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Wie zwei Aargauer Gemeinden die Natur fördern

In den Gemeinden Meisterschwanden und Würenlingen setzen sich aktive Bürgerinnen und Bürger für die Natur ein und nutzen Gelegenheiten für kleine, ökologische Aufwertungen. So schaffen sie wichtige Trittsteine und Grünkorridore durch den Siedlungsraum.

Text von Sebastian Meyer, Abteilung Landschaft und Gewässer Kanton Aargau, Artikel aus «Umwelt Aargau – Januar 2020 Nr. 82»

Die nachfolgenden Beispiele sollen weitere Gemeinden sowie Gartenbesitzerinnen und -besitzer zum eigenen Handeln anregen. Die SRG-Kampagne «Mission B – jeder Quadratmeter zählt» bietet eine Plattform, die eigenen ökologischen Aufwertungen einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Meisterschwanden: wildbienenfreundliches Gemeindezentrum

Auf Initiative von Katharina und Marianne Küffner wurde das begrünte Flachdach des vor wenigen Jahren neu erstellten Gemeindezentrums von Meisterschwanden ökologisch aufgewertet. Der Gemeinderat hatte die Idee unterstützt, die rund 1’740 Quadratmeter grosse Fläche auf dem Dach des Gemeindezentrums ökologisch aufzuwerten und sich mit dieser Fläche an der SRF-Kampagne «Mission B – jeder Quadratmeter zählt» zu beteiligen.

Meisterschwanden
Vor der ökologischen Aufwertung sah die Dachbegrünung des Gemeindezentrums Meisterschwanden so aus. (© Sebastian Meyer)

Diese Dachfläche ist sehr gut geeignet, die Biodiversität zu fördern und unterschiedliche Kleinlebensräume zu schaffen. Weitgehend ungestörte Grünflächen sind wichtige Rückzugsräume für störungsempfindliche Tierarten. Naturnah begrünte Flachdächer sind in der Regel störungsarm und zudem willkommene Ersatz- und Speziallebensräume für teils seltene Tier- und Pflanzenarten. Wildbienen, Schmetterlinge und zahlreiche weitere Insektenarten finden hier bei geeigneter Bepflanzung und Strukturierung ausreichend Nektar sowie Brutplätze und Unterschlupfmöglichkeiten. Dabei hängt die Entwicklung der Artenvielfalt sehr stark davon ab, wie die Lebensräume gestaltet sind, die den Pflanzen und Tieren auf dem Dach angeboten werden. Auf dem Dach des Gemeindezentrums Meisterschwanden wurden die bestehenden Wildstaudenrabatten mit wildbienenfreundlichen Nektarpflanzen und einzelnen Kleinsträuchern wie Strauchwicke oder Berberitze ergänzt.

Wildstauden
Die verschiedenen neugepflanzten Wildstauden bieten den Wildbienen Nektar. (© Sebastian Meyer)

Es wurden zwei Sandhaufen für erdnistende Wildbienen gebaut und mehrere Totholzstrukturen eingerichtet – hierfür wurden dicke Äste eines Birnbaums aus Tennwil verwendet, die vermutlich altershalber abgebrochen waren. Zudem wurde auf insgesamt etwa einem Viertel der Gründachfläche zusätzlich zum vorhandenen Ziegelschrot eine dünne Schicht Blähschiefer aufgebracht, um stellenweise trockene, magere Standorte zu schaffen. So wird  die Vegetation noch vielfältiger. Vor der Aufwertung dominierten Moos und verschiedene Mauerpfeffer-Arten das Gründach. Mit der neuen Substratwahl und den unterschiedlichen Substrathöhen werden auch spezialisierte Arten von Felsensteppen und Trockenwiesen wie die Karthäusernelke gefördert.

Der Gemeinderat plant, die Biodiversität in der Gemeinde Meisterschwanden mit weiteren Projekten zu fördern und regt die Bevölkerung zu weiteren Aufwertungen zu Gunsten der Natur an.

Sandhaufen
In solchen Sandhaufen können erdnistende Wildbienen ihre Brutgänge graben. (© Sebastian Meyer)
Blähschiefer
Mit Blähschiefer wurden Teilflächen des Gründachs trockener und magerer gestaltet, damit konkurrenzschwache Wildpflanzen gedeihen können. Die Baumstämme sind gleichzeitig Nisthilfen für Wildbienen und Gestaltungselement. (© zVg)

Würenlingen: vom Rasen zur Blumenwiese – und noch mehr

In Würenlingen wird die Natur auf vielfältige Art und Weise gefördert. Nachfolgend vier beispielhafte Projekte aus jüngster Zeit.

An der Breitenstrasse wurde im letzten Frühling eine Grünfläche, die bisher als Rasen recht häufig gemäht und kurzgehalten wurde, umgebrochen und als extensive Blumenwiese neu angesät. Neu wird die Fläche weniger oft gemäht, darf höher wachsen, und das Schnittgut wird abgeführt, um einen unnötigen Nährstoffeintrag zu verhindern. Solche blütenreiche, magere Wiesen bieten bei angepasster Pflege Lebensraum für viele Lebewesen: Igel, Eidechsen, Blindschleichen, Heuschrecken, Grillen, Wildbienen, Schmetterlinge, Wiesenblumen und vieles mehr.

Grünfläche
Diese Grünfläche in Würenlingen wurde bis anhin häufig gemäht und kurz gehalten. Dann wurde der Boden umgebrochen und eine Blumenwiese angesät: Aus einem langweiligen Rasen wurde eine vielfältige Wiese. (© Anna Käthi Fitze)

Im Gebiet Guggich und im Rebberg Boll sind vom Natur- und Vogelschutzverein Würenlingen und der Gemeinde zwei Trockensteinmauern gebaut worden. Diejenige im Gebiet Boll steht in gut besonnten Rebbergen, jene im Gebiet Guggich am Rand von biologisch bewirtschafteten Landwirtschaftsflächen an einer hecken- und baumreichen Stelle. Beide Trockensteinmauern sind jeweils rund 20 Meter lang. Da sie an exponierten, gut besonnten Stellen stehen, werden sie von Eidechsen bewohnt, die in den Mauerritzen Verstecke und Nahrung in Form von kleinen Insekten finden. Aber auch verschiedene Vögel profitieren vom Nahrungsangebot rund um die Trockensteinmauern. Speziell für den sehr seltenen Wiedehopf wurden in beiden Trockenmauern Nistkästen eingebaut – noch sind sie zwar unbesetzt. Eine Besiedlung scheint aber möglich, weil der Wiedehopf vielerorts in gut besonnten Rebbergen brütet und Mauerlöcher ebenso wie ausgediente Spechthöhlen in alten Bäumen als Nistplatz nutzt.

Trockensteinmauer
In diese Trockensteinmauer hat der Natur- und Vogelschutzverein Würenlingen einen Nistkasten für den Wiedehopf integriert. (© Anna Käthi Fitze)

2018 baute der Natur- und Vogelschutzverein Würenlingen anlässlich des Umwelttages in Zusammenarbeit mit der Umweltschutzkommission der Gemeinde mit Oberstufenschülerinnen und -schülern sogenannte Wieselburgen als Unterschlupf für Hermeline (im Volksmund „Wiesel“ genannt). Hermeline sind sehr effektive Mäusejäger und helfen, die Mäusebestände unter Kontrolle zu halten. Jeder Landwirt sollte Freude an Hermelinen haben. In der Wieselburg können sich die Hermeline vor Raubfeinden wie Greifvögeln, Füchsen und Katzen verstecken. Zuerst wurde ein rechteckiges Fundament auf dem Boden ausgelegt. Als zweites wurde der Boden mit Laub gepolstert. Dann wurden zuerst kleine Äste aufgeschichtet. Dies soll Füchsen und Katzen den Zugang erschweren, da sie nicht durch die kleinen Öffnungen passen. Die kleinen Äste wurden mit grösseren Ästen belegt und zuletzt wurde alles mit belaubten Ästen abgedeckt.

Wieselburgen
Die Oberstufe Würenlingen half beim Bau von «Wiselburgen» mit. Wiesel sind ausgezeichnete Mäusejäger. (© Anna Käthi Fitze)

An der westlichen Dorfausfahrt wurde nicht nur Wohnraum für Menschen, sondern auch für Wildbienen und andere Insekten gebaut. Das Bauamt hat im Auftrag der kommunalen Umweltschutzkommission ein grosses, stabiles Insektenhotel mit verschiedenen Holzstücken, Backsteinen, Tannzapfen, Bambusröhrchen und weiteren Materialien gebaut (siehe Titelbild). Hier finden beispielsweise Wildbienen, Hornissen oder Ohrwürmer sowie kleine Spinnen Wohnraum. Für die Bestäubung von Pflanzen – darunter viele Nutzpflanzen – dienen nämlich nicht nur Honigbienen, sondern auch Wildbienen, Wespen, Hornissen und viele weitere Insektenarten. Das Insektenhotel ist übrigens, wie es sich für ein Hotel gehört, mit einer Hausordnung ausgestattet – diese entlockt der Leserin und dem Leser ein Schmunzeln. Die Hausordnung enthält Hinweise zu Essenszeiten, Nachtruhe und was im Brandfall zu tun ist. Direkt neben dem Insektenhotel liegen eine Extensivwiese, der revitalisierte Dorfbach und ein Regenwasserrückhaltebecken. In der Extensivwiese und in den Uferwiesen entlang des Dorfbachs finden die Hotelgäste reichlich Nahrung und begegnen weiteren Lebewesen wie Libellen, Käfern, Schmetterlingen und mit etwas Glück einem hier ansässige Biber.

Fazit aus Sicht des Kantons

Diese guten Beispiele zeigen, dass mit wenig Aufwand, guter Zusammenarbeit und interessierten Natur-Aktiven viel Gutes für die Natur im und ums Dorf gemacht werden kann. Damit wird die Gemeinde positiv wahrgenommen, das Zusammenleben im Dorf gestärkt und die Lebensqualität gesteigert. In diesem Sinne freut sich die Abteilung Landschaft und Gewässer auf viele weitere Artenförderungs- und Aufwertungsprojekte in Aargauer Gemeinden.

Unterstützung durch Kanton und Naturama

  • Für ökologisch wertvolle Aufwertungen innerhalb und ausserhalb des Siedlungsraums kann die Abteilung Landschaft und Gewässer Unterstützung leisten, unter anderem durch finanzielle Beiträge. Weitere Informationen zum Beitragswesen finden Sie unter www.ag.ch.
  • Beratungen zu Massnahmen zugunsten der Natur im Siedlungsraum bietet das Naturama im Auftrag der Abteilung Landschaft und Gewässer an. Weitere Informationen finden Sie unter www.naturama.ch.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Urs Weiss, Gemeinde Meisterschwanden, und Anna Käthi Fitze, Umweltschutzkommission der Gemeinde Würenlingen.

2 Kommentare

  1. Es freut einen zu lesen, dass in den Gemeinden etwas geht. Leider werden offensichtlich nicht immer Fachleute beigezogen. Das merkt man hier beim „Wildbienenhotel“(ärgerlich übrigens, dass der Begriff immer noch die Runde macht, es ist kein Hotel, sondern ein Nistplatz). Zum einen, womit es ausgestattet ist (wozu diese vielen Backziegel?Wozu Tannenzapfen?), zum andern, welche Gäste erwartet werden – z.B. Hornissen. Das Bauamt hätte sich kundig machen können in diversen guten Internetseiten von Experten, z.B. Paul Westrich oder Wildbee. Denn nur wenn die Angebote dann auch funktionieren, machen sie Freude. Gut, gibt es wenigstens eine Hausordnung, denn wenn da auch Spinnen wohnen sollen, müssen sich die Wildbienen in Acht nehmen, nicht gefressen zu werden!

  2. Schön, dass es vorwärts geht! In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf die „Klimaoase“ hinweisen – ebenfalls im Kanton Aargau -, ein Pilotprojekt, dass durch Pflanzung von Jungbäumen an besonders heissen bzw. exponierten Stellen langfristig der Klimaerwärmung entgegenwirken will. Das Ganze dauert bis Ende 2021, und bereits haben sich diverse Gemeinden angeschlossen. Die erste „Klimaoase“ wurde übrigens im April 2019 in Aarau geschaffen.

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