StartNewsForschungSchlauer als gedacht: Raben merken sich, wo Wölfe jagen

Schlauer als gedacht: Raben merken sich, wo Wölfe jagen

Jahrzehntelang dachten Forschende, Raben würden Wölfen einfach folgen, um von deren Rissen zu profitieren. Eine neue Tracking-Studie aus dem Yellowstone-Nationalpark zeigt nun: Die Vögel verfolgen eine viel raffiniertere Strategie. Sie merken sich Gebiete, in denen Wölfe häufig Beute machen und fliegen gezielt dorthin. Teilweise über 150 Kilometer an einem einzigen Tag.

Wenn ein Wolfsrudel seine Beute erlegt, sind oft Raben als Erste zur Stelle. Noch bevor die Beutegreifer Zeit haben zu fressen, warten die Vögel bereits darauf, von den Fleischresten zu profitieren. Die Geschwindigkeit, mit der die Aasfresser an Wolfsrissen eintreffen, ist bemerkenswert – und lange gab es dafür eine einfache Erklärung: Raben müssen den Wölfen folgen.

Eine neue Studie, in der Raben und Wölfe im Yellowstone-Nationalpark über zweieinhalb Jahre hinweg verfolgt wurden, zeigt jedoch, dass die Aasfresser eine weitaus ausgefeiltere Strategie verfolgen: Sie können sich merken, wo Wölfe häufig Beute machen, und kehren aus grosser Entfernung gezielt in diese Gebiete zurück. «Sie können bis zu sechs Stunden ohne Pause direkt zu einem Ort fliegen, an dem Wölfe Beute gemacht haben», sagt Erstautor Matthias Loretto. Die in Science veröffentlichten Ergebnisse deuten darauf hin, dass Raben ihr räumliches Gedächtnis und ihre Navigationsfähigkeiten nutzen, um in der Landschaft verstreute Nahrung zu finden – und den Wölfen nicht ständig folgen müssen, um von deren Beute zu profitieren.

Die Studie wurde vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien und dem Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie (Deutschland) durchgeführt, in Zusammenarbeit mit mehreren internationalen Partnern, darunter das Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum (Deutschland), die School of Environmental and Forest Sciences der University of Washington (USA) sowie der Yellowstone National Park (USA).

Eine verbreitete Annahme auf dem Prüfstand

Die Studie konzentrierte sich auf den Yellowstone-Nationalpark, wo Wölfe Mitte der 1990er Jahre nach 70 Jahren Abwesenheit wieder angesiedelt wurden. Die Wölfe des Nationalparks werden mithilfe von GPS-Halsbändern überwacht, die jedes Jahr etwa einem Viertel der Wolfspopulation angelegt werden. Dan Stahler, Biologe im Yellowstone-Nationalpark, beobachtet die Wölfe seit ihrer Wiederansiedlung. Raben suchen demnach offenbar gezielt die Gesellschaft der Beutegreifer: «Man sieht sie direkt über wandernden Rudeln fliegen oder dicht hinter Wölfen herhüpfen, wenn diese Beute erlegen.» Für Raben ist dies eine lohnende Futterstrategie, denn Wölfe liefern regelmässig Nahrung, die die Aasfresser verwerten können. Lange ging man davon aus, dass die Vögel einfach in der Nähe der Wölfe bleiben – doch diese Annahme wurde nie überprüft.

Um ein vollständiges Bild vom Verhalten der Raben zu erhalten, stattete das Team 69 Raben mit winzigen GPS-Sendern aus. Die Markierung der Vögel gestaltete sich anspruchsvoll: «Raben beobachten die Landschaft so aufmerksam, dass sie nicht so leicht in Fallen tappen», sagt Studienleiter Matthias Loretto. Um die Vögel zu markieren, passten die Forschenden die Fallen sorgfältig an die Umgebung an. Die Fallen mussten sorgfältig an die Umgebung angepasst werden – in der Nähe von Campingplätzen etwa mit Müll und Fast-Food-Resten getarnt, damit die Vögel nicht misstrauisch wurden.

Zusätzlich zur Verfolgung der Raben berücksichtigten die Forschenden auch Bewegungsdaten von 20 mit GPS-Halsbändern versehenen Wölfen aus dem Yellowstone-Nationalpark. Sie beobachteten die Tiere im Winter, wenn Raben am häufigsten mit Wölfen in Kontakt kommen, und zeichneten GPS-Positionen in Intervallen von bis zu 30 Minuten für Raben und bis zu einer Stunde für Wölfe auf. Ausserdem berücksichtigten sie Daten darüber, wo und wann Wölfe Beute erlegten – vor allem Wapitis, Bisons und Maultierhirsche.

Raben merken sich ergiebige Landschaften

Im Verlauf der zweieinhalbjährigen Studie fanden die Forschenden nur einen einzigen eindeutigen Fall, in dem ein Rabe einem Wolf mehr als einen Kilometer weit und über eine Stunde lang folgte. Die Forschenden waren zunächst ratlos: Wenn Raben den Wölfen nicht über lange Strecken folgen, wie schaffen sie es dann, trotzdem so schnell an frischen Rissen aufzutauchen?

Nach einer detaillierten Analyse der Bewegungsdaten wurde das Muster klar. Anstatt Beutegreifern direkt über lange Strecken zu folgen, kehrten die Raben wiederholt in bestimmte Gebiete zurück, in denen Wölfe häufig Beute machen. Einige Individuen legten an einem einzigen Tag bis zu 155 Kilometer zurück und flogen dabei auf sehr geradlinigen Routen zu Gebieten, in denen die Chancen hoch sind, einen Kadaver zu finden – obwohl Zeitpunkt und genauer Ort eines Wolfsrisses im Einzelfall nicht vorhersehbar sind.

Wolfsrisse häufen sich im Studiengebiet in Bereichen mit bestimmten Landschaftsmerkmalen, etwa flachen Talsohlen, in denen Wölfe erfolgreicher jagen. Raben suchten deutlich häufiger Gebiete auf, in denen es in der Vergangenheit viele Wolfsrisse gegeben hatte, als Gebiete, in denen solche Risse selten waren. Das deutet darauf hin, dass sie die von Wölfen geschaffene langfristige «Ressourcenlandschaft» lernen und sich daran erinnern. Bereits bekannt war, dass Raben sich stabile Nahrungsquellen wie Mülldeponien merken können. Neu und überraschend ist jedoch die Erkenntnis, dass sie offenbar auch lernen, in welchen Gebieten Wolfsrisse häufiger vorkommen. Ein einzelner Riss ist unvorhersehbar, doch im Laufe der Zeit erweisen sich bestimmte Teile der Landschaft als deutlich ergiebiger – und Raben scheinen dieses Muster zu ihrem Vorteil zu nutzen.

Neue Einblicke in die Intelligenz von Tieren

Die Autor*innen schliessen nicht aus, dass Raben Wölfe über kurze Strecken verfolgen. «Um Wolfsbeute in der näheren Umgebung zu finden, nutzen Raben wahrscheinlich Hinweise aus nächster Nähe, etwa die Beobachtung des Wolfsverhaltens oder das Lauschen auf Wolfsgeheul», sagt Loretto. Auf grösserer räumlicher Ebene ist das Muster jedoch klar: Zuerst kommt das Gedächtnis, dann die Hinweise. Raben nutzen ihre räumliche Orientierung, um zu entscheiden, wo sie überhaupt suchen – teils über Distanzen von vielen Dutzend oder sogar Hunderten Kilometern. John M. Marzluff von der University of Washington ergänzt: «Unsere Studie zeigt eindeutig, dass Raben flexibel sind, wenn es darum geht, wo sie nach Nahrung suchen. Sie bleiben nicht an ein bestimmtes Wolfsrudel gebunden. Mit ihren scharfen Sinnen und ihrem Gedächtnis für frühere Futterplätze können sie aus vielen Nahrungsquellen in weitem Umkreis wählen. Das verändert unsere Vorstellung davon, wie Aasfresser Nahrung finden – und legt nahe, dass wir einige Arten lange Zeit unterschätzt haben könnten.»

Origianlpublikation:
Loretto, M.-C., Beck, K. B., Smith, D. W., Stahler, D. R., Walker, L., Wikelski, M., Müller, T., Safi, K. und Marzluff, J. M., Ravens anticipate wolf kill sites across broad scales. Science 391,1151-1154(2026). https://doi.org/10.1126/science.adz9467 

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