Start News Gesellschaft Schokolade statt Regenwald: Wie Schweizer Importe die weltweite Entwaldung anheizen

Schokolade statt Regenwald: Wie Schweizer Importe die weltweite Entwaldung anheizen

Eine Fläche fast dreimal so gross wie die Schweiz wurde zwischen 2015 und 2019 benötigt, um die hiesige Nachfrage nach land- und forstwirtschaftlichen Rohstoffen für Konsumgüter zu decken. Mehr als die Hälfte der Importe für Schweizer Schokolade stammen aus Ländern mit hohem oder sehr hohem Entwaldungsrisiko. Und die Importe heizen auch dem Klima tüchtig ein.

Abholzung ist oft versteckt in den Produkten, die aus dem Import von risikoreichen Rohstoffen entstehen. Auch die Schweiz hat diesbezüglich einen grossen Anteil: Zwischen 2015 und 2019 wurden 11,2 Millionen Hektar Land benötigt, um den Bedarf der Schweiz an nur acht land- und forstwirtschaftlichen Rohstoffen zu decken: Kakao, Kokosnuss, Kaffee, Palmöl, Zellstoff und Papier, Soja, Zuckerrohr und Holz. Das zeigt die vom Beratungsunternehmen 3Keel im Auftrag des WWF Schweiz durchgeführte Analyse «Importierte Abholzung: Wie in die Schweiz importierte Rohstoffe die Entwaldung im Ausland vorantreiben». Bezieht man zusätzlich auch die Schweizer Handelsgeschäfte mit ein, sind diese Zahlen nur «die Spitze des Eisbergs». In einer Medienmitteilung berichtet WWF Schweiz, dass fast ein Viertel (22 Prozent) des Flächen-Fussabdrucks der Schweiz in Ländern mit hohem oder sehr hohem Risiko bezüglich Entwaldung, schwacher Regierungsführung und niedrigen arbeitsrechtlichen Standards liegt. So stammen etwa mehr als die Hälfte der Importe für Schweizer Schokolade (54 Prozent) aus Ländern mit hohem oder sehr hohem Entwaldungsrisiko. Besonders brisant: Der Kakao-Fussabdruck der Schweiz macht drei Prozent des globalen Kakao-Fussabdrucks aus, was gemessen am Anteil der Schweiz an der Weltbevölkerung (0,1 Prozent) stark überproportional ist. Die weltweite Entwaldung und die Umwandlung von Naturland in Land für die Agrarindustrie schreiten in alarmierendem Tempo voran. Gemäss der Studie des WWF stehen Regierungen und Unternehmen in der Verantwortung. Denn es gilt, die Lieferketten entwaldungsfrei zu gestalten, so dass keine Produkte auf den Schweizer Markt kommen, welche die Abholzung fördern. Unternehmen müssen ihre Risiken in der Lieferketten ermitteln, indem sie die Herkunft ihrer Produkte genau nachverfolgen. Romain Deveze, Rohstoffexperte WWF Schweiz: «Die Auswirkungen der Schweizer Rohstoffimporte auf die Abholzung der Wälder der Welt sind massiv. Darum haben Schweizer Behörden und Unternehmen eine grosse Verantwortung bezüglich globalem Waldschutz.»

Die Importe heizen auch dem Klima tüchtig ein: Im Zeitraum von 2015 bis 2019 wurden drei Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr durch die Umwandlung von Naturland in Agrarland freigesetzt. Dies entspricht ca. neun Prozent der jährlichen Emissionen der Schweiz. Der Bericht analysiert die Risiken, die mit dem Import der Rohstoffe einhergehen. So ist der Anteil der Schweiz an der weltweiten Kaffeeproduktion bemerkenswert hoch (2 Prozent), wenn man bedenkt, dass die Schweiz nur 0,1 Prozent der Weltbevölkerung ausmacht. Fast drei Viertel der Kaffeeimporte der Schweiz (72 Prozent) stammen aus Ländern mit einem hohen bis sehr hohen Entwaldungs-Risiko, darunter Brasilien, Kolumbien, Äthiopien, Guatemala, Indonesien, Honduras, Mexiko und Peru. Keiner der Kaffeeimporte der Schweiz stammt aus Ländern mit geringem Risiko. Romain Deveze, Rohstoffexperte des WWF Schweiz sagt: «Dass neben dem viel diskutierten Palmöl auch Rohstoffe wie Kakao, Kokosnuss oder Zuckerrohr wesentliche Auswirkungen auf die Natur haben, ist eine wichtige Erkenntnis der Studie. Massnahmen von Firmen und Behörden müssen daher umfassend und für alle relevanten Rohstoffe ergriffen werden.»

81 Prozent der Sojaimporte sind Futtermittel für unsere Nutztiere

Die Sojaproduktion hat seit den 1960er Jahren um den Faktor acht zugenommen. Die Ausweitung der Sojaproduktion in Südamerika geht stark mit Abholzung und anderen Formen der Zerstörung von natürlichem Lebensraum einher. Die Sojaproduktion hängt direkt mit unserem Fleischkonsum zusammen: Etwa 70 Prozent der weltweiten Sojaproduktion wird als Viehfutter verwendet und nur etwa sechs Prozent für den direkten menschlichen Verzehr. Auch in der Schweiz werden 81 Prozent der Importe als Viehfutter genutzt.
Palmöl wiederum wird hauptsächlich in Indonesien (46 Prozent der weltweiten Produktion) und Malaysia (34 Prozent) produziert. Die Erweiterung des Palmölanbaus ist seit langem mit Entwaldung verbunden. Eine in den letzten Jahren durchgeführte Studie kommt zum Schluss, dass 45 Prozent der untersuchten Ölpalmenplantagen in Südostasien in Gebieten liegen, die 1989 noch Wälder waren. Ein bedeutender Teil dieser Entwaldung wurde durch den globalen Handel hervorgerufen. Auch die Schweiz importiert jährlich 63’000 Tonnen Palmöl. Die Fläche, die im Ausland zur Deckung der Schweizer Nachfrage nach Palmöl benötigt wird, betrug zwischen 2015 und 2019 durchschnittlich fast 25’000 Hektar pro Jahr.

2 Kommentare

  1. Etwas stimmt da nicht ganz, Ob einfach ein paar Themen und Fotos zusammengebastelt wurden? Das Luftbild zeigt fast sicher Regenwald und ob für Schokolade viel Soja benötigt wird? Im Text wird das dann besser beschrieben. Behörden und Unternehmen in der Verantwortung? Ja auch, in ersten Linie aber wir Endverbraucher mit unserem viel zu hohen Konsum. Peter Voser

  2. Was ich im Kontext von Sojaimporten für die Tiermast bisher nicht nachvollziehen konnte: Wie finde ich als Konsument*in heraus, mit welchem Futter Tiere gefüttert werden, deren Fleisch ich kaufe? Ich kann auf BIO-Fleisch und Auslaufhaltung achten aber mit welchem Futter die Tiere gemästet wurden und woher es stammt sehe ich in der Regel nicht.
    Klar, ich kann aktiv beim Produzenten / Landwirt etc. nachfragen aber gibt es keine Deklarationspflicht? Für Tips bin ich dankbar. Dass gar kein Fleischkonsum der Idealfall ist, ist mir bewusst.

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