereinten Nationen fest, dass keines der Aichi-Ziele vollständig erreicht wurde und im Gegenteil – über alles gesehen – die Ziele weit verfehlt wurden. Noch immer ignoriert die Politik also die deutlichen Warnungen der Wissenschaft. Der GBO-5 zeigt aber auch Beispiele auf, in denen Fortschritte erzielt wurden. Die Autoren kommen zum Schluss, dass die flächendeckende Umsetzung dieser positiven Beispiele den notwendigen transformativen Wandel bringen könnte, um die langfristige Vision der Biodiversitätskonvention, ein Leben in Harmonie mit der Natur, bis 2050 zu erreichen.

Die Schweiz und die Aichi-Ziele

Die Schweiz präsentiert sich in Sachen Umweltschutz gerne als Musterschülerin, und auch in der Bevölkerung ist der Glaube, die Schweiz sei Vorreiterin in Sachen Umwelt-, Klima- und Biodiversitätsschutz, weit verbreitet. Aber die Schweiz verfehlt die Aichi-Ziele gemäss einer Analyse der Experten von BirdLife Schweiz bei Weitem. Eine Übersicht sowohl über die internationalen als auch die nationalen Fortschritte in Bezug auf jedes der 20 Aichi-Ziele gibt die folgende Abbildung. Mehrere Ziele in den Bereichen Sensibilisierung (Ziel 1), nachhaltige Nutzung von Fischbeständen und weiterer aquatischer Organismen (Ziel 6), invasive gebietsfremde Arten (Ziel 9) oder auch Schutz und nachhaltige Nutzung des Waldes (Ziel 7.3) sind für die Schweiz in Reichweite. In mehreren Bereichen kann die Schweiz jedoch keine oder nur sehr begrenzte Fortschritte aufweisen, insbesondere im Bereich der biodiversitätsschädigenden Anreize und Subventionen (Ziel 3), der biodiversitätsverträglichen Landwirtschaft (Ziel 7.1), der Umweltverschmutzung mit Nährstoffen (Ziel 8.2), des Aufbaus der Ökologischen Infrastruktur (Ziel 11) sowie des Erhalts bedrohter Arten und der Verbesserung ihres Erhaltungszustandes (Ziel 12). Viele Ökosysteme der Schweiz sind ungenügend gesichert und kaum wieder hergestellt (Ziel 14), ihre Widerstandsfähigkeit und ihre Ökosystemleistungen sind nicht langfristig gesichert (Ziel 15). Die Mobilisierung finanzieller Mittel – und gleichzeitig auch der Kapazitäten und personellen Ressourcen – ist teilweise verbessert worden, hat aber in anderen Bereichen stagniert (Ziel 20).

Zusammenfassend stellen wir fest, dass die Schweiz mit ihren heutigen Massnahmen den grossen Herausforderungen zur Begrenzung der Biodiversitätskrise in keiner Art und Weise gewachsen scheint. Die vergangenen zehn Jahre seit der Festsetzung der Aichi-Ziele müssen trotz einzelner Fortschritte insgesamt als verlorene Dekade betrachtet werden. Der politische Wille die Situation zu verbessern fehlt bisher weitgehend. Die Zusammenarbeit aller Sektoren, insbesondere von Politik, Behörden, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ist ungenügend. Die Schweiz muss dringend mehr tun für ihre Biodiversität. Nicht-Handeln löst auch bei der Biodiversität keine Krisen.

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