Start News Gesellschaft Studierende fordern: «Keine Fleischmenüs mehr in der Mensa»

Studierende fordern: «Keine Fleischmenüs mehr in der Mensa»

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Eine Arbeitsgruppe von Studierenden hat von den Hochschulen Pflichtvorlesungen über die Klimakrise, vegetarische Essensangebote und einen Stopp in der Forschung im Bereich fossiler Energien gefordert. Die Gruppe von über 300 Studierenden ruft die Hochschulen dazu auf, ihre Rolle in der Klimakrise wahrzunehmen – und radikalere Massnahmen zu treffen. Die Hochschulen reagieren darauf zurückhaltend und teils sogar ausweichend.

Kein Fleisch mehr in der Mensa – eine radikale Forderung oder absolut notwendig um das Klima zu retten? Die Arbeitsgruppe (AG) «Studierende des Klimastreiks Zürich» findet, die Hochschulen müssen noch viel mehr tun, um klimafreundlich zu sein. Der Anspruch auf ein nachhaltiges Essenangebot ohne Fleischmenüs in den Kantinen der Hochschulen gehört zu insgesamt 30 konkreten Forderungen an die Hochschulen der Region. Mit diesen Forderungen verlangen die Studierenden, dass die Hochschulen ihre Rolle in der Klimakrise wahrnehmen. Sie sollten als Vorbild zeigen, dass netto null Treibhausgasemissionen möglich sind. Dazu gehört gemäss den Studierenden unter anderem, dass die Hochschulen möglichst energiesparende Infrastrukturen fördern und einen suffizienten Lebensstil auf dem Campus ermöglichen.

Samuel Lüthi, Sprecher der AG und Student an der ETH, erzählt bei einem Gespräch mit naturschutz.ch, was genau hinter diesen Forderungen steckt. Er erklärt dass es das Hauptziel der AG «Studierende des Klimastreiks Zürich» ist, neue Leute für ihr Anliegen zu mobilisieren. Im Gruppenchat der AG sind etwa 300 bis 400 Studierende dabei, die sich aktiv für die Klimakrise engagieren. Stark vertreten sind insbesondere die Studiengänge Umweltnatur-, Umweltingenieur-, Agrarwissenschaften sowie Politik und Geographie – und arabische Wissenschaften. Der Kern der AG, der die Forderungen an die Hochschulen ausgearbeitet hat, besteht aus 20 bis 30 Studierenden – doch auch in dieser kleineren Gruppe gab es viele Diskussionspunkte bei der Ausarbeitung des Forderungskatalogs.

Konfrontieren und zur Zusammenarbeit anregen

«Unsere Forderungen an die Hochschulen sollen konfrontieren, vielleicht sogar provozieren und radikalisieren. Unser Ziel ist es, eine Debatte anzufachen – denn keine Diskussion ist auch eine Diskussion», so erzählt Samuel Lüthi im Gespräch. Die Studierenden würden nicht erwarten, dass die Forderungen von den Hochschulen direkt erfüllt werden, sondern möchten viel mehr das Thema ins Zentrum rücken. Samuel Lüthi gibt ein Beispiel: «Das Problem ist nicht, dass die Mensa Fleischmenüs verkauft, sondern, dass die Menschen Fleisch essen möchten.» Oft hätten die Hochschulen jedoch die Einstellung, dass sie bereits alles mögliche unternehmen um klimafreundlich zu sein. Mit den Forderungen wollen die Studierenden aufzeigen, dass noch viel mehr getan werden kann – und getan werden muss. Zugleich wollen sie jedoch nicht gegen die Hochschulen arbeiten, sondern diese zur Zusammenarbeit und zum Austausch anregen. Durch die Schärfe der Forderungen möchten die Studierenden ausserdem den Weg für andere ebnen.

«Uns ist bewusst, dass dies ein schwieriges Anliegen ist», sagt Samuel Lüthi. «Denn mit einigen von unseren Forderungen hinterfragen wir die fundamentale Struktur und Rolle der Hochschulen. Aber ich bin überzeugt, dass wir die fundamentale Struktur des Systems in dem wir leben hinterfragen müssen um das Problem des Klimawandels lösen zu können.»

Pflichtvorlesungen zur Klimakrise

Eine weitere Forderung der AG ist, dass die Klimakrise fester Bestandteil jeder Ausbildung sein soll, dazu gehöre die Einbindung der Klimakrise ins Curriculum, interdisziplinäre Zusammenarbeit von Studierenden sowie obligatorische Weiterbildungen für alle Mitarbeitenden der Hochschulen. Ausserdem fordert sie, dass die Hochschulen die Entwicklung hin zu einer nachhaltigen Zukunft vorantreiben. Forschung im Bereich fossiler Energien dürfe nicht weiter durchgeführt werden, stattdessen sollen ökologisch und sozial nachhaltige Forschungsprojekte gefördert und priorisiert werden. Dabei soll die Forderung kein Verbot sein – nur sollen die fossilen Energien nicht mehr gefördert werden.

Mehr Interdisziplinarität

«Ein beachtlicher Teil der heuten Gesellschafts- und Umweltprobleme ist darauf zurückzuführen, dass die Experten nur einen kleinen Teil des Systems kennen und der Blick fürs Ganze verloren geht» meint Samuel Lüthi. Deshalb sei Interdisziplinarität ein wichtiger Bestandteil der Bildung. An der ETH gibt es bereits viele tolle Angebote für den Austausch zwischen verschiedenen Disziplinen, beispielsweise an der ETH week. Jeweils in der letzten Ferienwoche vor Semesterbeginn treffen sich 200 Studierende aus den verschiedenen Departementen. Der Sprecher der AG erzählt von der Idee, die ETH week in der Mitte des Semesters obligatorisch für alle Studierenden einzuführen. Denn von insgesamt knapp 20’000 Studierenden an der ETH sind 200 Teilnehmer an diesem Projekt der «Critical Thinking»-​Initiative sehr wenig.

«Allein an der ETH und Universität Zürich studieren über 46’000 junge Menschen, und dennoch passiert nichts. Viele Studierende sind sich gar nicht bewusst, in welcher Krise wir stecken. Das liegt an der Bildung», erzählt Samuel Lüthi. «An der ETH werden beispielsweise die Sozialwissenschaften belächelt, obwohl sie gerade in der Klimakrise extrem wichtig sind».

Ausweichende Reaktionen der Hochschulen

Die Hochschulen, darunter auch die ETH und die ZHAW, begrüssen das Engagement der Studierenden, reagieren jedoch auf die Forderungen zurückhaltend und teils auch ablehnend. Beispielsweise nimmt die ETH die Einschränkungen der akademischen Freiheit durch Lehrgebote und Forschungsverbote als Kennzeichen autoritärer Gesellschaften wahr. «Freiheit in Lehre und Forschung gehört zu den wichtigsten Errungenschaften unserer aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft. Erfolgreiche Hochschulen leben vom liberalen Geist der Meinungsvielfalt, von kritischen Debatten und der Offenheit, unterschiedliche Meinungen und Haltungen zu respektieren, zu integrieren und im kritischen Dialog immer wieder zu hinterfragen», so heisst es in der schriftlichen Stellungnahme auf die Forderungen. Auf andere Punkte, wie beispielsweise die Forderung, dass die Hochschulen den Klimanotstand ausrufen müssten, reagieren sie mit der Erklärung, dass dies nicht die Rolle einer Hochschule, sondern viel mehr der Politik sei. In der Stellungnahme antwortet die ETH, dass sie, obwohl sie die Aktivität der Studierenden schätze, auf dem Weg zum Ziel bei einzelnen Forderungen unterschiedliche Ansätze verfolge. Dies zeigt sich auch im Beispiel der fleischlosen Menüangebote: Obwohl die ETH ein vegetarisches und veganes sowie auch saisonales und regionales Angebot anstrebe und Food Waste reduziere, so sei ein Verbot von allen Fleischprodukten jedoch weder erwünscht noch geplant.

In anderen Punkten jedoch stimmen die Hochschulen den Studierenden zu, dass noch viel mehr getan werden muss und kann um einen möglichst vorbildlichen Campus zu gestalten. Die ZHAW beispielsweise anerkennt die Forderungen der Studierenden des Klimastreiks Zürich als eine hilfreiche Aussenperspektive, um bisherige Massnahmen zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Die Hochschulen verweisen jedoch hauptsächlich auf ihre bestehenden Nachhaltigkeitsstrategien, statt vertieft auf die konkreten Forderungen der Studierenden einzugehen.

Wie geht’s weiter?

Einen nächsten, konkreten Schritt hat die AG nicht geplant – nun wird improvisiert. Die Forderungen sind gestellt und die Stellungnahme von den Hochschulen ist erfolgt. Die Studierenden möchten mit den Hochschulen darüber sprechen, wie diese konkret auf die Forderungen reagieren werden – und sie wollen dabei ernst genommen werden. Samuel Lüthi meint: «Die Stellungnahme der Hochschulen war zu erwarten. Die Stellungnahme der ETH beispielsweise ist sehr neutral gehalten, hat jedoch den Beigeschmack, nicht ganz ernst genommen zu werden. So à la: Wir sind ja schon perfekt, machen ja schon alles.»

Weiterführende Information

Forderungen der Arbeitsgruppe «Studierende des Klimastreiks Zürich»

Antwort der ETH Zürich auf die Forderungen der Studierenden

Antwort der ZHAW auf die Forderungen der Studierenden

2 Kommentare

  1. Wer Fleisch essen will kann dies auch zu Hause tun…

    Der Fleischverzicht ist jedoch für den Erhalt der Biodiversität sehr viel wichtiger als für das Klima, obwohl die Fleischproduktion auch disbezüglich ein grosser Hebel ist.

  2. Die fleischlosen Menüs müssen einfach attraktiver werden. Wenn unsere „geistige Elite“ nicht mehr argumentieren will, sondern lieber radikalisieren, sehe ich nicht nur für das Klima schwarz. Mit Panikmache und Hysterie hat man noch nie vernünftige Lösungen gefunden. Etwas mehr Toleranz im Umgang miteinander würde dem gesellschaftlichen Klima guttun.

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