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Der Wisent – König der Wälder

Einst war der Wisent, das grösste Landsäugetier Europas, weit verbreitet. Heute kommt er nur noch in kleinen, voneinander isolierten Populationen hauptsächlich in Osteuropa vor. Wie in Deutschland gibt es auch in der Schweiz Bemühungen, den Wisent wieder zu einer einheimischen Wildart werden zu lassen. Sind wir bereit für den König der Wälder?

Artikel von Otto Holzgang, Projektleiter Wisent Thal, Originalpublikation im Pro Igel Bulletin (Nr. 60, 2021)

Als in Europa noch Wälder vorherrschten, war der Wisent weit verbreitet. Aber bereits im Mittelalter war er aus weiten Teilen Westeuropas verschwunden, in der Schweiz wurde der Wisent vermutlich vor rund 800 Jahren ausgerottet. Als einfache Jagdbeute wurde er stark verfolgt und war gerade bei Königen und Fürsten begehrt. Zusammen mit grossflächigen Rodungen und dem menschlichen Siedlungsdruck setzte sich der Ausrottungsprozess über die Jahrhunderte fort, bis 1919 auch der letzte frei lebende Wisent in Polen im Urwald von Bialowieza gewildert wurde.

Nur noch 54 Tiere hatten in Zoos und Privatparks überlebt, von denen 19 für die Erhaltungszucht verwendet werden konnten. Von diesen 19 Tiere stammen alle heute lebenden Wisente ab. In Bialowieza wurden in der Folge Wisente in Gehegezuchten gehalten und im Sep. 1952 konnten die ersten Tiere im angrenzenden Urwald wieder ausgewildert werden. Ab 1957 wurden die ersten Geburten in Freiheit nachgewiesen und die Population wuchs bis 1966 auf 119 Tiere. Heute leben hier rund 770 Wisente.

Aufgrund der grossen Naturschutzbemühungen gibt es weltweit mittlerweile wieder rund 6200 Wisente. Diese sind auf 47 meist voneinander isolierte Populationen verteilt, wobei der Grossteil der Wisente vorwiegend in Osteuropa und hier v.a. in Polen, Weissrussland, Russland und der Ukraine vorkommt. Nur 8 von diesen 47 Populationen leben jedoch in freier Wildbahn, drei davon in Polen und eine in Litauen.

Trotz der bisherigen Erfolgsgeschichte braucht es jedoch weiterhin Anstrengungen, um den Wisent zu erhalten. Ein Problem ist die geringe genetische Vielfalt, da alle heute existierenden Tiere von nur rund einem Dutzend Tiere abstammen. Krankheiten oder genetische Defekte können eine kleine Population rasch dahinraffen. In Notlagen besteht zudem die Gefahr, dass die gutmütigen Wisente, die eigentlich keinen Feind fürchten müssen, vom Menschen getötet werden und somit rasch auch eine grössere Population wieder ausgelöscht werden kann. Auch der Klimawandel ist eine neue Herausforderung für den Wisent und für seinen Schutz. Aus all diesen Gründen ist es wichtig, dass es möglichst viele und möglichst grosse Wisent-Populationen in verschiedenen europäischen Ländern gibt – auch in Westeuropa.

Wieso Wisente in der Schweiz?

Seit dem Verschwinden des Wisents im Mittelalter hat sich auch in der Schweiz das Verhältnis zwischen Mensch und Natur gewandelt. War der Mensch im Mittelalter der Natur weitgehend auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, hatte dies auch Auswirkungen auf seine Sicht zur Natur: Diese war feindlich und musste gebändigt werden. Heute leben wir zumindest in der Schweiz in einer Welt des Überflusses und in einem stabilen politischen System. Eine Mehrheit der Bevölkerung hat heutzutage auch eine andere Sicht zur Beziehung zwischen Mensch und Natur. Es hat sich das Bewusstsein entwickelt, dass die Natur ein wesentlicher Bestandteil der Umwelt des Menschen ist. Somit darf man sich sehr wohl folgende Frage stellen: Ist daher nicht gerade die Schweiz geeignet, um einer bedrohten Tierart zu helfen, die an und für sich nicht anspruchsvoll ist, sondern in erster Linie etwas Platz und Toleranz benötigt? Die Antwort ist aus unserer Sicht klar: Der Wisent kam früher in der Schweiz vor, die Schweiz hat ein stabiles politisches System, die Schweiz fördert die Biodiversität, die Schweiz kann sich Wisente finanziell leisten, die Schweiz hat mit grossen und zusammenhängenden Wäldern mit Waldwiesen geeignete Lebensräume und die Bevölkerung ist mehrheitlich der Natur gegenüber positiv eingestellt. Es gibt denn auch bereits entsprechende Versuche, den Wisent in der Schweiz zu fördern.

Erfolgreicher Nachwuchs im Bois de Suchy (VD)

In einem Waldstück in Suchy im Kanton Waadt leben seit November 2019 Wisente in einem Gehege – nach 13 Jahren Planung und vor allem viel Durchhaltewillen. Ziel des Projektes in Suchy ist es, Wisente zu Naturschutzzwecken zu züchten. Fünf aus Polen stammende Wisente wurden hier in ein 46 ha grossen Gehege gebracht. Die Tiere leben in Halbfreiheit und werden bei Bedarf zugefüttert. Bereits im Juni 2020 wurde das erste Kalb geboren, 2021 folgte im Mai ein weiteres Kalb. Etwa alle drei bis fünf Jahre sollen die Wisente in ein neues Gehege von ähnlicher Grösse gebracht werden. 

Wisent
Äsender Wisent-Bulle im Bois de Suchy. © Moni Pfunder

Wisente im Naturpark Thal (SO)

Auch im Kanton Solothurn gibt es Bestrebungen, Wisente in einem Gehege freizulassen. Das Projekt Wisent Thal verfolgt jedoch ein anderes Ziel als in Suchy. Dem Wisent soll nämlich die Chance gegeben werden, in einer Kulturlandschaft frei zu leben – zusammen mit dem Menschen und seinen Nutzungsansprüchen. Ziel ist somit weder die Zucht noch das Errichten eines Schutzgebietes, bei dem die Natur sich selbst überlassen werden soll.

In einem ersten Schritt soll eine kleine Wisent-Herde von fünf Tieren während zwei Jahren in einem 50 ha grossen Gehege gehalten werden. Das Gehege umfasst rund 10 ha landwirtschaftliche Nutzfläche und 40 ha Wald, was durchaus einem Wisent-Lebensraum entspricht. Die Herde soll sich dabei zuerst an den neuen Lebensraum gewöhnen, gleichzeitig wird die Lebensraumnutzung der Wisente im Gehege untersucht. In einem zweiten Schritt soll dann das Gehege für weitere drei Jahre auf 100 ha vergrössert werden, wobei dabei vor allem der Waldanteil zunimmt. Die Untersuchungen zur Lebensraumnutzung werden weiter untersucht. Der Fokus liegt dabei vor allem auf dem Einfluss der Wisente auf die Waldverjüngung und dem Umfang der Schälschäden. Da während der ganzen Zeit das Gehege jedoch auch auf öffentlich zugänglichen Wegen betreten werden kann, werden auch die Interaktionen zwischen Wisenten und Besuchern untersucht. Im Gehege soll auch weiterhin Forstwirtschaft betrieben und die landwirtschaftliche Nutzung weitergeführt werden. 

Für die ersten fünf Jahre liegen eigentlich die erforderlichen Bewilligungen vor, aber leider gibt es noch eine Beschwerde, die bis vor Bundesgericht weitergezogen wurde. Daher können wir noch nicht mit dem Zaunbau loslegen, sondern müssen uns in Geduld üben – aber was sind schon ein, zwei Jahre gegenüber der rund 800 Jahre Absenz des Wisents. In wenigen Monaten dürfte der Entscheid des höchsten Schweizer Gerichts fallen – und damit hoffentlich auch der Startschuss für das Projekt Wisent Thal!

Sofern der Einfluss des Wisents auf Land- und Forstwirtschaft als verträglich eingestuft wird und auch aus ökologischen und politischen Überlegungen nichts grundsätzlich dagegen spricht, soll sich die Wisent-Herde in einem nächsten Schritt frei bewegen können. Dazu würde der Zaun rückgebaut, zudem würden weiterhin mehrere Tiere der Herde mit einem GPS-Empfänger ausgestattet, damit der Aufenthalt der Herde jederzeit bekannt ist. Während weiteren fünf Jahren würde dann die Herde weiter betreut und untersucht werden. 

Wiederansiedlung in der Schweiz?

Erst nach 10 Jahren Untersuchungen an den Wisenten im Naturpark Thal könnte es dann überhaupt zum wichtigsten Schritt kommen: Der Wiederansiedlung des Wisents. Dazu braucht es allerdings ein Gesuch des Kantons Solothurn (oder eines anderen Kantons, falls sich die Wisente nicht an die Kantonsgrenzen halten sollten) an das Bundesamt für Umwelt. Die Verantwortlichen des Projekts Wisent Thal können, dürfen und werden nicht ohne die notwendige Bewilligung diesen Schritt machen.

Waldbauern gegen Wisente im Rothaargebirge (Deutschland)

Der Widerstand gegen die Wisente ist, anders als in Polen, nicht nur in der Schweiz vorhanden. Auch in Deutschland sind im Moment die Gerichte am Zug. Bei dem Rechtsstreit geht es um die Klage von so genannten Waldbauern um von Wisenten verursachte Schäden an Bäumen. Denn seit 2013 gibt es bei Bad Berleburg im Rothaargebirge (Bundesland Nordrhein-Westfalen) eine frei lebende Wisent-Herde. Es ist also noch ein weiter und ungewisser Weg – aber Zeit haben die genügsamen und behäbigen Wisente! Hoffen wir, dass wir die Kultur- und Naturlandschaft Schweiz mit dem König der Wälder bereichern können.

Wisent-Porträt

Wisent – Bison bonasus

Grösse: bis zu 3 m lang, Schulterhöhe bis zu 1.95 m
Gewicht: Bullen 500 – 900 kg, Kühe 300 – 500 kg
Sozialsystem: Muttergruppen aus 8 – 20 Kühen, Jungtieren und Kälbern, Bullen am Rand der Muttergruppen (einzeln oder in Kleingruppen)
Fortpflanzungszeit: in der Regel August, die Bullen werben um paarungsbereite Kühe.
Reproduktion: 1 Kalb pro Kuh
Geschlechtsreife: ab dem zweiten bis dritten Lebensjahr
Alter in der freien Wildbahn: bis zu 14 – 24 Jahre
Lebensraum: Laub- oder Mischwälder mit Weiden, Waldwiesen, Kahlschlagflächen; im Kaukasus niedere Bergwälder und alpine Wiesen
Ernährung: Pflanzenfresser und Wiederkäuer, Nahrungsspektrum kann mehrere Dutzend Pflanzenarten umfassen (im Urwald von Bialowieza rund 130 Pflanzenarten), bevorzugt Laub, junge Triebe, Wurzeln und Baumrinde


Mehr zum Wisent in der Schweiz finden Sie in unserem Artikel Kehrt der Wisent bald in den Jura zurück?, beim Projekt Wisent Thal oder beim Wisent-Projekt in Suchy.

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