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Basels wertvollstes Naturschutzgebiet durch Bauprojekt akut in Gefahr

Der ehemalige Rangierbahnhof der Deutschen Bahn in Basel ist ein ausgesprochen artenreiches Paradies für Flora und Fauna. Als Trockenwiese von nationaler Bedeutung ist er bundesrechtlich geschützt und kann aufgrund seiner ökologischen Funktion durchaus als DAS wichtigste und wertvollste Naturschutzgebiet der Region betrachtet werden. Dieses Naturjuwel soll für einen Mega-Containerterminal mit neuem Hafenbecken, das «Gateway Basel Nord» zerstört werden, ein Projekt, das ganz und gar nicht hält, was es verspricht. Die lokalen Natur- und Umweltorganisation kämpfen deshalb geschlossen gegen das unnötige Projekt, u.a. mit einem Referendum, über das die Basler Stimmbevölkerung am 29. November abstimmt.

Text von Oliver Balmer, Präsident Pro Natura Basel

Trockenwiesen und -weiden gehören zu den artenreichsten Lebensräumen der Schweiz, sind aber seit 1900 zu 95% verschwunden. Eine ganz spezielles Trockenbiotop liegt in Basel an der Grenze zu Deutschland: das 20 Hektaren grosse ehemalige Rangierareal der Deutschen Bahn. Es ist im «Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung (TWW)» als TWW-Objekt «Badischer Bahnhof» verzeichnet – ein absolutes Biodiversitäts-Juwel.

Die Fläche entstand anfangs des 20. Jahrhunderts durch massive Aufschüttungen mit Rheinschotter für den neu entstehenden Badischen Bahnhof. Mit dem sehr durchlässigen und mageren Untergrund und der Offenhaltung durch die Bahnnutzung wurde der Rangierbahnhof zu einem Ersatzlebensraum für viele Arten der ehemaligen Auen am Oberrhein, die durch die Rheinkorrektur Ende des 19. Jahrhunderts fast vollständig zerstört wurden. 

Überwältigender Artenreichtum und unersetzliche ökologische Funktion

Im offenen, der Sonne prall ausgesetzten Sand und Schotter zwischen den Gleisen hat sich eine Flora und Fauna ausgebreitet, die ihresgleichen sucht. In der bisher ausführlichsten Bestandeserhebung wurden allein auf der Fläche, die durch das Gateway zerstört werden soll, 347 Pflanzenarten nachgewiesen – eine enorme Vielfalt. Spezialitäten wie Schmalblättriger Hohlzahn, Klebriges Greiskraut, Rheinische Flockenblume oder das Rosmarin-Weidenröschen kommen hier noch vor. Und noch wesentlich grösser ist die Vielfalt an Insekten, die die lokalen Spezialisten auf rund 3000 Arten schätzen. Dies ist auch der einzige Ort in Basel-Stadt, an dem praktisch alljährlich Dorngrasmücken brüten, dazu die Gartengrasmücke und in einzelnen Jahren der Orpheusspötter. Rund hundert Arten figurieren auf den Roten Listen der gefährdeten Arten.

Der grosse Wert des Geländes veranlasste den Bundesrat, die Fläche 2010 ins Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung (TWW) aufzunehmen, jedoch nicht einfach als normales Objekt, sondern als sogenannte «Singularität», eine Einzigartigkeit. TWW-Experten des Bundes schätzen das Gebiet als eines der absoluten Top-Gebiete unter den rund 3600 TWW-Objekten der Schweiz ein: ein einzigartiges und nicht ersetzbares Juwel, doppelt so gross wie der Basler Zolli. Neben seiner Wichtigkeit für die Biodiversität ist das Gebiet auch von zentraler ökologischer Bedeutung im Vernetzungskorridor zwischen Oberrhein und Mittelland. Nicht-Waldarten müssen für Arealverschiebungen zwischen Mittelland und Oberrhein durch das Nadelöhr Basel, das für viele Tier- und Pflanzenarten die einzige Verbindung zwischen diesen Grossräumen darstellt. Die Bahnareale sind hier die einzig verbliebenen Korridore. Diese Vernetzungsfunktion wird wegen der durch den Klimawandel verursachten Artenwanderungen immer wichtiger. Das DB-Areal ist in diesem zumeist sehr schmalen Korridor der wichtigste grosse Lebensraum, in dem viele seltene Arten grosse Populationen aufbauen und so weitere Gebiete (wieder-)besiedeln können.

Mega-Containerterminal statt Naturschutzgebiet?

Genau auf dieses national geschützte Naturschutzgebiet möchten Bund und Kanton ein Mega-Containerterminal, das «Gateway Basel Nord» bauen, dazu ein neues Hafenbecken rund einen Kilometer vom Rhein entfernt. Angepriesen wird das als Innovation für Gütertransport und Klimaschutz. Aber das Gateway muss nicht in Basel liegen. Das Projekt wurde ursprünglich als «Gateway Limmattal» im Mittelland geplant, ganz ohne Hafen. Als es 2014 nach 12 Jahren Planung am lokalen Widerstand scheiterte, wurde es nach Basel «verschoben», mit dem eigentlich unnötigen neuen Hafenbecken 3, um argumentieren zu können, das Gateway könne wegen des Rheins nur genau hier liegen – eine zentrale Voraussetzung, um den rechtlichen Schutz eines TWW-Objektes aufheben zu können. Zudem lassen sich mit einem Anschluss an den Hafen 240 Millionen Franken Bundes- und Kantonssubventionen erschliessen. Auch die Basler Regierung spielt eine wichtige Rolle. Ihr geht es primär darum, auf dem bestehenden Hafengelände am Rhein attraktive Wohnungen zu bauen. Das Gateway bietet einen willkommenen Vorwand, den eigentlich viel geeigneteren, bestehenden Hafen zu verschieben. 

Der vorgeschlagene «Ersatz» für das Naturschutzgebiet ist inakzeptabel. Ein Gebiet von dieser Dimension und Qualität und mit dieser wichtigen ökologischen Funktion lässt sich schlicht nicht ersetzen. Die lokalen Natur- und Umweltorganisationen, unter Ihnen die Regionalsektionen von BirdLife, Pro Natura und WWF, stellen sich deshalb geschlossen gegen das Projekt, u.a. mit einem Referendum, über das die Basler Stimmbevölkerung am 29. November abstimmen wird. Diese Anlage muss und darf nicht auf einem wertvollen und bundesrechtlich geschützten Naturschutzgebiet liegen! Nicht zuletzt geht es hier auch um einen äusserst bedenklichen Präzedenzfall: Wenn eines der wertvollsten Biotope der Schweiz für ein Projekt zerstört wird, das auch anderswo oder auf andere Art erstellt werden könnte, steht es schlecht um den Schutz der «Biotope von nationaler Bedeutung».

Der politische Kampf für das Naturschutzgebiet wird äusserst schwierig, weil praktisch alle Parteien der offiziellen Propaganda folgen und nicht willens sind, bei einem Wirtschaftsprojekt diesen Ausmasses hinter die (zu) gut aussehende Fassade zu schauen.

Detailinformationen finden Sie auf den Webseiten des Referendumskomitees und von Pro Natura Basel.

Eine Gruppe von 28 ausgewiesenen Biodiversitätsexpertinnen und -experten mit jahrelanger Kenntnis des Gebietes haben am 9. November ein Manifest für das Naturschutzgebiet «Badischer Bahnhof» veröffentlicht. Auslöser ist der geplante Bau des Containerterminals «Gateway Basel Nord» mit dem «Hafenbecken 3», der das bundesrechtlich geschützte Gebiet grösstenteils zerstören würde. Die Fachleute betonen den aussergewöhnlichen ökologischen Wert und die Unersetzbarkeit des Naturschutzgebietes.

Manifest für das Naturschutzgebiet «Badischer Bahnhof»

Zwanzig Hektaren des ehemaligen Rangierbahnhofes der Deutschen Bahn in Basel sind im «Inventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung (TWW)» als TWW-Objekt 232 «Badischer Bahnhof» aufgeführt und stehen somit unter bundesrechtlichem Schutz. Aufgrund seiner schweizweiten Einzigartigkeit hat das Naturschutzgebiet den Sonderstatus einer «Singularität».

Die 28 Unterzeichnenden sind Fachpersonen und ausgewiesene Spezialisten für Biodiversität und verschiedene Organismengruppen und kennen das Naturschutzgebiet aus der eigenen Arbeit. Wir halten aufgrund unserer Fach- und Gebietskenntnisse Folgendes fest:

1. Das Naturschutzgebiet «Badischer Bahnhof» beherbergt eine ausserordentlich hohe Biodiversität.
2. Das Naturschutzgebiet beherbergt eine aussergewöhnlich hohe Anzahl an Arten, die angewiesen sind auf trockenwarme Lebensräume, die in der Region und in der Schweiz durch menschliche Einflüsse selten geworden sind.
3. Das Naturschutzgebiet ist aus biologischer und ökologischer Sicht aussergewöhnlich wertvoll und schützenswert: als Lebensraum und aufgrund seiner geografischen Lage im Wander- und Ausbreitungskorridor für Arten von Trockenlebensräumen zwischen Mittelland und Oberrhein. Dieser Korridor wird im Zuge der fortschreitenden Klimaerwärmung immer bedeutender.
4. Der Verlust des Naturschutzgebietes oder eines substantiellen Teiles seiner Fläche wäre nicht gleichwertig zu ersetzen.

Die Monographie «Fauna und Flora auf dem Eisenbahngelände im Norden Basels» (Burckhardt, Baur & Studer, 2003) dokumentiert umfassend und wissenschaftlich fundiert Biodiversität und Wert des Gebietes.

1 Kommentar

  1. Dieses Areal muss erhalten bleiben, damit die Tiere sich dort ihren Platz sichern können. Artenschutz ist wichtig und dringend nötig. Durch unsere Konsumhaltung und Gedankenlosigkeit und Egoismus, zerstören wir Lebensraum und Natur, die wir für neue Generationen schützen müssen. J Loeliger

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