Die Fachstelle Fischwissen ernennt den Guppy zum Fischwissen-Fisch des Jahres 2026. Der wohl bekannteste Aquarienfisch überrascht mit Lernfähigkeit und sozialer Intelligenz. Bei Guppys ist die Fortpflanzung ungewöhnlich: Sie gehören zu den lebendgebärenden Fischen. Die Weibchen bringen keine Eier hervor, sondern bereits voll entwickelte Jungfische zur Welt.
Fische werden oft als Tiere zweiter Klasse betrachtet, obwohl sie in der Schweiz millionenfach in Aquarien leben. Der Tierschutz bei Fischen steckt noch in den Kinderschuhen. Die Fachstelle Fischwissen möchte mit der Wahl zum «Fischwissen-Fisch des Jahres» darauf aufmerksam machen, dass Fische Wesen mit differenziertem Verhalten, erstaunlichen Anpassungen und beachtlichem Lernvermögen sind.
Der Fischwissen-Fisch des Jahres im Porträt
Der Guppy (Poecilia reticulata) ist der am häufigsten gehaltene und neben dem Goldfisch wohl der bekannteste Aquarienfisch. Ursprünglich stammen die nur wenige Zentimeter grossen Fische aus Südamerika. Guppys gehören zu den lebendgebärenden Zahnkarpfen. Bei diesen Arten werden die Eier im Innern der Weibchen befruchtet. Nach vier Wochen Trächtigkeit bringen die Weibchen weit entwickelte Jungfische zur Welt, die bereits wenige Minuten nach der Geburt selber Nahrung suchen und vor Fressfeinden flüchten. Guppys sind sehr fortpflanzungsfreudig und kommen in gewissen Gebieten in enormer Häufigkeit vor, weshalb sie auch Millionenfische genannt werden. Im Aquarium kann es daher schnell zu einem Überbesatz kommen.
Neugierig, gelehrig und sozial
Guppys sind im Vergleich zu anderen Aquarienfischen relativ gut erforscht. In neuere Zeit wurden die kognitiven Fähigkeiten der Guppys untersucht. Die kleinen Fische zeigten sich dabei sehr gelehrig beim Lösen von Aufgaben, was wohl viele erstaunen mag. «Fische werden immer noch häufig als dumme Tiere angesehen», bedauert Claudia Kistler, Geschäftsleiterin der Fachstelle Fischwissen. «Doch die Wissenschaft zeichnet ein anderes Bild: Sie sind empfindsame und intelligente Wesen.»
Guppys leben in Gruppen und formen komplexe soziale Netzwerke. Die Weibchen bilden den Kern dieser Gruppen und gehen stabile Beziehungen miteinander ein. Die Männchen hingegen sind sozial und räumlich mobiler, da es für sie wichtig ist, sich mit möglichst vielen Weibchen fortzupflanzen. Man kennt sich also in diesen Gruppen. Eine Studie hat gezeigt, dass sich Guppys stark an der Augenpartie orientieren und sich das Gesichtsmuster der Artgenossen merken.
Ein anpassungsfähiger Weltenbummler
Heutzutage sind Guppys in wärmeren Gegenden weltweit verbreitet. Zum einen hat man sie in vielen Ländern zur Moskitobekämpfung angesiedelt, zum anderen stammen wohl nicht wenige dieser freilebenden Guppys aus Aquarien oder aus Zuchtanlagen. Auch in Europa haben sie sich angesiedelt, wo sie allerding nur in Bächen oder Teichen überleben können, deren Wasser durch Industrieabwässer oder warme Quellen erwärmt wird. Der Weltenbummler ist also sehr anpassungsfähig und kommt mit unterschiedlichen Bedingungen zurecht.
Vermehrungsfreude mit Folgen
Im Aquarium kann die Vermehrungsfreudigkeit der Guppys sehr schnell zu einem Überbesatz führen, wodurch die Wasserqualität abnimmt und damit das Wohl der Fische leidet. Die Weibchen pflanzen sich bereits im Alter von 10 bis 20 Wochen zum ersten Mal fort. Sie paaren sich jeweils mit mehreren Männchen und können pro Jahr mehrere Male Nachwuchs haben. Claudia Kistler betont: «Auch wenn Guppys als einfach zu halten gelten, muss man sich vor dem Kauf sehr gut über ihre Eigenheiten informieren und sich eine Lösung für den Nachwuchs überlegen.»
Zuchtformen: Schönheit auf Kosten des Wohlbefindens
Die kleineren Guppy-Männchen sind bunter als die kräftigeren Weibchen, die dezent grau-beige gefärbt sind. Mittlerweile hat die Zucht von Guppys jedoch zahlreiche Zuchtformen hervorgebracht mit unterschiedlichsten Farben und Flossenformen, darunter die sogenannten Grossflosser. Bei diesen können insbesondere die Schwanzflossen derart vergrössert sein, dass die Fische in ihrer Schwimmfähigkeit und damit in ihrem Wohlbefinden eingeschränkt sind. Die Haltung solcher Formen sollte man vermeiden.




