StartNewsForschungKlimakrise in der Schweiz: Kosten des Zögerns sind höher als die Investition

Klimakrise in der Schweiz: Kosten des Zögerns sind höher als die Investition

Laut einem vor Kurzem veröffentlichten Bericht der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT) mit dem Titel «Brennpunkt Klima Schweiz» kann die Schweiz durch eine stimmige und zukunftsgerichtete Klimapolitik nicht nur die Risiken des Klimawandels eindämmen, sondern auch die Chancen einer nachhaltigen Entwicklung, sowohl im Inland als auch weltweit, nutzen. Entscheidend ist: Je schneller gehandelt wird, desto grösser sind die Vorteile.

Die Folgen sind bereits heute dramatisch: Die Nullgradgrenze stieg seit 1961 um 300 bis 400 Meter und die Gletscher haben in den Jahren 2022 und 2023 die höchsten jemals gemessenen Schmelzraten erlitten. Gleichzeitig wird der Permafrost immer instabiler, was Bergstürze, Murgänge und Hangrutschungen mit unmittelbaren Risiken für Dörfer, Verkehrswege und Tourismusinfrastrukturen begünstigt. Die Hitzebelastung gilt heute als grösstes klimabedingtes Gesundheitsrisiko der Schweiz: Allein im Sommer 2003 wurden über 1’400 hitzebedingte Todesfälle verzeichnet und 2023 waren es rund 540 Todesfälle. Ohne Klimawandel wären 60% dieser hitzebedingten Todesfälle nicht eingetroffen.

Klimapolitische Massnahmen reichen nicht aus

Trotz der dringenden Lage ist die Schweiz nicht auf Kurs. Die bisher beschlossenen Massnahmen sind ungenügend, um die gesetzlich verankerten Klimaziele der Schweiz zu erreichen, insbesondere in den Sektoren Verkehr und Gebäude. Besonders brisant: Die Schweiz will einen Teil ihres Reduktionsziels (Halbierung der Emissionen bis 2030) über den Zukauf von Emissionsgutschriften aus dem Ausland erreichen. Dies mag kurzfristig kostengünstiger erscheinen, verzögert aber die dringend notwendigen Inlandsmassnahmen und gefährdet das Netto‑Null‑Ziel 2050.

Der Bericht zeigt auch die mangelnde Risikovorsorge des Schweizer Finanzsektors auf: Banken und Versicherungen unterschätzen nach wie vor sowohl die physischen Risiken als auch die Übergangsrisiken einer kohlenstoffarmen Wirtschaft. Dabei könnten die riesigen Kapitalströme des Finanzplatzes Schweiz einen enormen Beitrag zur Finanzierung klimafreundlicher Technologien und Anpassungsmassnahmen leisten – national wie global.

Handlungsmöglichkeiten sind vielfältig

Laut den Forschenden lässt sich der Klimaschutz durch mehrere Massnahmen beschleunigen: eine abgestimmte Kombination aus Regulierung, Förderprogrammen und marktwirtschaftlichen Anreizen (z. B. CO₂‑Bepreisung); der massive Ausbau erneuerbarer Energien sowie die rasche Elektrifizierung von Heizungen und Verkehr; die gezielte Umleitung öffentlicher und privater Gelder in klimafreundliche und widerstandsfähige Infrastrukturen; und der Abbau von Subventionen für fossile Brennstoffe, etwa die Steuerbefreiung von Flugtreibstoffen oder die steuerliche Begünstigung von Firmenwagen. Weitere wirksame Hebel sind die Kreislaufwirtschaft, die Reduktion von Food Waste und die Förderung einer pflanzenbasierten Ernährung – denn rund 80 % der landwirtschaftlichen Emissionen sind auf die Tierhaltung bzw. den Verzehr von tierischen Produkten zurückzuführen.

Zudem bringen viele dieser Klimaschutz- und Anpassungsmassnahmen wichtige Zusatznutzen mit sich: Sie verbessern die Luftqualität, die Gesundheit, die Lebensqualität, die Versorgungssicherheit und die Unabhängigkeit und eröffnen neue wirtschaftliche Perspektiven. Bessere Vorsorge durch klimaangepasste Raumplanung, Schwammstadt‑Konzepte, Aufforstung mit klimaresilienten Baumarten und gezielter Hitzeschutz für vulnerable Bevölkerungsgruppen runden das Massnahmenpaket ab.

Jedes Zehntelgrad zählt

Die Forschenden betonen: Selbst wenn das 1,5 °C‑Limit des Pariser Abkommens vorübergehend überschritten wird, lohnt sich jede weitere Emissionsreduktion. Sie verhindert das Überschreiten gefährlicher Kipppunkte (etwa das Absterben des Amazonas‑Regenwalds oder das Abschmelzen des grönländischen Eisschilds) und verringert die teils irreversiblen Schäden für Mensch und Natur. Je länger die Schweiz zögert, desto teurer und schwieriger wird die Anpassung und desto grösser die Gefahr, dass mancherorts Schutzmassnahmen technisch oder finanziell nicht mehr realisierbar sind.

Die volkswirtschaftlichen Schäden sind längst spürbar. Allein die verminderte Arbeitsproduktivität durch Hitze kostet die Schweiz heute schätzungsweise rund 665 Millionen Franken pro Jahr. Laut einer Studie, auf die sich die langfristige Klimastrategie des Bundes stützt, könnte ein ungebremster Klimawandel die Schweiz bereits 2050 gesamtwirtschaftlich über 38 Milliarden Franken pro Jahr kosten (also über 4 % des BIP). Die Versicherungswirtschaft erwartet weiter steigende Schäden durch Extremwetter, und die öffentlichen Haushalte werden durch den notwendigen Ausbau von Schutzbauten und den Unterhalt der Infrastruktur stark belastet.

Zeit zum Handeln ist jetzt

Der Bericht macht unmissverständlich klar: Die Schweiz ist nicht nur überdurchschnittlich stark vom Klimawandel betroffen, sondern trägt als reiches Land mit hohen Pro‑Kopf‑Emissionen (inklusive der importierten Emissionen) auch eine überdurchschnittliche Verantwortung. Die wissenschaftlichen Fakten liegen auf dem Tisch – nun sind Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gefordert, endlich konsequent zu handeln.

Der vollständige Bericht «Brennpunkt Klima Schweiz» (Swiss Academies Reports, Vol. 21, Nr. 2, 2026) sowie eine Kurzfassung für Entscheidungstragenden stehen interaktiv zur Verfügung unter: brennpunkt-klima.ch.

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