StartHintergrundDer Igel: Stachelig, schlau und überraschend kurios

Der Igel: Stachelig, schlau und überraschend kurios

Der Igel wurde zum Tier des Jahres 2026 gekürt (wir berichteten) und das aus gutem Grund. Die kleinen Stacheltiere faszinieren uns mit Eigenheiten, kuriosen Tricks und erstaunlichen Fähigkeiten. Wir haben spannende, überraschende und teils lustige Fakten über den Igel zusammengestellt, die zeigen, wie besonders diese Tiere wirklich sind.

Der Igel – ein echter Durchgänger mit Stacheln

Überall, wo unsere Faust durchpasst, passt auch ein Igel durch. Eine Faustregel im wortwörtlichen Sinn. Das macht ihn zu einem wahren Durchgänger zwischen Gärten, Hecken und Hinterhöfen. Was für uns ein grosser Spalt zwischen zwei Brettern ist, wird für ihn zum Tunnel ins nächste Gartenreich. Igel brauchen Durchgänge wie wir Türen brauchen. In vielen Siedlungen entstehen erst dann richtige Igelrouten, wenn Gärten über kleine Öffnungen miteinander verbunden sind. Dort, wo Menschen bewusst ein paar Handbreit Platz lassen, entsteht für den Igel eine ganze Stadt aus grünen Wegen.

Und während er so unterwegs ist, trägt er seine unverwechselbare Ausrüstung quasi immer mit sich herum: 6’000 bis 8’000 hohle Stacheln, die aus seinem Rücken ragen wie eine leichte, aber erstaunlich effektive Rüstung. Dabei handelt es sich nicht etwa um Mini-Speere, sondern um modifizierte Haare, die ihn nicht nur vor Feinden schützen, sondern im nächtlichen Halbdunkel sogar beim Tarnen helfen. Wer schon einmal versucht hat, einen Igel im Laubhaufen zu entdecken, weiss, wie gut das funktionieren kann.

Während der Igel wie selbstverständlich durch schmale Zaunlücken schlüpft, kann eine wenige Zentimeter hohe Bordkante zum echten Hindernis werden. Gerade Jungtiere kämpfen dann tapfer mit ihren kurzen Beinchen – so ein Kampf, wenn die Welt einem wortwörtlich Steine in den Weg legt. Aber manchmal klappt’s doch noch, mit einem überraschend sportlichen Kick über den Rand.

Nächtlicher Abenteuer und kurioser Duftforscher

Der Igel ist ein echter Nachtschwärmer. Sobald die Sonne untergeht und die Luft abkühlt, macht er sich auf die Pirsch. Die Nase tief am Boden, immer auf der Suche nach Insekten, Käfern, Regenwürmern und allerlei anderem Lebendigen, das sein Magen verarbeiten kann. Pflanzliche Kost? Passt nicht auf dem Speiseplan. Für den Igel zählt nur das tierische Buffet, auch wenn er manchmal an einem Apfel schnuppert (oft wohl eher wegen der Insekten im Fruchtfleisch). 

Besonders kurios ist sein Verhalten, sich selbst «einzuspeicheln»: Er kaut auf einem Gegenstand mit unbekannten Geruch herum, produziert schaumigen Speichel und verteilt diesen auf seinen Stacheln (selten auch auf das Fell an der Brust). Der genaue Grund ist noch nicht ganz geklärt, vermutlich hilft es ihm aber, unbekannte Gerüche einzuschätzen. Ein Verhalten, das bei Jungtieren häufiger zu beobachten ist als bei den alten Hasen, ääh Igeln. 

Vom Igelkarussell zum Stachelkindergarten

Auch in Sachen Liebe ist der Igel alles andere als langweilig: In der Paarungszeit zwischen Mitte April und August umkreist das Männchen die Auserwählte manchmal stundenlang in einem regelrechten «Igelkarussell», bis sie sich entscheidet, die Stacheln flach zu legen und den Tanz zu beenden. Wer also bei den Sechseläuten mal ein Igelkarussell erwartet hat – nun, hübsche Vorstellung, aber eher unwahrscheinlich im echten Leben. Und damit endet die Romantik auch schon wieder, denn nach diesem Kreistanz ist für ihn Schluss: Igel sind keine Familiengründer.

Nach einer Tragzeit von rund fünf Wochen, werden zwei bis sieben Junge geboren. Und ja, sie haben bereits Stacheln, rund 100, aber ganz weich und unter der Haut verborgen, damit es für die Mutter keine Verletzungen gibt. Die Kinderstube besteht aus einem sorgfältig gebauten Nest aus Gras, Blättern, Moos und anderem Pflanzenmaterial, clever in Gebüschen, Holzstapeln oder Hecken versteckt. Das Igelweibchen zieht die Jungen alleine im gut versteckten Nest gross. Die kleinen Stachelkugeln sind in dieser Zeit übrigens blind und hilflos,  ihre Augen öffnen sie erst nach etwa zwei Wochen, und auch die Gehörgänge öffnen sich erst dann. Aber kaum können die Jungen sehen, sind sie auf sich alleine gestellt: Es gilt selbst zu lernen und entdecken, was geniessbar ist und was nicht, ganz nach dem Motto «Versuchen geht über Studieren». Nach etwa fünf bis sechs Wochen Entdeckungszeit gehts ab ins echte Leben und die Kleinen müssen alleine klarkommen. Dann geht es ans Anfressen von Winterspeck: Der Winter naht und es muss reichlich Insekten gefunden und gegessen werden.

Artenwelt, Herkunft und Verwandtschaft

Wussten Sie, dass es weltweit etwa 34 verschiedene Igelarten gibt? Wobei die genaue Zahl je nach Klassifizierung variiert. Obwohl weltweit hier nicht ganz stimmt. Die Igel wohnen nur in Europa, Asien und Afrika, dafür aber in ganz unterschiedliche Landschaften – von kühlen Laubwäldern über dornige Savannen bis zu trockenen Wüstenlandschaften. Manche dieser Arten sind echte Wüstenigel (davon gibt es sogar vier), die über Wochen ohne Essen und Trinken auskommen, und wiederum andere haben eher zierlich, grosse Ohren, mit denen sie besser hören und ihre Umgebung wahrnehmen können. Grundsätzlich unterscheidet man dabei zwischen Stacheligeln (Erinaceinae), die viele und dichte Stacheln besitzen, und Haar- oder Rattenigeln (Galericinae), die kein Stachelkleid besitzen, aber mit Fell bedeckt sind und mit ihren relativ langen Schnauzen eher Nagetieren ähneln.

In Europa gibt es übrigens nur zwei Igelarten. Bei uns in der Schweiz trifft man nur auf eine einzige Art: den Braunbrustigel, der das ganze Mittelland, die Voralpenregion und bis in etwa 1’000 Meter Höhe hinein besiedelt und sich erstaunlich gut an die Lebensräume des Menschen angepasst hat. Sein Verbreitungsgebiet umfasst grosse Teile West- und Mitteleuropas, sowie Süd- und Nordeuropas. Die zweite Art ist der Nördliche Weissbrustigel, der in Osteuropa, Teilen Mitteleuropas und von der Balkanhalbinsel über das Baltikum bis nach Westsibirien heimisch ist. Sein Verbreitungsgebiet reicht vom Meeresspiegel bis in Höhenlagen von mindestens 1400 Metern.

Und obwohl diese stacheligen Vierbeiner auf den ersten Blick an die stacheligen Nagetiere wie Stachelschweine erinnern, sind sie doch ganz andere Tiere. Igel gehören zur Ordnung der Insektenfresser (Eulipotyphla) und sind somit näher verwandt mit Maulwürfen oder Spitzmäusen als mit irgendwelchen Nagetieren. Stachelschweine dagegen zählen zu den Nagern, also wirklich entfernte Verwandte, die lediglich eine ähnliche defensive Eigenschaft entwickelt haben.

Igel sind auch wahre Urgesteine: Ihre Vorfahren durchstreiften bereits vor rund 60 Millionen Jahren die Wälder der Erde – zur gleichen Zeit, als auch die Dinosaurier verschwanden. Die Igel in ihrer heutigen Form, mit Stachelkleid und typischem Aussehen, existieren auch schon seit etwa 15 Millionen Jahren. Damit sind sie älter als viele der heutigen Säugetiergruppen und haben Eiszeiten und Landschaftsveränderungen als clevere Überlebenskünstler miterlebt.

Igel im Garten – Gourmet mit Winterschlafmodus

Der Igel zieht im Winter nur in Naturhotels ein. Glatter Rasen? Eher langweilig. Viel lieber verwandelt er naturnahe Ecken in ein abwechslungsreiches Wohn- und Schlafzimmer aus Laub, Holz und Moos: unter Hecken (die englische Bezeichnung für Igel Hedgehog (Heckenschwein) macht das gut deutlich), in Ast- und Laubhaufen, in Holzbeigen oder in einem Igelhaus. Solche wilden Winkel sind nicht nur gemütlich, sondern überlebenswichtig. Denn je mehr Verstecke, Insekten und Futterquellen der Garten oder die Landschaft bietet, desto besser geht es dem stacheligen Nachbarn. Vor allem Jungtiere brauchen im Herbst genug Futter, denn für einen sicheren Winterschlaf müssen sie mindestens 500 Gramm auf die Waage bringen, besser mehr. Spätgeborene streifen sogar bis in den Dezember hinein durch Gärten, und zwar manchmal am Tag, weil sie sonst nicht genug Kalorien zusammenbekommen. Viele Jungtiere schaffen es leider nicht das kritische Gewicht zu erreichen und überleben, je nach Länge und Härte, den Winter nicht.

Wenn genug Winterspeck angesetzt ist, wird es ernst mit dem Winterschlaf: Die Männchen verschwinden meist ab Mitte Oktober in ihren Nestern, die Weibchen etwas später, oft ab Mitte November. Überwintert wird eingerollt zu einer geschlossenen Kugel in einem kompakten, gut isolierten Schlafnest. Atmung, Herzfrequenz und Körpertemperatur sinken drastisch ab, und ab und zu wird kurz aufgewacht, aber nur, um die Schlafposition zu wechseln. Richtig wach sind die Männchen dann wieder etwa Mitte März, die Weibchen ziehen bis Anfang April nach. Durchschnittlich verlieren sie rund 30 Prozent ihres Körpergewichts, kommen also entsprechend hungrig aus dem gemütlichen Bett. Und je nach Witterung ist das Buffet im Frühjahr noch etwas knapp, weshalb ein igelfreundlicher Garten gleich doppelt wertvoll wird.

Wenn’s nicht mehr so rund läuft

Doch so faszinierend und charismatisch der Igel auch ist, seine Welt steht zunehmend unter Druck. Seit 2022 gilt der Braunbrustigel in der Schweiz als «potenziell gefährdet», und das hat leider mehrere Gründe. Zum einen verliert er immer mehr Lebensraum, denn intensiv genutzte Landwirtschaftsflächen ohne Hecken und strukturreiche Säume nehmen ihm jene vielfältigen Biotope, die er zum Fressen und Verstecken braucht. Gleichzeitig wächst und verdichtet sich unsere Siedlungslandschaft immer weiter, wodurch wichtige Wanderwege und grüne Korridore verschwinden. Was früher ein zusammenhängendes Mosaik aus Gärten, Wiesen und Sträuchern war, ist heute vielerorts eine zerschnittene Landschaft aus Mauern, Zäunen und versiegelten Flächen.

Hinzu kommen ganz alltägliche Gefahren: Strassen, Rasenmäher, Mähroboter oder Kellerabgänge können für Igel schnell zur tödlichen Falle werden. Gerade weil er so gerne zwischen Gärten und Parks umherstreift, ist der Igel inzwischen zu einem Botschafter für mehr Natur mitten in unseren Siedlungen geworden. Wo naturnahe Strukturen wieder Platz haben, wo Laubhaufen liegen bleiben dürfen, wo Hecken statt Steine stehen und wo ein Garten auch mal ein paar wilde Ecken haben darf, findet der Igel ein kleines Netz aus Nahrung, Schutz und sicheren Wegen. Und wir entdecken, wie lebendig und vielfältig unsere unmittelbare Umgebung werden kann, wenn wir ihr ein bisschen mehr Raum zurückgeben.

Mit diesen Geschichten und Fakten begleiten wir unseren stacheligen Nachbarn durch seinen Alltag: vom nächtlichen Futterjäger über den Duftforscher bis hin zum eleganten Gartenliebhaber. Und während wir ihm den Weg ebnen, macht er uns vielleicht bewusst, wie reich und überraschend die Natur direkt vor unserer Haustür sein kann. Wenn wir sie zulassen.

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1 Kommentar

  1. Lehrreicher Artikel über den Braunbrustigel. Vieles war mir bekannt, aber einiges Wichtiges auch nicht. So wusste ich nicht, dass der Igel ein Fleischfresser ist und pflanzliche Nahrung verabscheut. Dass er nur auf den drei Kontinenten Asien, Afrika und Europa lebt, war mir ebenfalls nicht bekannt.

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