Der Klimawandel zwingt Tiere zur Anpassung. Eine internationale Meta-Studie analysierte über 200 wissenschaftliche Untersuchungen zu 73 Tierarten und zeigt: Während sich vor allem jahreszeitliche Abläufe (Phänologie) wie Brutzeiten klar verschieben, sind Veränderungen von Körpergrösse oder -gewicht weniger eindeutig. Diese Anpassungen sind entscheidend für den Erhalt stabiler Populationen.
Ein internationales Team aus mehr als 60 Forschungseinrichtungen unter der Leitung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW), der James Cook University sowie des University College Cork hat in der Fachzeitschrift «Nature Communications» die bislang umfassendste Analyse zu diesem Thema vorgelegt. Die Forschenden werteten 213 wissenschaftliche Studien aus, um den Zusammenhang zwischen Klimawandel und Veränderungen in der Phänologie (etwa Beginn der Brut oder Rückkehr in das Sommerquartier), der Morphologie (etwa Körpergrösse, -gewicht oder -form) sowie den Bestandszahlen von insgesamt 73 Wirbeltierarten zu entschlüsseln. Solche Anpassungen können Tieren helfen, mit den Herausforderungen des Klimawandels zurechtzukommen und stabile Populationen aufrechtzuerhalten.
Das Forschungsteam ging über die Analyse einzelner Merkmale wie Überlebens- oder Fortpflanzungsrate hinaus und untersuchte zudem, wie sich der Klimawandel auf die gesamte Populationsgrösse einer Art auswirkt. Der Schwerpunkt der ausgewerteten Studien lag deutlich auf Vögeln (65 %), während Reptilien (23 %) und Säugetiere (10 %) weniger stark vertreten waren. Grundvoraussetzung für die Aufnahme in die Meta-Analyse waren aussagekräftige Langzeitdatenreihen von mindestens 15 bis 25 Jahren, um sowohl Veränderungen in den jahreszeitlichen oder körperlichen Merkmalen als auch in den Bestandszahlen zuverlässig miteinander in Beziehung setzen zu können.
Klarer Effekt: Die Jahreszeiten der Tiere verschieben sich
Die Analyse der phänologischen Daten aus 97 Studien liefert einen eindeutigen Beleg: Temperaturveränderungen beeinflussen jahreszeitliche wiederkehrende Entwicklungsprozesse signifikant. In wärmeren Jahren verschieben sich Brutzeiten oder Wanderungen meist nach vorne, manchmal aber auch nach hinten. Dr. Viktoriia Radchuk vom Leibniz-IZW, Erstautorin der Meta-Studie, erklärt, dass zeitliche Verschiebungen in den jahreszeitlichen Lebensabläufen einer Art entscheidend dazu beitragen können, deren Populationen stabil zu halten oder sogar Wachstum zu ermöglichen. Denn oft handele es sich um adaptive, also funktionierende Bewältigungsmechanismen für den Klimawandel, bei denen sich die Tiere an den verschobenen optimalen Zeitpunkt anpassen.
Trotz der klaren Temperaturabhängigkeit sind die Auswirkungen auf die Tierwelt heterogen. Die Studie dokumentiert auch eine nennenswerte Zahl an Fehlanpassungen. Wie Seniorautor Dr. Tom Reed erläutert, handelt es sich bei den beobachteten Veränderungen vor allem um eine flexible Anpassungsfähigkeit (Plastizität) der Tiere und innerhalb der betrachteten Zeiträume noch nicht um evolutionäre Veränderungen. Phänologische Merkmale lassen sich demnach kurzfristig recht gut verschieben. Besonders empfindlich reagieren dabei Arten, die in den kühleren, polnäheren Regionen leben.
Die Unterschiede darin, wie stark Arten ihre Lebenszyklen verschieben und wie sich ihre Bestände entwickeln, sind enorm. Die Analyse zeigt, dass diese Bandbreite kaum auf artspezifische Eigenschaften wie Generationsdauer oder Migrationsverhalten zurückzuführen ist. Wahrscheinlich spielen die konkreten Bedingungen des jeweiligen Lebensraums eine viel grössere Rolle für den Anpassungserfolg.
Körperbau: Kaum eindeutige Trends erkennbar
Im Gegensatz zur Phänologie konnte die Meta-Studie keine konsistenten Effekte des Klimawandels auf die Morphologie – wie Körpergrösse oder -gewicht – nachweisen. Die Forschenden gehen davon aus, dass sich solche körperlichen Merkmale sehr viel langsamer verändern als jahreszeitliche Verhaltensmuster.
Obwohl der zugrunde liegende Datensatz dieser Meta-Studie sowohl umfangreich als auch langfristig ist, kann er nur einen begrenzten Ausschnitt der äusserst komplexen Auswirkungen des Klimawandels auf die Biodiversität beleuchten. Bedeutende Lücken bestehen weiterhin: So sind Studien zu physiologischen Anpassungen noch immer selten. Auch Arten aus dem Globalen Süden, Tiergruppen ausser Vögeln sowie jahreszeitliche Prozesse ausserhalb des Frühlings sind in der derzeitigen Datenbasis stark unterrepräsentiert.
Trotz der Lücken liefert die Analyse dringend benötigte Informationen, um mechanistische Modelle für die Populationsdynamik unter dem Klimawandel zu erstellen und bessere Vorhersagen zu treffen. Dies sei, so das Fazit des Teams, eine heute wichtiger denn je Aufgabe für den Schutz der biologischen Vielfalt.
Originalpublikation
Radchuk V, Jones CV, McLean N. et al. (2026): Changes in phenology mediate vertebrate population responses to temperature globally. Nature Communications (2026). DOI: 10.1038/s41467-025-68172-8
Radchuk V, Jones CV, McLean N. et al. (2026): Changes in phenology mediate vertebrate population responses to temperature globally. Nature Communications (2026). DOI: 10.1038/s41467-025-68172-8




