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Warum viele Elektrogeräte kein zweites Leben bekommen

Viele Menschen in der Schweiz möchten umweltbewusst handeln – doch wenn es um alte Elektrogeräte geht, bleibt der gute Wille oft Theorie. Eine neue Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) zeigt, dass nicht nur Wissenslücken, sondern vor allem Emotionen, Aufwand, Gewohnheit und Unsicherheit darüber entscheiden, ob Geräte repariert, weitergegeben oder einfach entsorgt werden. Als wichtigste Treiber nennt die Studie die persönliche Einstellung und emotionale Bindung. Kleine und günstige Geräte landen dabei häufiger im Abfall, während teurere oder emotional bedeutsame Stücke eher repariert oder weitergegeben werden.

Die umfassende Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz zur Haltung der Schweizer Bevölkerung zum Thema Kreislaufwirtschaft von Elektrogeräten basiert auf einer umfangreichen Literatur- und Marktanalyse, qualitativen Online-Interviews mit Akteuren der Schweizer Kreislaufwirtschaft sowie einer qualitativen und quantitativen Erhebung bei Konsumentinnen und Konsumenten aus der Deutsch- und Westschweiz (siehe Infokasten). Die Studie zeigt, dass für die Mehrheit der Studienteilnehmenden ein bewusster Umgang mit Ressourcen zentral ist, doch Wissenslücken, Gewohnheiten und bisherige Erfahrungen die Wiederverwendung oder eine Reparatur von gebrauchten Geräten bremsen. Auch Grösse und Gerätewert sowie bestimmte Anlässe oder Emotionen beeinflussen, ob, wann und wie die einzelnen Kreis­laufangebote genutzt werden.

Grösse und Wert entscheiden über Recycling, Reparatur oder Reuse

Je teurer ein Gerät ist oder je grösser die emotionale oder praktische Abhängigkeit vom Gerät, desto eher wird es repariert oder weiterverkauft. Besonders deutlich zeigt sich diese Erkenntnis bei defekten Spielzeugen, Kaffee- oder Waschmaschinen: Sie werden von den Befragten am meisten repariert, während funktionierende Fitnessgeräte am meisten weiterverkauft werden. Eine weitere Erkenntnis der Umfrage ist: Je kleiner ein Gerät, desto grösser ist das Risiko, dass es dem Kreislauf entzogen und im Kehricht entsorgt wird. Bei vielen der Befragten löst diese Handlung allerdings Gewissensbisse aus. Die Mehrheit würde denn auch gerne weniger Geräte entsorgen und mit 58% auch deutlich mehr funktionierende Geräte verkaufen wollen, als sie das bisher getan hat. Den Grund für diese Diskrepanz zwischen effektivem und gewünschtem Verhalten sehen die Autorinnen und Autoren der Studie vor allem im zeitlichen Aufwand für einen Wiederverkauf, während bei der Reparatur vor allem Kosten-Nutzen-Überlegungen dominieren.

Reparatur, Verkauf oder Entsorgung erfolgen ad hoc statt regelmässig

Mehr als zwei Drittel der Befragten haben in der Studie angegeben, dass sie nur Elektrogeräte kaufen, die sie wirklich benötigen. Über die Hälfte nutzt ihre Geräte zudem regelmässig. Ein Drittel bewahrt dagegen Geräte bewusst für einen späteren Gebrauch auf. Dazu zählen Geräte wie Raclette‑ oder Waffeleisen, aber auch solche, zu denen die Befragten einen stark emotionalen Bezug haben. Reuse-, Repair- und Recycling‑Angebote werden selten regelmässig genutzt. Vielmehr bestimmen einzelne Anlässe wie ein Umzug, eine Entrümpelungsaktion oder eine Anschaffung eines Neugeräts darüber, wann und ob ausgediente Geräte entsorgt, weitergegeben oder repariert werden.

Erfahrung fördert die Handlungskompetenz und damit die Kreislaufwirtschaft

Die Reparatur eines Elektrogeräts ist für die Mehrheit der Befragten mit deutlich mehr Mühe verbunden als das Recycling. Nur gerade 15 % der Befragten trauen sich zu, Elektrogeräte selbst zu reparieren. Auch wissen nur gerade 28 %, wo sie gebrauchte Elektrogeräte mühelos kaufen können. Aber all jene, die wissen, wo sie ihre Elektrogeräte verschenken, weiterverkaufen, kaufen oder reparieren können, empfinden diese Aktionen meist auch als weniger mühsam und nutzen sie öfter, so die Studie.

Emotionen spielen eine wichtige Rolle, auch in der Kreislaufwirtschaft

Zwei Drittel der Befragten nehmen das Recycling von Elektrogeräten als etwas Positives wahr und sehen darin einen sinnvollen Beitrag zur Umwelt. Auch Reparaturen sowie das Verschenken oder der Verkauf von gebrauchten Geräten lösen bei der Mehrheit der Befragten ein gutes Gefühl aus. Nur jede(r) Fünfte fühlt sich jedoch gut dabei, wenn er oder sie ein gebrauchtes Gerät anstelle eines neuen kauft. Gründe dafür sehen die Autorinnen und Autoren der Studie in der Ungewissheit über Zustand und Qualität von Gebrauchtgeräten, aber auch in Hygienebedenken bei der Übernahme von Geräten, die zum Beispiel zum Zubereiten von Essen oder zur Körperpflege genutzt werden. 

Haltung als grösstes Hindernis

Mehr als die Hälfte der Befragten sind sich bewusst, dass sie durch ihr Verhalten Ressourcen sparen können. Allerdings sind nur 38 % bereit, ihren Lebensstil zugunsten der Umwelt zu ändern. Auch nur knapp die Hälfte ist der Meinung, dass defekte Elektrogeräte repariert werden sollten. Diese Einstellungen prägen entsprechend auch die Gewohnheiten: So zeigt die Studie, dass vor allem jene Personen das Repair- und Reuse-Angebot häufig nutzen, die überzeugt sind, dass defekte Elektrogeräte repariert und funktionierende Geräte weiterverwendet statt entsorgt werden sollten. Da jedoch nur eine Minderheit den Kauf gebrauchter gegenüber neuen Geräten bevorzugt, bleibt die Nachfrage nach Secondhand-Geräten insgesamt nach wie vor niedrig.

Weitere Informationen:


Studie
Prof. Dr. Anne Herrmann et al., Forschungsstudie zur Haltung der Schweizer Bevölkerung zum Thema Kreislaufwirtschaft von Elektrogeräten, Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Angewandte Psychologie (Oktober 2024)

Zusammenfassung der Studie
Die Forschungsstudie der FHNW zur Haltung der Schweizer Bevölkerung zum Thema Kreislaufwirtschaft von Elektrogeräten wurde 2024 im Auftrag von SENS eRecycling abgeschlossen. Sie zeigt, wie die Schweizer Bevölkerung die Angebote zur Kreislaufwirtschaft von Elektrogeräten – Repair, Reuse und Recycling (RRR) – wahrnimmt und welche Einstellungen sowie Barrieren dabei eine Rolle spielen. In der vierten und letzten Phase dieser umfassenden Studie wurden insgesamt 1002 Personen aus der Deutsch- und Westschweiz zu Wissen, Haltung und Verhalten gegenüber RRR-Angeboten befragt. In einem Synthesebericht wurden diese quantitativen Ergebnisse mit den qualitativen Erkenntnissen aus den zwei vorangegangenen Studienphasen verknüpft. Hier geht’s zur Zusammenfassung des Syntheseberichts.

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