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Warum Waldlichtungen Mistkäfer vertreiben

Gezielte Lichtungen und mehr Totholz sollen die Artenvielfalt in Wirtschaftswäldern erhöhen. Doch eine neue Studie der Uni Würzburg zeigt, dass diese gut gemeinten Massnahmen bei einer wichtigen Artengruppe das Gegenteil bewirken können: Die Mistkäfer verschwinden. Verantwortlich ist das veränderte Mikroklima, das durch die Klimaerwärmung noch verstärkt wird.

Um dem Artenverlust in den oft eintönigen Wirtschaftswäldern Europas entgegenzuwirken, setzen Forstwirtschaft und Naturschutz vermehrt auf mehr Strukturvielfalt. Die Strategie: Durch das gezielte Schaffen von Lichtungen und die Anreicherung von Totholz sollen die Bedingungen natürlicher Wälder nachgeahmt werden. Diese Massnahmen gelten grundsätzlich als positiv für die Biodiversität, da sie Lebensräume für viele Pflanzen- und Tierarten schaffen.

Strukturreiche Wälder: Nicht für alle ein Gewinn

In einem gross angelegten Waldbau-Experiment hat ein Forschungsteam der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) nun untersucht, wie sich diese Strategie auf Mistkäfer auswirkt. Die Forschenden verglichen konventionell bewirtschaftete, dichte Wälder mit experimentellen Wäldern, in denen gezielt die Strukturvielfalt erhöht wurde. Insgesamt untersuchten sie 234 Flächen in elf Waldgebieten in ganz Deutschland – von Lübeck über den Hunsrück bis hin zum Nationalpark Bayerischer Wald. Dabei erfassten sie insgesamt 2’730 Mistkäfer aus zwölf Arten.

Das Ergebnis widerspricht klar der allgemeinen Erwartung: Die Vielfalt der Mistkäfer nahm in den strukturreicheren Wäldern nicht zu. In den neu geschaffenen Lichtungen ging sie sogar signifikant zurück. Besonders betroffen ist der Waldmistkäfer (Anoplotrupes stercorosus).

Die heimlichen Helden des Waldbodens

Mistkäfer sind weit mehr als nur unscheinbare Insekten. Sie fungieren als unbezahlte Arbeitskräfte des Ökosystems Wald: Als «Gesundheitspolizei» beseitigen sie den Kot von Wildtieren und hemmen damit die Ausbreitung von Parasiten. Als «Nährstoff-Recycler» arbeiten sie den Dung in den Boden ein und machen die darin enthaltenen Nährstoffe wieder für Pflanzen verfügbar. Die Zahlen belegen ihre immense Bedeutung eindrücklich: Wurden die Käfer in kühleren Regionen vom Dung ferngehalten, verringerte sich dessen Abbau um 77 bis 91 Prozent.

Der Hauptakteur in den untersuchten Wäldern ist der Waldmistkäfer. Er macht in allen Regionen den grössten Anteil der Biomasse aus, oft über 90 Prozent, und ist damit der wichtigste Dienstleister für die Kotbeseitigung. Die Studie zeigt, dass genau diese Schlüsselart, ein an kühle und feuchte Bedingungen angepasster grosser Tunnelgräber, besonders leidet. Ihre Abnahme gefährdet die gesamte Ökosystemleistung, denn die Abbaurate hängt direkt von der Biomasse dieser einen Art ab, nicht von der Artenvielfalt oder der schieren Anzahl an Käfern.

Nicht nur der Klimawandel, auch die Bodenbeschaffenheit spielt eine Rolle: Die Käfer profitierten von sandigen Böden, die ihnen das Graben erleichtern. Auf schweren, lehmigen Böden fällt es ihnen schwerer, ihre Brutkammern anzulegen und den Dung zu vergraben.

Wenn Lichtungen zur Falle werden

Der entscheidende Faktor für das Überleben der Mistkäfer ist das Mikroklima. Geschlossene, dichte Wälder wirken wie ein Puffer gegen Temperaturextreme: Unter dem Blätterdach bleibt es auch an heissen Sommertagen vergleichsweise kühl und feucht. Die neu geschaffenen Lichtungen heben diesen Schutzeffekt auf und führen zu höheren Temperaturen und stärkerer Austrocknung am Boden. Für den Waldmistkäfer, der als grosses Insekt besonders anfällig für Wasserverlust ist, entsteht so eine doppelte Bedrohung: Die allgemeine Klimaerwärmung und die lokal erhöhten Temperaturen in den Lichtungen schaffen gemeinsam lebensfeindliche Bedingungen.

Entgegen der Erwartung wanderten in die Lichtungen keine wärmeliebenden Offenland-Arten ein. Selbst dort, wo der Wald geöffnet wurde, kamen keine zusätzlichen Mistkäfer-Arten aus dem Offenland hinzu. Die Lichtungen wurden also nicht artenreicher. Die Artengemeinschaften dort waren lediglich eine verarmte Teilmenge der Wälder. Die Folge: Mit steigender Temperatur nehmen sowohl die Populationen des Waldmistkäfers als auch die Effizienz der Kotbeseitigung ab.

Was der Befund für die Waldbewirtschaftung bedeutet

Die Forschungsergebnisse sind im Kontext des Klimawandels von hoher strategischer Bedeutung. Sie zeigen, dass Massnahmen zur Förderung der Biodiversität differenziert betrachtet werden müssen, weil nicht alle Artengruppen gleichermassen profitieren. Für die Mistkäfer ist dabei nicht ein Mangel an Nahrung das Problem. Die Studie ergab, dass nicht die Kotverfügbarkeit, sondern das Klima ihre Populationen begrenzt.

Für die Praxis leitet sich daraus eine klare Handlungsempfehlung ab: Auch wenn das Ziel einer höheren Strukturvielfalt richtig bleibt, ist es unerlässlich, gleichzeitig ausreichend grosse, geschlossene und damit kühlere Waldbestände zu erhalten. Nur so können die für das Ökosystem zentralen Mistkäfergemeinschaften und ihre Leistungen geschützt werden. Besonders in wärmeren Lagen – für die Schweiz sind das etwa das Wallis, das Tessin oder tiefere Lagen des Mittellands – sollten Lichtungen mit Vorsicht und in kleinem Rahmen angelegt werden.

Mit fortschreitendem Klimawandel und steigenden Temperaturen könnte sich der Waldmistkäfer in kältere Gebiete zurückziehen – etwa in höhere Lagen der Alpen oder in den Jura. Dann entsteht eine funktionale Lücke, denn es gibt kaum andere grosse, vergleichbar effiziente Tunnelgräber, die seine Arbeit übernehmen könnten. Zukünftige Forschung muss nun beobachten, ob wärmeliebende Arten aus dem Mittelmeerraum einwandern und diese Lücke füllen können.

Letztlich unterstreicht die Studie, dass der Schutz von Ökosystemen ein tiefes Verständnis für die spezifischen Bedürfnisse verschiedener Arten erfordert. Ein universeller Ansatz reicht nicht aus, um die komplexen Zusammenhänge in der Natur zu erhalten. Wer die Artenvielfalt wirklich fördern will, muss manchmal auch den Mut haben, Flächen sich selbst zu überlassen und geschlossene Wälder als das zu schützen, was sie für viele Arten sind: unverzichtbare Rückzugsräume.

Originalpublikation
Dung beetles do not profit from enhanced spatial heterogeneity in temperate production forests: a forest manipulation experiment. Johanna Asch, Michael Scherer-Lorenzen, Kerstin Pierick, Clara Wild, Julia Rothacher, Jörg Müller, Orsi Decker, Simone Cesarz, Nico Daume, Jörn Buse, Marcell K. Peters. Journal of Applied Ecology https://doi.org/10.1111/1365-2664.70288

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