Das Thema Wolf sorgt in der Schweiz immer wieder für Kontroversen und Diskussionen. Meist stehen dabei die Nutztierrisse im Vordergrund. Dabei zeigt das Beispiel des amerikanischen Yellowstone Nationalparks eindrücklich, wie der Wolf seine Umwelt positiv verändern kann. In seinem neuen Kurzfilm zeigt der Filmemacher Rolf Hösli, welchen Nutzen der Wolf im Naturkreislauf hat und welche Vorteile er auch in der Schweiz für die Biodiversität haben kann.
Seit gut einem Jahrzehnt ist der Wolf zurück in der Schweiz und spaltet mit seiner Anwesenheit die Gesellschaft. Es wird über Schaden an Nutztieren diskutiert und über sein Existenzrecht. Aber was für einen Nutzen hat der Wolf im Kreislauf der Natur? Was ist dort seine Aufgabe? Was hat dieses einheimische Wildtier mit Biodiversität zu tun? Diesen Fragen geht Rolf Hösli in seinem Kurzfilm «Wolf und Biodiversität» nach. Den 30-minütigen Film gibt es kostenlos via YouTube zu sehen. Unter anderem wird anhand des Yellowstone Nationalparks aufgezeigt, welche Chance der Wolf dem Schweizer Wald bieten kann.
Yellowstone als Paradebeispiel
Der Naturfotograf und Autor Peter Dettling berichtet über seine Erfahrungen im Yellowstone Nationalpark in Nordamerika. Dort hat die Rückkehr des Wolfes das gesamte Ökosystem verändert. Der seit 1926 ausgerottete Wolf wurde 1995 und 1996 mit insgesamt 31 Tieren wieder angesiedelt.
Als Dettling den Park kurz vor der Wiederansiedlung des Wolfes besucht, fallen ihm die riesigen Herden von Wapitihirschen auf. Sie hatten sich in Abwesenheit des Wolfes explosionsartig vermehrt, doch die Population ist nicht stabil. Die zu hohe Wilddichte führt zu enormen Populationsschwankungen durch Massensterben nach strengen Wintern oder Dürreperioden. Entgegen der Befürchtung, dass der Wolf den Wapitihirsch komplett ausrotten könnte, hat er sich als stabilisierende Kraft erwiesen. Durch die Jagd auf schwache und kranke Tiere trugen sie dazu bei, dass die Herden widerstandsfähiger und stabiler wurden. Die eigentliche, fast magische Wirkung des Wolfes auf das Ökosystem zeigt sich aber in der indirekten Verhaltensänderung der Hirsche.
Wölfe helfen dem Wald
Durch die Rückkehr eines natürlichen Feindes mussten die Hirsche ihr Raumnutzungsverhalten ändern, sie ästen nicht mehr über längere Zeit am selben Ort. Dadurch konnten vermehrt Jungbäume und Sträucher, die zuvor durch den Verbiss unterdrückt wurden, wieder aufkommen. Dies förderte vor allem die selteneren Arten wie Weiden, Pappeln und Espen. Dadurch kehrten auch andere Arten wie der Biber zurück, der auf diese Bäume angewiesen ist und mit seiner Rückkehr ganze Flusssysteme veränderte. Auch Grizzlybären wurden wieder häufiger; die für sie wichtigen Beeren konnten in Abwesenheit der Hirsche wieder wachsen. Das ganze Gebiet wurde weniger anfällig für Erosion, Erdrutsche und Überschwemmungen.
Dettling kehrt zehn Jahre nach seinem ersten Besuch wieder in den Yellowstone zurück. Anstatt riesiger Hirschgruppen sieht er nun Sträucher, die die zuvor kargen Ebenen durchziehen. Inzwischen hat sich die Wolfspopulation im Yellowstone Nationalpark bei 100 bis 130 Tieren eingependelt. Sie werden heutzutage teilweise als «Super-Ökologen» bezeichnet und ihre Rückkehr mit einem Stein verglichen, der eine Lawine positiver Veränderungen ausgelöst hat.
Übertragbar auf die Schweiz?
Eine ähnliche Situation ist auch in der Schweiz denkbar: Wegen der hohen Wilddichte haben Jungbäume kaum eine Chance zu wachsen. Gerade seltene Arten wie die Weisstanne leiden massiv darunter. Experimente zeigen, dass durch Ausschliessen des Schalenwilds (Reh, Gämse und Hirsch) mehr als doppelt so viele Baumarten aufkommen. Ganz ohne Wild kommt die Weisstanne — die sich sonst kaum noch verbreiten kann — sogar zu stark auf. Dies unterstreicht die Bedeutung des ökologischen Gleichgewichts, zu dem auch der Wolf gehört. Das Calanda-Rudel, das sich 2012 als erstes Rudel in der Schweiz wieder angesiedelt hat, zeigt dies eindrücklich: In der Region gibt es heute wieder deutlich mehr junge Weisstannen (mehr dazu).
Der Wolfsbestand wird massgeblich durch die Anzahl Beutetiere gesteuert, die in der Schweiz unnatürlich hoch ist. In Graubünden, beispielsweise, ist die Wilddichte dreimal so hoch wie im Yellowstone Nationalpark. Mit der Rückkehr des Wolfes wird sich auch hier ein neues Gleichgewicht einstellen, das dem Wald wieder natürliche Verjüngungsmöglichkeiten geben kann. Durch die Regulierung des Schalenwildes trägt der Wolf zur Erhaltung gesunder Schutzwälder bei.
Der Film von Rolf Hösli beleuchtet die Rolle des Wolfs im natürlichen Kreislauf und zeigt, wo gerade für den Schweizer Wald auch Chancen in der Rückkehr des Beutegreifers liegen. Alle Hinweise, die seit der Rückkehr des Wolfes in die Schweiz vorliegen, weisen in eine ähnliche Richtung, wie sie bereits für den Luchs bestätigt wurden: Sie helfen bei der Verjüngung des Waldes und tragen zu einem stabilen und robusten Ökosystem bei.
Weitere Informationen zum Filmemacher:
www.rolfhoesli.com





Guten Tag allerseits
Ich bin begeistert von diesem spannenden Film. Gott sei Dank gibt es solche Menschen, die ans Tageslicht bringen, was von vielen Menschen ignoriert wird. Die Jagd auf Wölfe ist für mich keine Lösung. Jedoch die Jäger sind uneinsichtig, da sie ihre Aufgabe schändlich missbrauchen. Einige Menschen haben immer noch die Ansicht, dass sie die Krone der Schöpfung sind. Ich hoffe, dass dieser Film von vielen Menschen gesehen werden kann. Habe mir etliche Kopien von diesem Beitrag gemacht und werde in meinem Umfeld diese verteilen. Dies ein kleiner Beitrag meinerseits. Bedanke mich bei allen Beteiligten die eine solche Aufklärung möglich machen.
Guten Tag,
ich denke, die Idee, dass man die Auswirkungen vom Wolf im Yellowstone Nationalpark auf die Schweiz übertragen kann ist irreführend. Der entscheidende Unterschied ist, dass es im Yellowstone Nationalpark auch Bisons gibt. Diese werden vom Wolf kaum bejagt (da zu wehrhaft) und haben dank verringerter Nahrungskonkurrenz durch den Hirsch deutlich zugenommen. Insgesamt hat die Pflanzenfresser-Biomasse im Yellowstone aufgrund vom Wolf daher kaum abgenommen. Da Bison (wie auch der Wiesent) gerne auch bereits sehr grosse Bäume schälen hat darum im Yellowstone auch der Wald nicht massiv zugenommen, sondern ausschliesslich die Weichholz-Auen-Arten wie Pappeln und Weiden die vom Hirsch selektiv verbissen werden.
Der Effekt von Fleischfressern ist auch in anderen Ökosystemen dieser: es profitieren die grösseren Pflanzenfresser, zuletzt Elefanten. Sie führen NICHT zu einer Reduktion der Pflanzenfresser-Biomasse und führen daher auch nicht zu einer Verwaldung. Eher im Gegenteil: grössere Pflanzenfresser zerstören auch grössere Bäume.
In der Schweiz existiert jedoch nur noch ein Rumpf-Ökosystem, denn in Europa wurden die drei Elefantenarten vor langer Zeit ausgerottet. Zudem ist auch der Wiesent vor gut 1000 Jahren aus der Schweiz verschwunden. Somit ist aus meiner Sicht völlig unklar, ob und welche Arten vom Wolf profitieren werden. Zudem wird der Hirsch an den meisten Orten viel stärker vom Mensch reguliert als vom Wolf. Insgesamt dürfte der Wolf zu einem schnelleren Nutzungs-Wandel und somit zu einer früheren Verwaldung führen. Das gilt insbesondere für schlecht bewirtschaft-bare Flächen, die daher auch noch nie gedüngt wurden. Gewinner wären Bäume, insbesondere Weistannen. Potenzielle Verlierer viele Pflanzen vom Offenland, Bienen, Schwebfliegen, evtl. Mistkäfer, Tagfalter. Das Argument, der Wolf sei positiv für die Biodiversität sollte meiner Meinung nach zumindest hinterfragt werden.
Freundliche Grüsse,
Christian Ledergerber
Quellen:
Bison im Yellowstone:
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2352249620300021
Grundsätzliches Verständis unseres Ökosystems:
https://www.youtube.com/watch?v=pqHSLwDAiRs