StartNewsNaturZwischen Erfolg und Fragilität: 30 Jahre Artenförderung Wachtelkönig

Zwischen Erfolg und Fragilität: 30 Jahre Artenförderung Wachtelkönig

BirdLife Schweiz feiert das 30-jährige Bestehen des ältesten Artenförderungsprogramms der Schweiz. Seit 1996 setzt sich BirdLife gemeinsam mit Landwirt*innen, Kantonen und freiwilligen Ornitholog*innen für den «König der Wiesen» ein – eine Art, die ohne dieses Engagement in der Schweiz heute kaum mehr als Brutvogel existieren würde. Die Bilanz ist beeindruckend, die Lage bleibt jedoch sehr prekär.

23 Uhr. Irgendwo in den Bündner Bergen. Stille – und dann, unvermittelt, das knarrende «crex-crex». Wer diesen Ruf heute in der Schweiz hört, erlebt etwas Besonderes. Dabei war er einst selbstverständlich: Noch vor wenigen Jahrzehnten gehörte das Rätschen des Wachtelkönigs zu jeder lauen Frühsommernacht, quer durchs Mittelland. Vor 100 Jahren beschwerten sich die Leute, sie könnten wegen zu vieler Wachtelkönige nicht gut schlafen. Heute ist der Vogel fast verstummt.

Das Artenförderungsprojekt Wachtelkönig ist das erste gezielt auf eine Vogelart ausgerichtete Förderprojekt der Schweiz – und damit die Geburtsstunde der Artenförderung in der Schweiz überhaupt. Als BirdLife Schweiz es 1996 lancierte, war die Ausgangslage dramatisch: Vormals ein sehr häufiger Brutvogel fast aller Wiesen, stand er kurz vor dem Aussterben.

Ein Gemeinschaftswerk wirkt

Seither ist viel passiert. Bereits 1998 gelangen die ersten erfolgreichen Bruten im Rahmen des Projekts. 1999 folgte der erste nationale Aktionsplan für eine Vogelart überhaupt. Inzwischen werden jährlich durchschnittlich 19 Wachtelkönige geschützt und 4 erfolgreiche Bruten nachgewiesen. 2025 war mit 17 erfolgreichen Bruten das Rekordjahr – ein konkretes, greifbares Zeichen, dass die Arbeit Früchte trägt.

Dieser Teilerfolg ist kein Zufallsprodukt. Er ist das Ergebnis einer aussergewöhnlichen Allianz: Feldmitarbeitende von BirdLife Schweiz, die nächtelang rufende Männchen suchen, Bewirtschaftende, die Mahdtermine anpassen, sowie Kantone und Wildhut, die den Schutz vor Ort ermöglichen und finanzieren. «Ohne diese Partnerschaft wäre der Schutz der Wachtelkönigbruten in der Schweiz nicht möglich», sagt Lucas Lombardo, Projektleiter bei BirdLife Schweiz.

Was heute internationaler Standard ist, musste damals mühsam erarbeitet werden. Die Schutzarbeit beginnt mit einem Ruf in der Nacht: nächtliche Kontrollen, Triangulation des Rufstandorts, Definition der notwendigen Schutzfläche – und dann das Gespräch mit den Bewirtschaftenden. Ein aufwändiger, aber wirkungsvoller Ansatz.

Vom Mittellandvogel zum «Bergvogel»

Der Wachtelkönig, einst häufiger Bewohner der Mittellandwiesen, ist heute im Mittelland praktisch ausgestorben und ins Berggebiet zurückgedrängt worden: Über 75 % der stationären Rufer werden mittlerweile oberhalb von 1000 m ü. M. festgestellt. Graubünden ist mit rund 50 % aller Nachweise das wichtigste Rückzugsgebiet geworden. Der Grund: Die Mähzyklen im Mittelland haben sich auf drei bis fünf Wochen verkürzt – viel zu kurz für eine Art, deren Brut mindestens acht Wochen ungemähte Fläche benötigt. Aber nicht einmal in den Bergen ist die heutige Bewirtschaftung mit dem Lebensrhythmus des Vogels vereinbar – es braucht gezielte Interventionen von BirdLife und seinen Partnern.

«Wir feiern 30 Jahre, aber wir feiern nicht unbeschwert», sagt Lombardo. «Der Wachtelkönig ist in der Schweiz weiterhin vom Aussterben bedroht. Einzelne Bruten zu schützen, ist wichtig – aber wir spielen damit auf Zeit. Für sein langfristiges Überleben, braucht es, grossräumig extensiv bewirtschaftete Lebensräume.» In Irland etwa hat ein Ansatz, der gezielt geeignete Habitate mit krautigen Pflanzen anlegt, den Bestand in Projektgebieten innert fünf Jahren um 50 % gesteigert. Die Schweiz ist davon noch weit entfernt – weil die aktuelle Direktzahlungsverordnung solche Massnahmen nicht vorsieht und die Förderung der Biodiversität generell in der Agrarpolitik einen viel zu geringen Stellenwert hat.

Blick nach vorn

Dank dem Wachtelkönigprojekt von BirdLife konnte das Aussterben der Art in der Schweiz während 30 Jahren verhindert oder zumindest hinausgezögert werden –  aber damit die Art in der Schweiz langfristig überleben kann, muss die Agrarpolitik noch viel stärker auf die Biodiversität ausgerichtet werden.

Die Herausforderung der nächsten Jahre ist klar: den Schritt von der erfolgreichen «Feuerwehrübung» des Nesterschutzes hin zu einer vorausschauenden Lebensraumgestaltung zu schaffen. Neue Technologien – etwa Wärmebilddrohnen, mit denen BirdLife Schweiz 2025 erstmals Wachtelkönige nachweisen konnte – eröffnen dabei neue Möglichkeiten für Forschung und Schutz. Entscheidend bleiben aber politische Rahmenbedingungen: Eine Agrarpolitik, die grossräumige Lebensraumaufwertungen ermöglicht, fördert und entgeltet.

30 Jahre Artenförderung haben bewiesen, dass gezieltes Handeln wirkt. Aber sie haben auch bewiesen, dass dies alleine nicht reicht. Weniger als 15 % der Schweizer Direktzahlungen fliessen in die Biodiversität – der Rest in Massnahmen, die der Natur oft schaden. Solange das so bleibt, wird auch der Ruf des Wachtelkönigs eine Seltenheit bleiben. 

Weitere Informationen und Filme: birdlife.ch/wachtelkoenig

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