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Wir verlieren die grünen Lungen unseres Planeten

Zehnmal die Schweiz: Soviel Waldfläche ging seit 2004 allein in Entwaldungshotspots verloren. Das zeigt der neuste WWF-Bericht «Entwaldungsfronten». Auch die Schweiz trägt mit ihren Importen substanziell zur Abholzung bei.

Die Vernichtung von Wäldern, besonders von tropischen Regenwäldern, schreitet in alarmierendem Tempo voran. Am meisten Wald geht in 24 «Entwaldungsfronten» verloren, welche der WWF analysiert hat. 43 Millionen Hektaren Wald wurden an diesen Fronten zwischen 2004 und 2017 vernichtet, so berichtet WWF in einer Medienmitteilung. Die Schweizer Behörden und Unternehmen tragen eine grosse Verantwortung für den Waldschutz, denn Schweizer Importe treiben die globale Abholzung stark voran. Es braucht dringend ambitionierte Gesetze, die sicherstellen, dass Lieferketten entwaldungsfrei gestaltet und Menschenrechte respektiert werden. Intakte Wälder sind ein Bollwerk gegen neuartige Krankheitserreger und sie dienen als wichtige CO2-Speicher. Im Kampf gegen die Klimakrise und für die menschliche Gesundheit sind sie unerlässlich.

Valerie Passardi, Verantwortliche Internationale Waldprojekte, WWF Schweiz erklärt: «Die letzten grossen Regenwälder sind die grünen Lungen der Erde. Sie binden CO2 und produzieren Sauerstoff. Wir brauchen die Regenwälder im Kampf gegen die Klimakrise und das Artensterben und damit für das menschliche Überleben. Wir müssen unsere Beziehung zur Natur dringend überdenken. Jetzt, wo es darum geht, die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen von COVID-19 anzugehen, ist es wichtig, dass wir uns mit dem übermässigen Konsum auseinandersetzen und der Gesundheit und der Natur einen höheren Stellenwert einräumen. Dies ist im besten Interesse der Menschen, denn das Risiko für das Auftreten neuartiger Krankheiten ist in jenen Tropenwaldregionen höher, die von Landnutzungsveränderungen betroffen sind.»

In nur etwas mehr als einem Jahrzehnt wurden allein in 24 von Entwaldung besonders stark betroffenen Gebieten in den Tropen und Subtropen eine Fläche von 43 Millionen Hektar Wald zerstört. Das entspricht ungefähr zehnmal der Grösse der Schweiz. Ein Grossteil der Waldvernichtung geht auf das Konto der kommerziellen Landwirtschaft, die zusätzliche Weide- und Ackerflächen für die Nahrungsmittelproduktion geschaffen hat. Zu diesem Ergebnis kommt die kürzlich vom WWF veröffentlichte Studie «Entwaldungsfronten – Ursachen und Gegenmassnahmen in der sich verändernden Welt».

Der Bericht basiert auf Satellitendaten aus dem Zeitraum von 2004 bis 2017. Er identifiziert 24 Hotspots, an denen die Entwaldung extrem voranschreitet. Den grössten Verlust verzeichnet der Report im Amazonas (Brasilien, Kolumbien, Peru, Bolivien, Venezuela und Guyana) mit 18,3 Millionen Hektar zerstörtem Wald. Dahinter liegen die Wälder auf Borneo (Indonesien, Malaysia; 5,8 Millionen Hektar zerstörter Regenwald) und der Gran Chaco (Paraguay und Argentinien; 5,2 Millionen Hektar zerstörter Regenwald).

Weitere Entwaldungsfronten liegen auf Madagaskar sowie Sumatra. Fast die Hälfte (46 Prozent) der noch bestehenden Wälder in Entwaldungshotspots sind zudem etwa durch Strassen oder Ackerflächen zerstückelt. Das macht den Wald anfälliger für Trockenheit und vertreibt Tier- und Pflanzenarten.

Neun der 24 Entwaldungshotspots befinden sich in Lateinamerika. Dort verzeichnete der WWF Living Planet Report einen dramatischen Rückgang der überwachten Wildtierbestände um 94 Prozent. «Das ist kein Zufall, Wälder sind Schatzkammern der Artenvielfalt. Sie beherbergen bis zu vier Fünftel aller bekannten Tier- und Pflanzenarten ausserhalb der Ozeane», sagt Valerie Passardi vom WWF Schweiz. Nimmt die biologische Vielfalt in den Wäldern ab, sinkt aber auch die Fähigkeit der Wälder, Kohlenstoff zu speichern. Passardi erklärt: «Wenn wir die Klimakrise nicht noch weiter anheizen wollen, müssen wir die Wälder und die dort lebenden Arten schützen.» Im Amazonas sind ungefähr 10 Prozent des globalen Kohlenstoffs gespeichert.  

Wir essen den Regenwald auf

Auch wenn die Wälder ausserhalb der Schweiz verschwinden, trägt die Schweiz substanziell zur Umwandlung von Wald zu Agrarland bei. Denn für den Anbau von Kakao, Palmöl und Kaffee, das in die Schweiz importiert wird, wird oft Wald vernichtet. Das zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie des WWF Schweiz. Um die hiesige Nachfrage nach land- und forstwirtschaftlichen Rohstoffen für Konsumgüter zu decken, benötigten wir zwischen 2015 und 2019 eine Fläche von fast dreimal der Grösse der Schweiz. «Statt nur mit dem Finger auf Regierungen und Landwirte in Entwaldungshotspots zu zeigen, müssen wir uns an der eigenen Nase nehmen», sagt Valerie Passardi. «Durch den Konsum von nicht nachhaltig produzierter Schokolade, Kaffee oder Palmöl treiben wir die globale Waldzerstörung weiter voran.»
Der WWF fordert Konsumentinnen und Konsumenten deshalb auf, sich für umweltverträglicheres Essen zu entscheiden und nur so viele Lebensmittel zu kaufen, wie wirklich benötigt werden. Die mächtigsten Hebel sehen die Umweltschützer allerdings bei der Politik. In den internationalen Handelsbeziehungen brauche es dringend bessere und verbindliche Sozial- und Umweltstandards, insbesondere zu entwaldungsfreien Lieferketten. 
Werden keine tiefgreifenden Massnahmen zum Schutz der Wälder ergriffen, nimmt die Entwaldung in den Tropen und Subtropen weiter zu, so der Bericht «Entwaldungsfronten». Mehr Waldverlust hat schwerwiegende Folgen: Die Naturgüter in den Wäldern sind die Lebensgrundlage für 1,6 Milliarden Menschen auf der Erde.

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