StartNewsForschungVerborgene Insekten-Vielfalt in Grashalmen durch Mähen bedroht

Verborgene Insekten-Vielfalt in Grashalmen durch Mähen bedroht

Wenn über Biodiversität gesprochen wird, gilt die Aufmerksamkeit oft den offensichtlichen und grossflächigen Mustern. Eine wenig beachtete Vielfalt verbirgt sich hingegen im Verborgenen: Winzige Wespenarten, Gallmücken, Fliegen und Käfer, die im Inneren von Pflanzen leben. Dabei sind diese unscheinbaren Bewohner sehr verbreitet und erstaunlich artenreich.

Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Untersuchung unter Federführung der Universität Göttingen und des ungarischen HUN-REN Centre for Ecological Research, deren Ergebnisse auch für die Schweiz relevant sind. Im Rahmen der Studie wurden über 23’000 Grashalme genauestens vermessen, geöffnet und auf ihren Insektenbesatz hin untersucht. Mit einem bemerkenswerten Ergebnis: Die Forschenden wiesen insgesamt 255 verschiedene Insektenarten in den Halmen nach. Angesichts dieser verborgenen Vielfalt plädieren sie für mehrjährig ungemähte Rückzugsflächen im Grünland, da die meisten dieser spezialisierten Arten auf ungestörte, überjährige Halme angewiesen sind.

Mehrjährige Gräser voller Leben – einjährige Gräser bleiben leer

Das Ergebnis der Auswertung ist eindeutig: Bei den zehn untersuchten mehrjährigen Grasarten stiess das Team auf insgesamt 255 verschiedene Insektenarten, bei den fünf einjährigen Arten hingegen liess sich kein einziger Bewohner nachweisen. Besonders bemerkenswert: Je länger die Halme einer mehrjährigen Grasart sind, desto grösser ist die darin lebende Artenvielfalt. Im Durchschnitt beherbergt jede dieser Grasarten zwölf pflanzenfressende Insektenarten, etwa Halmfliegen und Gallmücken, sowie rund 30 Arten parasitoidischer Wespen, die von diesen Pflanzenfressern leben.

Rund ein Drittel der entdeckten Insekten ernährt sich direkt von der Pflanze. Bei den übrigen handelt es sich grösstenteils um Wespen, die als Parasitoide von den pflanzenfressenden Insekten leben. Ein beachtlicher Anteil von nahezu zwei Dritteln aller gefundenen Arten ist dabei auf Gräser spezialisiert und die Hälfte davon sogar auf eine einzige Grasart. Diese hochgradig angepassten Lebensgemeinschaften sind in ihrer Existenz zwingend auf mehrjährige, ungemähte Halme angewiesen, in denen sie überwintern können.

Hohe Spezialisierung macht Lebensgemeinschaften verletzlich

Die Ergebnisse sind auch für die Schweiz von grosser Bedeutung, denn die untersuchten Gräser sind hierzulande weit verbreitet. Mit dem Knaulgras und der Quecke fanden sich zwei der häufigsten Vertreter im Schweizer Kulturland unter den zehn mehrjährigen Arten. Auch das Land-Reitgras und das Rohrglanzgras sind entlang von Gewässern und in Feuchtgebieten hierzulande häufig anzutreffen. Die Studienergebnisse lassen sich somit direkt auf die hiesigen Gegebenheiten übertragen.

Für die Autoren der Studie ist die Botschaft klar: Die versteckte Vielfalt an Insektenarten in Grashalmen werde in der aktuellen Grünlandbewirtschaftung grösstenteils übersehen, obwohl die meisten dieser Arten auf eine ungestörte Entwicklung der Gräser angewiesen seien. Die untersuchten Lebensgemeinschaften hängen nach ihrer Analyse fundamental davon ab, dass intakte Grashalme in wenig gestörten Habitaten überwintern können. Die Konsequenz daraus sei eindeutig: Teile des Grünlands müssten mehrere Jahre ungemäht bleiben, um stabile Insekten-Populationen mit langfristigen Refugien zu ermöglichen. Die Grünlandbewirtschaftung müsse dieser vernachlässigten Gemeinschaft spezialisierter Grashalm-Bewohner künftig weit mehr Beachtung schenken.

Originalpublikation
Teja Tscharntke, Péter Batáry, Stefan Vidal. The hidden multitrophic diversity of specialized grass-shoot insects – neglected by grassland management. Basic and Applied Ecology (2026). https://doi.org/10.1016/j.baae.2026.01.004 

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