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Corona und Naturschutz – kein Zusammenhang?

Der UN-Biodiversitätsrat warnt davor, dass Pandemien zunehmen werden, sollten Natur und Artenvielfalt nicht besser geschützt werden. Damit Massnahmen zum Schutz der biologischen Vielfalt jedoch eine präventive Wirkung gegen künftige Pandemien entfalten, müssen sie regionale Besonderheiten ebenso berücksichtigen wie das lokale Wissen und die Bedürfnisse der Menschen.

Die grosse Mehrheit der neu auftretenden Infektionskrankheiten haben ihren Ursprung im Kontakt von Menschen mit wildlebenden Tierarten sowie in der immer stärkeren Nutzung natürlicher Ressourcen. Viehzucht, Acker- und Bergbau vernichten weltweit ursprüngliche Natur, Savannen und Wälder. Durch das Vordringen in unberührte Lebensräume kommen Menschen und ihre Nutztiere immer öfter mit natürlich vorkommenden Krankheitserregern in Kontakt. Die Übertragung dieser Erreger von Tieren auf Menschen, sogenannte Zoonosen, und der Ausbruch von Pandemien wie COVID-19 werden dadurch wahrscheinlicher. Der legale wie auch illegale Wildtierhandel beschleunigt diese Dynamik. In ihrem jüngsten Bericht warnen die Wissenschaftler*innen des IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) deshalb eindringlich vor einem Fortschreiten der Umweltzerstörung als Ursache von Zoonosen. Um das Risiko künftiger Pandemien zu verringern, fordern sie strengere Massnahmen zum Erhalt der biologischen Vielfalt und den Schutz von Wildtieren, berichtet der Informationsdienst Wissenschaft (idw) in einer Pressemitteilung.

Beziehungen zwischen Natur und Gesellschaft besser verstehen

«Weltweit gültige Schutzvorschriften zum Erhalt der Biodiversität sind wichtiger als je zuvor, aber sie lösen nicht automatisch das Problem der zunehmenden Wildtier-Kontakte und Zoonosen», sagt Biodiversitätsexperte Florian Dirk Schneider, Erstautor der Publikation. Um wirksame und vor allem gerechte Massnahmen für Biodiversitätsschutz als Prävention von Zoonosen zu entwickeln, müsse das Augenmerk auf die spezifischen regionalen und lokalen Bedingungen gelenkt werden. Denn Art und Ausmass, wie Menschen die Natur nutzen, können regional sehr verschieden und auch unterschiedlich motiviert sein. «Gesellschaftliche und ökologische Bedingungen beeinflussen Bedürfnisse und Lebensstile, die wiederum weitreichende Auswirkungen auf die Nutzungsintensität von natürlichen Ressourcen haben können», sagt Schneider. So könne der Hinzugewinn von landwirtschaftlichen Flächen oder die Wilderei von ökonomischen Zwängen und Anreizen getrieben werden und für Menschen vor Ort bisweilen alternativlos erscheinen. Ähnliches gelte für die Marktbedingungen der Viehhaltung in Industrieländern, die kaum Spielraum für Gesundheitsüberlegungen zuliessen. Schneider betont: «Wir müssen diese Beziehungen und Nutzungsdynamiken zwischen der Gesellschaft und der Natur besser verstehen.»

Pauschale Vorschriften zum Biodiversitätsschutz sind nicht ausreichend

Anstatt rigide von oben pauschale Vorschriften zu verordnen, empfehlen die Autor*innen, bestehende Nutzungen und Praktiken genauer zu verstehen und in Entscheidungen für Massnahmen zum Biodiversitätsschutz einzubeziehen. «Es ist zwingend notwendig, dass die verschiedenen Werte, Traditionen und sozialen Normen, die den gesellschaftlichen Umgang mit der Natur in unterschiedlichen Gemeinschaften in Regionen der südlichen wie der nördlichen Hemisphäre, in städtischen wie in ländlichen Lebensräumen prägen, verstanden und in gemeinsame Lösungen zum Erhalt der Artenvielfalt einbezogen werden», betont auch Marion Mehring, Mitautorin und Leiterin des Forschungsschwerpunkts Biodiversität und Bevölkerung am ISOE. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass getroffene Massnahmen die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung nicht adäquat widerspiegeln und somit entweder nicht akzeptiert werden oder an den Bedürfnissen vorbeigehen.

Komplexe Dynamik von Naturnutzung, Artenvielfalt und Zoonosen

Um Artenschutz gleichzeitig als wirksame Prävention gegen künftige Zoonosen zu entwickeln, seien gerade das vielfältige, lokale Wissen der Bevölkerung ebenso wie Institutionen und angewandte Technologien vor Ort unerlässlich, schreiben Autor*innen. «Die Anstrengungen zum Erhalt der Biodiversität müssen mehr denn je interdisziplinär gestärkt werden», betont Mehring. «Wir können die Dynamik im Zusammenspiel von Naturnutzung, Artenvielfalt und der Entstehung zoonotischer Krankheiten nur aufbrechen, wenn wir die vielfältigen sozial-ökologischen Wechselwirkungen und Abhängigkeiten verstehen, die dieser Dynamik zugrunde liegt. Dafür greift eine rein naturwissenschaftliche Sicht zu kurz.» In ihrer Publikation beschreiben die Autor*innen daher einen integrierten sozial-ökologischen Forschungsansatz, der explizit die Beziehung und Wechselwirkungen von Biodiversität und Gesellschaft adressiert, für die Analyse und nachhaltige Ausrichtung von lokalen Nutzungsdynamiken von Biodiversität als Prävention gegen Zoonosen. «Wenn wir die sozial-ökologischen Gestaltungsprinzipien bei der Entwicklung von Massnahmen zum Erhalt der Biodiversität konsequent berücksichtigen, können wir im gleichen Zug das Risiko künftiger Pandemien reduzieren», sagt Mehring.

Weitere Informationen finden Sie in der Studie.

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