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Schweizer Wälder im Wandel

Brache Flächen werden immer häufiger, die toten Bäume türmen sich. Was geht eigentlich in den Schweizer Wäldern vor? Hans Beereuter, Förster im Zürcher Wyland, hilft mir mit dieser Frage weiter.

Text und Bilder von Melina Grether

Neulich besuchte ich meine Eltern im Zürcher Wyland. Wir machten uns auf einen Sonntags-Spaziergang am Irchel. Doch fand ich nicht die erwartete Idylle vor, sondern schwere Maschinen, tote Bäume und kahle Flächen. Solche Bilder sind immer öfter in Schweizer Wäldern anzutreffen:

Wie sind wir an diesen Punkt gekommen?

Der Klimawandel macht unseren Wäldern zu schaffen. Die Bäume sind durch Trockenheit und Hitze geschwächt und somit viel anfälliger auf Parasiten wie Insekten, Bakterien und Pilze. In einem natürlichen Gleichgewicht können solche Parasiten jedoch meist nicht überhandnehmen, da sich das System selbst reguliert.
Das Problem in unseren Wäldern sind die grossen Flächen an Fichten, welche durch Menschenhand entstanden sind. In diesen Monokulturen kann sich der Borkenkäfer ungestört ausbreiten und vermehren. Ist eine Fläche erst befallen, kann der Käfer kaum aufgehalten werden. Die kleinen Tiere kriechen unter die Borke und legen dort ihre Eier ab. Die geschlüpften Larven fressen sich durch die nährstoffreiche Rinde, bis sie satt sind und sich verpuppen. Eine Vielzahl solcher Gänge führt zum Tod des Baumes.

Buchdrucker Larven
Typische Gänge des Buchdruckers © Hans Beereuter

Warum Fichten?

Die Fichten wurden in den Nachkriegsjahren aus wirtschaftlichen Überlegungen flächig angepflanzt. Durch die gerade Wuchsform ist der Baum in jeglicher Grösse verwertbar und liefert(e) schon nach wenigen Jahren den Rohstoff für wichtige Produkte: Pflöcke, Gerüststangen, Papier, kleine Balken, wertvolles Baumaterial… Eine Eiche hingegen liefert erst ab ca. 60 Jahren wertvollere Holzsortimente.

Wie geht es weiter?

Nun müssen grosse Flächen an kranken Bäumen gerodet werden, um den Borkenkäfer einzudämmen und die Sicherheit der Waldbesucher*innen zu gewährleisten. Zurück bleibt ein durch Fichtennadeln angesäuerter Boden. Bei einer typischen Entwicklung nach der Rodung, ohne menschliches Eingreifen (natürliche Sukzession), gedeihen auf den offenen, sauren Fichten-Böden primär Brombeeren. Danach wachsen Haselsträucher, gefolgt von Birken und Erlen. Im Schatten dieses leichten Waldes wachsen dann die weiteren Baumarten. Bis eine gerodete Fläche sich erholt hat, dauert es etwa 50-60 Jahre.
Im Normalfall würde sich der natürlich vorkommende Wald also nach und nach diese Flächen zurückerobern, doch aufgrund des Klimawandels sind auch andere Baumarten geschwächt. Die Esche beispielsweise ist in unseren Wäldern heimisch und könnte eine wichtige Funktion übernehmen. Doch die zunehmende Trockenheit macht auch ihr zu schaffen und zudem fällt sie einem, aus dem fernen Osten einschleppten, Pilz zum Opfer, der das Eschentriebsterben verursacht.

Es ist klar, dass unser Wald leidet. Es nimmt mich wunder, wie der Förster der Gegend dazu steht.
Aus diesem Grund habe ich das Gespräch mit Hans Beereuter gesucht. Er ist seit 1985 als Förster in Buch am Irchel tätig, war 5 Jahre Präsident vom Verband Schweizer Forstpersonal (VSF) und ist jetzt als Betriebsleiter für die 670 Hektaren umfassenden Waldungen der Gemeinden Buch am Irchel und Berg am Irchel zuständig.

Ein Interview mit Hans Beereuter

Wir bekommen immer wieder Nachrichten von Leser*innen mit solchen und änlichen Aussagen: «Lieblos wird der Wald bewirtschaftet. Mit riesigen Maschinen werden immer wieder neue Wege durch den Wald gewalzt, Baumstämme werden aufgetürmt, Äste einfach im Wald verstreut liegen gelassen. Oft trifft man auf ganze Stämme, die über Jahre vor sich hingammeln, unter denen sich die Borkenkäfer und Zecken tummeln.»

Was sagst du dazu?

Hans Beereuter: (schmunzelt) «Da werden verschiedenste, teils widersprüchliche Themen in einem Atemzug erwähnt. Dies sind keine untypischen Anschuldigungen. Gerade ältere Generationen sind sich noch an einen aufgeräumten Wald gewohnt, doch werden immer mehr Forderungen nach Naturnähe laut. Naturbelassenheit ist allerdings nicht immer schön anzuschauen…
Maschinen und die damit verbundenen Wege sind allgemein nicht gerne gesehen im Wald. Dazu kann ich nur sagen: Von den Kosten her sind wir gezwungen mit Maschinen zu arbeiten. Ein grosser Teil der Gassen zur Bewirtschaftung im Wald werden digital erfasst, mit dem Ziel, dass auch viele Jahre später noch die gleichen Wege genutzt werden.»

Wieso kommen gerade jetzt so viele Reklamationen?

«Da kommen zwei Dinge zusammen. Einerseits befindet sich der Wald im Wandel. Das Landschaftsbild wird sich in den nächsten 10 bis 20 Jahren massiv verändern. Daran müssen wir uns gewöhnen.
Andererseits spielt auch hier Corona eine Rolle. Es hat deutlich mehr Menschen im Wald, seit andere Freizeitbeschäftigungen weggefallen sind. Viele können die Geschehnisse im Wald jedoch nicht interpretieren. Die Aufklärung der Bevölkerung ist da zentral.»

Was sind die grossen Herausforderungen in deinem Beruf mit dem heutigen Wald?

«De Wald zerbrösmelet eus under de Händ. Die Fichte wird vom Borkenkäfer vertilgt, die Esche stirbt am Pilz, die Buche leidet unter der Trockenheit… Und da sind wir einfach machtlos.»

Wie sind wir an diesen Punkt gekommen?

«Die Fichten wurden aus wirtschaftlichen Überlegungen künstlich angepflanzt. Die Menschen damals haben nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, doch stellt uns das heute vor grosse Probleme. In diesen Fichten-Monokulturen kann sich der Borkenkäfer nun wunderbar vermehren und kann kaum aufgehalten werden. So verlieren wir schlagartig grosse Flächen an Wald.
Ohne Klimawandel würde sich die Natur diese Flächen selbstständig zurückerobern. Doch die Veränderung des Klimas macht auch anderen Baumarten zu schaffen.»

Was nun?

«Bei einer natürlichen Sukzession entstünde aus diesen Brachflächen erst etwa nach 60 Jahren wieder ein Wald. Die grösste Herausforderung ist nun auf diesen sauren Fichten-Böden die erste Phase, die Brombeeren, zu überspringen. Wir versuchen den ersten Schritt zu durchbrechen und bereits gewisse Baumarten einzubringen. Grossflächig ist dies aber nicht machbar, da uns die finanziellen Mittel fehlen.
Eines ist klar: Der Wald wird sich in den nächsten Jahren stark verändern. Und wie bei jedem Wandel werden viele daran leiden und andere profitieren.»

Wie wird verhindert, dass die gleichen Fehler noch einmal passieren?

«Jetzt sind wir gezwungen nicht alles auf eine Karte zu setzen. Wir arbeiten mit verschiedenen Baumarten: Edelkastanie, Douglasien, Nussbäume… Dies wird zu mehr Vielfalt führen, als das bis anhin der Fall war. Wir wollen nicht den Reinbestand von Fichten durch einen Reinbestand einer anderen Baumart ersetzen.»

Was sollte, deiner Meinung nach, die Hauptaufgabe des Waldes sein? Wirtschaftlicher Ertrag, Naherholungsgebiet, Lebensraum für Tiere und Pflanzen, CO2-Speicher

«Alle Funktionen müssen Platz haben im Ökosystem Wald. Ich bin der Meinung, dass die Nutzfunktion gegenüber Früher an Stellenwert verloren hat und andere Funktionen in den Vordergrund treten. Auch am Konzept des Kantons erkennt man: der Wald als Erholungs- und Schutzgebiet wird wichtiger.
Aber auch im Naturschutz selbst gibt es immer wieder Interessenskonflikte. Was der einen Art hilft, kann der nächsten schaden. Unsere Herausforderung als Förster ist es, all diese Ansprüche unter einen Hut zu bringen.»

Ist unser Wald in guten Händen?

«Die Bewirtschaftung des öffentlichen Waldes wird zum Teil über Steuergelder finanziert. Dort ist die Pflege sichergestellt. Aber im Privatwald findet ein Generationenwechsel statt und die jüngere Generation hat wenig Interesse, sich um diese Flächen zu kümmern. Was passiert also mit all diesen Flächen?
Ich hätte da eine Idee: Flächen mit wichtigen Funktionen sollten durch die Öffentlichkeit aufgekauft werden, falls der Privatbesitzer, trotz Unterstützung, die nachhaltige Bewirtschaftung nicht gewährleisten kann. Die Gemeinden würden einen solchen Kauf aber in den wenigsten Fällen tätigen. Diese Flächen sollten also vom Kanton gekauft und danach von den Gemeinden bewirtschaftet werden, den sie erbringen ihre Funktion vor Ort. Das wäre, meiner Meinung nach, finanziell gut machbar für den Kanton Zürich.»

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Was ist das Schönste an deinem Beruf?

«Da muss ich weit zurückdenken. Die letzten fünf Jahre waren grausam.
Die schönsten Zeiten waren zwischen 1985 und 2000. Dort konnte ich den Wald aktiv gestalten und das Waldbild bewusst formen. Seit fünf Jahren vergleiche ich mich eher mit einem Totengräber.
Wir sind nur noch am Reagieren. Die letzten Jahre mussten wir unsere normalen Tätigkeiten vernachlässigen, um den kranken Flächen nachzurennen. In diesem Jahr möchte ich mich nun wieder stärker auf die jungen Bäume fokussieren.
Und was immer schön zu sehen ist: die Natur ist unermüdlich. Es wachsen auch auf den kahlen Flächen schon wieder haufenwiese junge Pflanzen.»

Diesen Eindruck teile ich. Denn schon beim nächsten Spaziergang bemerke ich, was da alles krabbelt, spriesst und gedeiht. Wie so oft, müssen wir die Fehler vorheriger Generationen ausbaden. Wir befinden uns in einer Zeit des Wandels und müssen uns einigen Herausforderungen stellen. Doch wenn wir uns weiterhin für Nachhaltigkeit und den Schutz der Natur einsetzen, können wir einiges wiedergut machen. Und solche Bilder aus dem Irchelwald stimmen mich positiv:

Alles krabbelt auf dem Hügel der Waldameisen. © Melina Grether

2 Kommentare

  1. Danke. Sehr Informativ Was mich traurig stimmt ist zu lesen ;»Gerade ältere Generationen sind sich noch an einen aufgeräumten Wald gewohnt» und «Von den Kosten her sind wir gezwungen mit Maschinen zu arbeiten. Ein grosser Teil der Gassen zur Bewirtschaftung im Wald werden digital erfasst, »
    Aus Kosten Gründen. Immer mehr Bevölkerung Steuergelder und jede Kleinigkeit wird heutzutage berappt. Vieles, was man früher nicht zahlen musste wie u.a Parkplätze . Wo bleibt all das Geld.? Im Wald dürfte auf keinen Fall gespart werden grössere Unterstützung der Gemeinde wehre erforderlich. Maschinen finde ich überhaupt nicht in Ordnung. Früher lernte man noch Bäume und Sträucher zu schneiden. Wenn ich dass das schlecht zerrissene , verfözelte Ergebnis der Maschine sehe, wie der Strasse entlang, Kommen mir fast die Tränen. Es braucht nicht für alles die Technik ! Die ältere Generation sieht dies schon völlig richtig. Die Wertschätzung gibt es nicht mehr nur noch das Geld , keine Zeit, keine Achtung und Profit. Ein umdenken wäre hier auch dringend nötig ! Schön das es Leute gibt die Ihr bestes, geben mehr Unterstützung ist daher dringend erforderlich und mehr Waldgebiete!

  2. Waldsterben war das grosse Umweltthema der 1980 er Jahre. Damals war die Fichte stark betroffen und die Fichtenmonokulturen sollten im Mittelland in Laubmischwald überführt werden. Sie gehörten wie bekannt war, nicht in tiefe Lagen und auch damals war bekannt, dass der Boden im Fichtenwald zum Problem wird. Was ein stabiler Wald ist, lehrte Professor Leibundgut so gut, der Plenterwald, Laubmischwald, Bäume jeden Alters und ein paar wenige Nadelbäume! Verpasste 40-50 Jahre! Mit Edelkastanie, Nussbäumen und Douglasien soll nun ein neuer Wald in Buch am Irchel entstehen, das tönt ziemlich utopisch und könnte genauso missraten wie Fichtenmonokulturen. Es tönt zudem nach Plantagewald und nicht einem naturnahen. Zum Wald gehört auch die passende Krautschicht, die Pilze, die Tiere mit den Insekten. Wie werden diese Lebewesen in den ortsfremden Wald dazukomponiert? Es gibt ja noch wunderbare Wälder in der Gegend, warum nicht von dort etwas lernen oder bei menschlichem Unwissen doch besser die Natur walten lassen, die mit angepassten Entwicklungsschritten wieder Wald aufbaut?

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