Start News Gesellschaft «Wir zeigen, dass es Platz für Wildnis braucht»

«Wir zeigen, dass es Platz für Wildnis braucht»

Gute Neuigkeiten für Wildnis: Ab Sommer macht Pro Natura mit ihrer Kampagne «Wildnis – mehr Freiraum für die Natur!» auf die Bedeutung naturnaher Landschaften aufmerksam. Gemeinsam mit Mountain Wilderness Schweiz wird die Stimme für Wildnis lauter. Ein Interview mit Pro Natura-Kampagnenleiter Jan Gürke.

Interview mit Jan Gürke – Pro Natura-Kampagnenleiter – durchgeführt von Mountain Wilderness Schweiz

Mountain Wilderness: Über das Thema Wildnis wird in Fachkreisen und in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert. Auch bei Pro Natura-Sektionen herrscht zum Teil der Naturschutz, welcher einen gewissen Status konservieren oder bestimmte Arten schützen möchte, vor. Wie schafft ihr diesen Spagat, und wie ist es gelungen, das Thema Wildnis stärker zu positionieren?

Jan Gürke: Wir haben uns im Pro Natura Zentralsekretariat lange und intensiv mit dem Thema Wildnis auseinandergesetzt und schlussendlich die Entscheidungsgremien überzeugt – steter Tropfen höhlt den Stein! Die Zusammensetzung des Pro Natura-Vorstands hat sich in den letzten Jahren geändert, das kann auch die Einstellung gegenüber Wildnis beeinflusst haben. Generell haben verschiedene Strömungen des Naturschutzes schon immer ihren Platz bei Pro Natura; zum Teil natürlich diskussionsbehaftet, vor allem, wenn es um konkrete Flächen geht. Wir wollen nicht das eine gegen das andere ausspielen. Es geht darum zu zeigen, dass es neben konservierendem Naturschutz auch Platz für Wildnis und freie Naturentwicklung braucht, bei der wir nicht genau wissen, was passieren wird. Ich sehe es von daher nicht als Spagat, sondern als Sowohl-als-auch.

Hat die Wildnis-Kampagne der letzten Jahre von Mountain Wilderness das Ganze auch etwas beeinflusst?

Dass Mountain Wilderness dem Thema in der Fachwelt und der Öffentlichkeit wieder mehr Sichtbarkeit verleiht, hat es erleichtert, Wildnis bei Pro Natura als Kampagnenthema zu etablieren. Ich sehe es als grosse Chance, mit vielen verschiedenen Partnern zusammenzuspannen und im Dienste der Sache gute Projekte zu realisieren. Das Engagement von Mountain Wilderness schätze ich sehr!

Du hast selbst bei Mountain Wilderness als Projektleiter gearbeitet. Kannst du mit dieser Kampagne zu deinen Wurzeln zurückkehren?

Einerseits würde ich sagen: Ja, klar! Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit Wildnis und freue mich sehr, dass ich dieses Thema wieder zum Hauptinhalt meiner Arbeit machen kann. Auf der anderen Seite ist «zu den Wurzeln zurückkehren» der falsche Ausdruck. Vielmehr geht es darum, dass ich meine Begeisterung wieder zu meinem Arbeitsschwerpunkt machen kann. Es ist ein Thema, mit dem ich mich aus privatem Interesse die ganze Zeit über befasst habe. Ich bin nach wie vor gerne draussen unterwegs, am liebsten in der Wildnis.

Du hast es angesprochen: Als Natursportler bist du gerne in der Wildnis. Draussen unterwegs zu sein, ist immer eine ambivalente Sache. Wie lassen sich aus deiner Sicht Natursport und Wildnis vereinbaren?

Wildnisschutz ist heute in Mitteleuropa mit Verzicht behaftet; zum einen der Verzicht auf Erschliessungsprojekte, wenn man die grossen Vorhaben betrachtet, zum andern aber auch im Kleinen für jeden Einzelnen mit dem Verzicht auf Aktivitäten zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten. Es ist mir sehr wichtig, dass wir dies auch im Rahmen unserer Kampagne kommunizieren. Freizeitaktivitäten können ihr eigenes Kapital – nämlich Natur und Landschaft – bedrohen. Wir vermögen da sehr gut eine Vorreiterrolle zu spielen, indem wir uns informieren und diese Verhaltensregeln auch ernsthaft einhalten. Überall, zu jeder Zeit reinzugehen, führt ganz klar zu Problemen.

Hast du das Gefühl, diese Probleme haben mit dem Trend zu Natursport zugenommen?

Je mehr Leute draussen unterwegs sind, desto grösser ist auch der Druck auf die Natur. Wenn man im Winter den Skitouren- und Freeridesektor anschaut wird klar, dass regelmässig Hänge befahren und Berge bestiegen werden, die früher deutlich ruhiger waren. Das ist nur ein Beispiel, das sich im Sommer mit Wandern und Biken wiederholt, indem Gebiete regelmässig betreten und befahren werden, die vor 20 Jahren selten besucht wurden.

Ihr geht bei eurer Kampagne auch darauf ein?

Wir werden in der Kampagne auch auf Freizeitaktivitäten eingehen und haben eine Fachperson, die sich intensiv mit dem Thema befasst. Mit ihr bin ich sehr eng in Kontakt. Verzicht ist jedoch immer ein schwieriges Thema, gerade was die Kommunikation betrifft. Ich finde es allerdings spannend, mich damit auseinanderzusetzen, damit man nicht als Verhinderer dasteht, sondern für Wildnis begeistern kann. Ich bin überzeugt: Wir schützen etwas nur wirklich mit Herzblut, wenn wir es auch kennen. Wenn man nicht draussen sein und Natur erleben kann ist es unmöglich, voll dahinterzustehen. Diese Magie muss man gespürt haben. Dann ist man auch bereit einmal zurückzustecken, auf der anderen Seite des Berges abzufahren und ein Gebiet bewusst in Ruhe zu lassen.

Wildruhezonen sind eine solche Thematik. Sie sind oft relativ wild, Bergsportverbände fürchten – teils verständlich – dass die Begehbarkeit eingeschränkt wird. 

Freier Zugang und Schutzgebiete sind ein schwieriges Thema, welches man sehr situativ, je nach Gebiet und Saison, aushandeln sollte. Es gibt Gebiete wie den Schweizerischen Nationalpark, wo das Wegegebot aus meiner Sicht so bestehen muss. In einzelnen anderen Gegenden zeigt sich allerdings, dass Perimeter oder Schutzkonzept nicht optimal gewählt sind. Zum Beispiel sollten Wildruhe- und Jagdbanngebiete einerseits dem Wild einen geeigneten, störungsfreien Einstand bieten und andererseits die Nutzung dort einschränken, wo sie nicht total zentral für die Outdoorsportlerinnen und -sportler ist – dann werden diese Massnahmen in der Regel auch akzeptiert. Es gibt tolle Lösungen, hinter denen ich voll und ganz stehe; ich will nicht, dass die wilde Natur zum Freizeitspielplatz verkommt.

Du hast den Nationalpark angesprochen – ein Wildnisgebiet, dessen Begehbarkeit stark eingeschränkt ist. Ist das eine Vision für Wildnis in der Schweiz oder wie stellst du sie dir vor?

Generell sehe ich Wildnis oder wilde Räume überall in der Schweiz. Zum einen da, wo wir noch ursprüngliche Natur haben, in den Bergen. Diese müssen wir erhalten! Das sind die Bijous, die wir nicht opfern dürfen. Zum andern braucht es auch mehr Wildnis in den Voralpen, im Jura und im Mittelland. Diese Gebiete sind kleiner und ausserdem stärker vom Menschen beeinflusst. Sie sind eher Potenzialgebiete für Wildnis, wenn man sie überhaupt so nennen kann. Vielleicht bezeichnen wir sie besser als wilde Räume oder Gebiete mit freier Naturentwicklung. Zudem braucht es Miniaturwildnis als Anschauungsbeispiel, z.B. den Garten als Lernort, damit wir im direkten Lebensumfeld erfahren können, was passiert, wenn man die Natur in Ruhe lässt.

Brauchen wir weitere Nationalpärke?

Aus meiner Sicht hat es in der Schweiz Platz für weitere Nationalpärke. Ich finde es sehr schade, dass die beiden Projekte «Locarnese» und «Adula» nicht zustande gekommen sind. Ich hatte bei beiden das Gefühl, dass die Einschränkungen für den Menschen – sei es für die Lokalbevölkerung wie auch für Erholungssuchende aus den Städten – absolut vertretbar wären. Wir hätten für die Natur einen Gewinn im Sinne eines dauerhaften Schutzes sowie eine wirtschaftliche Chance für die Regionen gehabt. Meines Erachtens hat es noch genug Platz für Natursport im Raum zwischen erschlossenem Gebiet und Schutzgebiet. Ich akzeptiere in diesem Sinne, dass es in den Alpen auch erschlossene Gebiete mit Bahnen gibt. Meine persönliche Meinung ist, dass es in einer bereits erschlossenen Geländekammer auch zusätzliche Biketrails und Ähnliches geben darf – dann opfert man diese Geländekammer für den Tourismus. Das ist auch ein Bedürfnis der Gesellschaft. Die Geländekammer hinter dem nächsten Grat muss dafür wild sein. Sie kann unerschlossen und trotzdem frei begehbar sein. Und wieder hinter dem nächsten Grat kann ein Nationalpark liegen, wo ich nicht überall durchgehen darf.

Was waren für dich wichtige Themen, die unbedingt in die Kampagne rein mussten?

Wildnis ist kein rein naturwissenschaftliches Gebilde, sie schliesst den Menschen mit ein. Für mich müssen beide Aspekte in der Kampagne vertreten sein. Wir müssen Wildnis in den Köpfen der Menschen verankern und diese Begeisterung rüberbringen. «Von Bedrohung zu Faszination» würde ich es zusammenfassen. Ein zweiter Fokus ist ganz klar, mehr Flächen für dynamische Naturentwicklung in der Schweiz bereitzustellen, wo der Mensch nicht ständig darin herumfuhrwerkt, sondern die Finger davonlässt.

Hast du das Gefühl, dass ihr das schafft?

Wir allein können das nicht, aber vielleicht schaffen wir es zusammen mit Mountain Wilderness und einigen anderen Partnern. Wir werden auch nicht alle Visionen innerhalb von drei Jahren umsetzen können. Mein Ziel ist, dass wir im Laufe der drei Kampagnenjahre dem Thema Wildnis mehr Schub geben können. Die Pro Natura-Kampagne ist ein Baustein in dieser gesamten Entwicklung.

Zum Schluss noch die schwierigste Frage: Was ist eigentlich für dich Wildnis?

Für mich hat Wildnis sehr viel mit persönlichem Erlebnis draussen in der Natur zu tun. Es geht um Grenzerfahrungen; in Situationen, in denen ich das Gefühl habe, auf mich gestellt zu sein. Das muss nicht 1000 Kilometer von der nächsten Strasse weg sein. Meine Wildnis ist sehr abhängig von «ungezähmter» Umgebung, Saison und Wetter. Sie hat immer mit einer gewissen Abgeschiedenheit von der Zivilisation zu tun – was aber auch bei Sauwetter und Nebel, irgendwo in einem «Chrachen» in den Voralpen, stattfinden kann. Letztlich ist Wildnis für mich ein Gefühl – im Kopf und im Bauch.

Hier finden Sie weiterführende Informationen zur Wildnis-Studie von Mountain Wilderness Schweiz und zur Pro-Natura Wildnis-Kampagne.

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