Die Gletscher der Alpen blicken in eine beispiellos unsichere Zukunft: Eine aktuelle, international angelegte Studie unter der Leitung der ETH Zürich berechnet erstmals, wie schnell Gletscher weltweit verschwinden werden und wie massiv insbesondere die Alpen betroffen sind. Die Forschung liefert detaillierte Zeitreihen für jeden einzelnen Gletscher und zeigt, unter welchen Klimaerwärmungs-Szenarien welche Verluste zu erwarten sind.
Die Forschenden nutzten ein Ensemble mehrerer globaler Gletschermodelle, die auf physikalischen Prozessen basieren und für 215’543 Gletscher weltweit dessen Entwicklung bis 2100 unter verschiedenen Erwärmungsszenarien berechnen. Die untersuchten Modelle zeigen, dass Regionen mit vielen kleinen Gletschern, wie die Alpen, der Kaukasus, die Rocky Mountains und äquatornahe Gebirge, besonders verwundbar sind. Schon in den kommenden zehn bis zwanzig Jahren könnten dort mehr als die Hälfte aller Gletscher verschwinden. Weltweit könnte je nach Ausmass der globalen Erwärmung bei einem Temperaturanstieg von +1,5 °C etwa 100’000 Gletscher erhalten bleiben, während bei einem stärkeren Anstieg um +4 °C nur noch rund 18’000 Gletscher übrig wären.
Wie viele Gletscher bleiben bis 2100 in den Alpen?
Die Ergebnisse hängen stark davon ab, wie stark sich die Erde erwärmt:
- Bei einer globalen Erwärmung von +1,5 °C würden bis 2100 rund 12 Prozent der heutigen alpinen Gletscher übrig bleiben, also etwa 430 von etwa 3’000.
- Bei +2 °C wären es noch rund 270 Gletscher (ca. 8 Prozent).
- Bei einem extremen Erwärmungsszenario von +4 °C blieben kaum mehr als 20 Gletscher, also etwa 1 Prozent der heutigen Zahl.
Selbst bedeutende Gletscher wie der Rhonegletscher würden in solchen Szenarien zu kleinen Eisspendern schrumpfen oder ganz verschwinden, und der Aletschgletscher könnte in mehrere kleinere Eisfelder zerfallen. Die Studie verdeutlicht zudem, dass in keiner Region die Anzahl der Gletscher stabil bleibt oder zunimmt. Selbst im Karakorum in Zentralasien, wo einige Gletscher nach dem Jahrtausendwechsel zeitweise gewachsen sind, wird laut Prognosen erwartet, dass sie letztlich verschwinden werden.
Zum Vergleich: Bei einer Erwärmung um 1,5 °C würden in den Rocky Mountains (Nordamerika) noch 25 Prozent der Gletscher erhalten bleiben, während in den Anden und in Zentralasien jeweils 43 Prozent der Gletscher übrig blieben. Bei einer Erwärmung um 4 °C würden in den Rocky Mountains nur noch etwa 1 Prozent der Gletscher überdauern. Zentralasien und die Anden würden mit 4 beziehungsweise 6 Prozent etwas besser abschneiden.

Die Kreisdiagramme in der Mitte zeigen die Anzahl der Gletscher, die voraussichtlich in den einzelnen Regionen der Welt verschwinden werden. Der Farbverlauf im Uhrzeigersinn gibt an, wann dieser Verlust eintreten wird: Rottöne stehen für einen früheren Verlust, Gelbtöne für einen späteren Verlust. Die gestrichelten Linien geben die Jahre 2050 und 2075 an. Auf der Weltkarte sind in dunkelblau die Standorte der Gletscher zum Zeitpunkt der Bestandsaufnahme dargestellt. Die Histogramme um die Weltkarte herum vergleichen die Anzahl und Grösse der Gletscher im Jahr 2025 (in grau) mit den Prognosen für das Jahr 2100 unter den vier globalen Erwärmungsstufen (farbige Balken). (Grafik: Van Tricht et al., 2025)
«Peak Glacier Extinction»: Ein neuer Begriff des Gletschersterbens
Die Studie führt den Begriff «Peak Glacier Extinction» ein. Der Begriff bezeichnet einen Zeitpunkt, an dem die jährliche Anzahl verschwundener Gletscher ihren Höhepunkt erreicht, also am grössten ist. Danach nimmt die Zahl ab, weil die meisten kleinen Gletscher bereits verloren gegangen sind.
Unter dem 1,5-Grad-Szenario könnte dieser Höhepunkt schon um 2041 erreicht sein, mit bis zu ca. 2’000 verschwundenen Gletschern pro Jahr. Bei einem Erwärmungspfad von +4 °C verschiebt sich dieser Höhepunkt auf etwa 2055, steigt aber auf bis zu 4’000 Gletscher pro Jahr. Paradox, aber der Höhepunkt des Gletscherschwunds verschiebt sich bei stärkerer Erwärmung nach hinten. Der Grund dafür liegt darin, dass bei höheren Temperaturen nicht nur die kleinen Gletscher vollständig abschmelzen, sondern auch die grossen Gletscher ganz verschwinden. Dass der neue Ansatz dieses vollständige Verschwinden grosser Gletscher mitberücksichtigt, ist ein wesentlicher Vorteil.
Folgen für Tourismus, Wasser und Kultur
Der vollständige Verlust von Gletschern wirkt sich weit über reine Naturdaten hinaus aus: Für Tourismus, regionale Wasserverfügbarkeit, Kultur und Ökosysteme sind diese Veränderungen massiv. Kleine Gletscher tragen zwar wenig zum globalen Meeresspiegel-Anstieg bei, ihr Verschwinden kann aber Täler und lokale Lebenswelten grundlegend verändern.
Die vorliegende Studie der ETH Zürich liefert nicht nur zeitliche und räumliche Prognosen zum Gletscherschwund, sondern kann auch Politik, Gemeinden, Tourismus und Naturgefahrenmanagement dabei unterstützen, sich auf eine Zukunft mit weniger Eis und Wasser vorzubereiten.
Van Tricht, L., Zekollari, H., Huss, M., Rounce, D. R., Schuster, L., Aguayo, R., Schmitt, P., Maussion, F., Tober, B., Farinotti, D. Peak glacier extinction in the mid-twenty-first century. Nature Climate Change. (2025).
DOI: https://doi.org/10.1038/s41558-025-02513-9




