In der Gotthardregion wird an der Porta Gottardo geplant, einem Grossprojekt zur weiteren touristischen Erschliessung. Umweltverbände sehen diese Entwicklung mit Sorge. Ihr wichtigster Kritikpunkt: Vom letzten Grossprojekt sind auch zwölf Jahre nach der Vereinbarung immer noch Ausgleichsmassnahmen nicht umgesetzt.
In der Gotthardregion ist Grosses geplant: Mit der «Porta Gottardo» soll zukünftig auch im Winter eine touristische Nutzung des Gotthardpasses möglich werden. Zentrale Elemente sind zwei Seilbahnen von Airolo und Realp auf die Passhöhe. Von dort soll eine weitere Bahn auf den Gemsstock führen – mit Anschluss an das Skigebiet von Andermatt. Die Kantone Tessin, Uri und Graubünden unterstützen eine Vorstudie zur Machbarkeit der Porta Gottardo.
Die aktuellen Pläne sind ein Warnzeichen für verschiedene Umweltorganisationen, darunter der WWF Uri, Pro Natura Uri, Mountain Wilderness und die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz. In einer gemeinsamen Medienmitteilung warnen sie davor, dass die Umwelt vernachlässigt werden könnte. Ihre Angst basiert auf den gemachten Erfahrungen mit dem letzten Grossprojekt, dem Ausbau der Skiinfrastrukturen am Gemsstock und zwischen Andermatt und Sedrun. Mit einer Vereinbarung gelang 2013 ein Kompromiss: Im Gegenzug zu den Ausbauten definierten alle Beteiligten Massnahmen zugunsten von Natur und Landschaft. Diese Massnahmen wurden rechtlich verbindlich angeordnet. Doch mehr als zwölf Jahre später sind diese Ausgleichsmassnahmen noch immer nicht realisiert. «Es ist inakzeptabel: Anstatt den seit Jahren überfälligen Rückbau der Anlagen am Winterhorn und der vereinbarten Ausweisung als Landschaftsschutzgebiet voranzutreiben, werden Neuerschliessungen in Betracht gezogen», ärgert sich Maren Kern von Mountain Wilderness Schweiz.
Zu den zentralen, noch offenen Punkten der Vereinbarung gehören eine aktuelle Bilanz der baulichen Eingriffe und der kompensatorischen Ersatz- und Ausgleichsmassnahmen sowie deren Erfolgskontrolle, der Rückbau alter Anlagen oder der verbindliche Schutz sensibler Landschaften. Offene Fragen betreffen die Schonung der Wildlebensräume, die Lenkung der Besuchenden, den Verkehr und die Parkierung. Besonders deutlich zeigt sich dies am Winterhorn. Verfügt wurden der Rückbau der alten Anlagen und die verbindliche Sicherung des Gebiets als Landschaftsschutzgebiet. Trotz längst abgelaufener Frist ist beides noch nicht umgesetzt. Zwar kommt Bewegung in die Verfahren, gleichzeitig stehen weiterhin Umnutzungen und neue Nutzungsideen im Raum. Den Umweltverbänden sind die konkreten Pläne der Porta Gottardo nicht bekannt. Möglicherweise soll das Winterhorn von Süden erschlossen werden, was den Abmachungen von 2013 fundamental widersprechen würde.
Aus Sicht der Verbände müssen die offenen Massnahmen zuerst umgesetzt werden, bevor neue Projekte mit zum Teil öffentlichen Geldern in Angriff genommen werden, die bereits geschonte Gebiete erneut unter Druck setzen. Das betrifft insbesondere das erwähnte Winterhorn und den St. Annafirn, die bei möglichen Varianten der Porta Gottardo direkt betroffen sein könnten. Der Verzicht auf Erschliessungen im Gebiet St. Anna und die Beruhigung des Winterhorns waren zentrale Elemente des damaligen Kompromisses. Solche Entscheide dürfen nicht durch die Hintertür infrage gestellt werden, fordern die Verbände. Silja Eller, die Geschäftsführerin von Pro Natura Uri warnt: «Die Bilanz ist klar: Gebaut wurden die touristischen Grossprojekte relativ rasch, doch bei Natur und Landschaft bleiben zentrale Pendenzen. Diese Verpflichtungen müssen nach 13 Jahren nun endlich erledigt werden.»




Kompromisse mit unredlichen Partnern sind eben keine.
Da gibt es nur die klare Kante: Keine neuen Erschliessungsprojekte! Dafür gezielte Rückbauten und eine Fokussierung auf den nicht-motorisierten Freizeitverkehr. Auf diese Weise erhöht sich auch die Tragfähigkeit der Landschaftsräume.
Auch Skilifte sind motorisierte Bewegung: Wer künftig abfahren will, der soll auch vorher aufsteigen. Warum soll das sonst so hochgelobte Leistungsprinzip ausgerechnet im Alpenraum nicht gelten?
Um das durchzusetzen, müssen die Verbände statt zu jammern wieder mehr direkte Aktionen, Besetzungen und Demos organisieren. Das ist natürlich für viele Verbandsfunktionärinnen weniger bequem als im Büro irgendwelche Stellungsnahmen zu verfassen …
Es erstaunt, dass der Gotthardpass jetzt plötzlich Aufmerksamkeit der Umweltorganisationen erhält.
Als dieser Natur- und Lebensraum vor wenigen Jahren mit fünf gigantischen Windturbinen zerstört wurde, hat man von diesen Organisationen nicht die leiseste Kritik gehört. Immerhin bringen die jetzt kritisierten touristischen Projekte Geld und Arbeitsplätze, während die genannten fünf Windturbinen mit (gesamthaft) 12-13 GWh jährlich gerade einmal soviel Strom produzieren wie das kleine Wasserkraftwerke Letten in der Innenstadt von Zürich in ca. siebeneinhalb Monaten (Jahresproduktion 21 GWh) produziert, oder so viel wie ein grösseres Rechenzentrum in 8 Tagen verbraucht (das in Bau befindliche Rechenzentrum Volketswil wird einen Jahresverbrauch von 600 GWh haben). Neben der Landschaftsverschandelung stellen die Turbinen auf dieser Zugvogelroute auch eine beträchtliche Gefährdung von Vögeln dar (vergl. z.Bsp. Artikel «Die toten Vögel vom Gotthard» im Tagesanzeiger vom 2.5.2024) – dies wie gesagt für einen sehr geringen Nutzen.
Angesichts der bereits erfolgten Zerstörung dieses Gebietes durch die erwähnten Windturbinen mitsamt Zufahrtsstrassen spielt es meines Erachtens zudem keine sehr grosse Rolle mehr, ob da nun noch die eine oder Seilbahn daneben gebaut wird, auch wenn ich im Allgemeinen dem weiteren Ausbau von Infrastruktur im Gebirge sehr kritisch gegenüberstehe.