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Humor der Natur

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Carl von Linné (1707–1778), der geniale schwedische Naturforscher, Begründer der uns vertrauten binären Namensgebung der Pflanzen- und Tierarten, kannte den Begriff der genetischen Mutation noch nicht. Zu seiner Zeit hielt man Arten für Konstanten der Schöpfung. Die gelegentlichen Abweichungen von der Norm, die er natürlich schon kannte, bezeichnete er als vom Schöpfer gestatteten «Humor der Natur».

Der Originalartikel wurde in der botanischen Zeitschrift «Flora CH» (Ausgabe Nr. 8, 2019) von Info Flora veröffentlicht. Ein Leserartikel von Gerhart Wagner.

Goldprimel in Hochformat

An Humor der Natur zu glauben, war ich geneigt, als ich im Sommer 2004 auf einer Wanderung im Simplongebiet auf 2200 m Höhe auf einzelnen der vielen etwa halbmeterhohen Wacholderbüsche gelbe, primelartige Blüten entdeckte. Gelb blühender Wacholder …? Noch nie habe ich von so etwas gehört. Ich war an jenem Tag nicht botanisch unterwegs, sondern mit einstigen Kameraden im Gedenken an einen besonderen Ort, wo wir im Herbst 1943 unsere nach Süden gerichteten Gebirgsgeschützlein aufgestellt hatten. Ein Glück, dass man die Augen nicht auswechseln muss, um von Geschützstellungen auf Blumen umzustellen! Ich konnte nicht umhin, den Fall näher zu untersuchen. Was sich die Natur da geleistet hatte, war in der Tat erstaunlich. Die schönen gelben Blüten gehörten, das erkannte ich bald, zu einer in meinen Augen besonders vornehmen Art: der Goldprimel Androsace vitaliana. Bei Linné hiess sie Primula vitaliana, später Aretia vitaliana, Douglasia vitaliana, Gregoria vitaliana, Vitaliana primuliflora … Humor der Nomenklaturisten? Etwas Besonderes muss es mit dieser Spezies schon auf sich haben. Aber blühend auf einem Wacholderbusch?

Den Fotoapparat hatte ich nicht dabei. Aber ich nahm eine vollständige Pflanze aus dem Wacholderbusch heraus und als Herbarbeleg mit nach Hause. Ich konnte dann mit Staunen feststellen, dass aus einem einzigen Grundtrieb mehrere Stängel gewachsen waren, je etwa 40 cm lang, die an ihren Enden insgesamt 14 Blüten trugen. An jedem Stängel waren sechs aufeinander folgende Jahresabschnitte zu erkennen, mit Resten eines Blattbüschels am Ende jedes Abschnitts. Die Pflanze muss mit dem Wacholderbusch Jahr für Jahr höher gewachsen sein, wie sonst? Auch die Fortsetzungstriebe für das nächste Jahr waren schon vorhanden. Bizarr, was sich Mutter Natur da ausgedacht hat.

Weisse Buchenkeimlinge

Mit einer anderen «Laune» überraschte mich die Natur im April 2014 und wieder 2017 in einem Wald auf der Nordseite des Bantiger. Unter Hunderten von Buchenkeimlingen entdeckte ich einzelne mit vollständig weissen Keimblättern. Auch diesmal traute ich zuerst meinen Augen nicht. Teilalbinismus bei Pflanzen ist zwar eine wohlbekannte Erscheinung, die in vielen Varianten gärtnerisch genutzt wird. Aber Vollalbinismus, nein, das ist einer grünen Pflanze nicht erlaubt, damit mutiert sie sich ja selbst zu Tode: Fehlt ihr das Chlorophyll und damit die Fähigkeit zur Fotosynthese, so fehlt ihr auch die Fähigkeit zum Aufbau ihres eigenen Körpers. Aber da standen sie vor mir, die vollalbinotischen Keimpflänzchen. Sie konnten aus den im Samen enthaltenen Nährstoffen wachsen. Aber die reichen nicht weit: Sind sie aufgebraucht, ist ein weiteres Wachstum unmöglich. Statt ein Baum zu werden, stirbt das Pflänzchen ab.

Albino Buchenkeimling.
Grüne und weisse Buchenkeimlinge. © Gerhart Wagner

Der Fall ist genetisch einfach zu deuten: Fagus sylvatica besitzt 12 Chromosomenpaare (2n = 24). Es genügt, dass der Mutterbaum in einem der zwei Chromosomen von einem seiner 12 Paare eine Genmutation trägt, welche im homozygoten Zustand einen Schritt in der Synthese- kette des Chlorophylls blockiert. Der Baum besitzt jedoch im homologen Zweitchromosom dieses Paares das entsprechende dominante Normalgen, er ist daher phänotypisch normal. Kommt es aber zu Selbstbestäubung, was bei Windblütlern häufig ist, so erhält jede vierte Zygote das Chromosom mit dem rezessiven Defektgen doppelt (homozygot) und das Normalgen fehlt. Würde sich der Baum vollständig selbst bestäuben, so wäre demnach jedes vierte seiner Keimpflänzchen albinotisch. Ich fand aber auf etwa 150 normale nur sieben albinotische Pflänzchen. Das deutet darauf hin, dass die meisten Blüten des Mutterbaumes fremdbestäubt wurden.

Wie weit kann sich ein solches Pflänzchen entwickeln? Bei einer Kontrolle im Mai 2017, einen Monat nach der Entdeckung, hatten die normalen Pflänzchen die ersten grünen Laubblätter gebildet, während die albinotischen nur gerade deren Ansätze besassen und am Absterben waren.

Diese beiden launenhaften Naturprodukte waren mir neu, und ich suchte vergebens nach ihnen in der Literatur. Auch unter den mir bekannten Botanikerinnen und Botanikern wusste niemand etwas von diesen Dingen. Weiss jemand unter den Leserinnen und Lesern mehr?

Anschrift des Verfassers: wagnerger@bluewin.ch

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1 Kommentar

  1. Ich habe mich gerade sehr über diesen Beitrag gefreut, danke. Dieses Jahr habe ich nämlich vollständig weisse Eichenkeimlinge im Wald zwischen Glattfelden und Eglisau gefunden. Auch mir konnte leider niemand mehr dazu sagen.

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