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Honigertragssteigerung doppelt so hoch wie Milchertragssteigerung

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Trotz Bienensterben und immensen Verlusten an botanischer Biodiversität steigt die Honigertragsleistung pro Bienenvolk von Jahrzehnt zu Jahrzehnt an – und das gleich doppelt so stark wie der Milchertrag von Schweizer Milchkühen. Arbeitet der Hobby-Imker von nebenan wirklich so naturnah, wie er das gerne von sich selber denkt?

Beitrag von André Wermelinger (Präsident FREETHEBEES) und Emanuel Hörler (Wissenschaftlicher Beirat FREETHEBEES)

Die Schweiz zählt rund 19’500 Imker mit etwa 195’000 Bienenvölkern. Im Durchschnitt werden rund 10 Völker pro Imker gehalten. Berufsimker gibt es nur wenige. Der inländische Honig wird also hauptsächlich von Hobby-Imkern produziert.

Interessanterweise gibt es je länger je mehr Imker, die nicht primär am Honig interessiert sind und Bienen vor allem aus ökologischen Gründen halten möchten. Insbesondere neu in die Imkerei eingestiegene Menschen denken so. Die Analyse der Betriebsweisen der schweizerischen Hobby-Imker zeigt jedoch ein anderes Bild. Sehr häufig wird der Schwarmtrieb unterdrückt, werden grosse Mengen an Zucker gefüttert, werden Bienenvölker in nicht artgerechten Bienenkästen und in viel zu hoher Anzahl und Dichte gehalten, werden Völker routinemässig behandelt, egal ob krank oder nicht. Das sind frappierend starke Parallelen zur intensiven Nutztierhaltung.

Diese intensive Betriebsweise wird dem Jungimker grössten Teils während der imkerlichen Grundausbildung vermittelt. Mögliche Alternativen werden – wenn überhaupt – nur am Rande gestreift. Auch der etablierten Imkerschaft sind die Möglichkeiten nachhaltiger Honigproduktion praktisch unbekannt. Dieser Fokus auf maximalen Honigertrag dauert schon Jahrzehnte und schlägt sich in den Ertragsstatistiken nieder, obwohl man aufgrund des vielzitierten Bienensterbens annehmen müsste, dass auch die Honigerträge einbrechen würden. Das Gegenteil ist der Fall: interessanterweise steigen die Honigerträge pro Bienenvolk seit den 1960er Jahren kontinuierlich an, dies trotz Bienensterben und trotz enormer Verluste an botanischer Biodiversität im selben Zeitabschnitt. Die Honigertragsleistung vervierfachte sich, während sich die Milchleistung unserer Kühe verdoppelte.

Diagramm zum Honigertrag.
Grafik 1: Darstellung des Honigertrages pro Honigbienenvolk seit 1900. Die Jahreserträge wurden pro Dekade gemittelt3,4. Der Rückgang der artenreichen Fromentalwiesen 5 und der Hochstammobstbäume 6,7 stehen beispielhaft für die enormen Verluste an botanischer Vielfalt. Die Quellenangaben (Fusszeilen) befindet sich am Ende des Artikels.
Diagramm Milchertrag
Grafik 2: Darstellung der Milchleistung der gemolkenen Kühe in der Schweiz. Die Jahreserträge wurden pro Jahrfünft gemittelt1,2.

Wie wurde eine derartige Leistungssteigerung überhaupt möglich? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir zunächst verstehen, wie ein Bienenvolk in der Natur lebt.

Was passiert mit einem Bienenvolk in der Natur?

Überlassen wir heute ein Bienenvolk in einem gängigen Beutensystem sich selbst und der Natur, so verhungert das Volk mit grosser Wahrscheinlichkeit in weiten Teilen der Schweiz, ohne dass der Imker auch nur ein Gramm Honig entnimmt.

Ein wichtiger Grund dafür ist das über die Jahrzehnte massiv geschwundene Angebot an Blütenvielfalt (Grafik 1). In einer intakten Landschaft finden Bienen und andere blütenbesuchende Insekten während der Vegetationszeit eine Vielfalt an Nektar und Pollen. Insbesondere in den Landwirtschaftszonen des Schweizer Mittellandes aber blühen heute nur mehr sehr wenige Pflanzenarten und das nur über einen kurzen Zeitraum. Während der Haupttracht im April und Mai leben Bienen für eine kurze Zeit im Überfluss mit blühenden Obstbäumen, Hecken und Löwenzahnwiesen. Aber schon kurz danach sind Obstbäume verblüht und die Wiesen werden oft schon während der Löwenzahnblüte gemäht. Es folgen bis zu sechs weitere Schnitte. Nach dem ersten Mähen entsteht eine sogenannte Trachtlücke, in welcher die Bienen kaum mehr Nektar finden können. Diese Trachtlücke fällt just in den Moment, in dem sich das Bienenvolk über den natürlichen Vermehrungstrieb teilt und ausschwärmt (Mai/Juni, je nach lokalen und meteorologischen Gegebenheiten). Dies ist eine Zeit von enorm hohem Energieverbrauch, sowohl für das zurückbleibende Muttervolk, wie auch für den ausziehenden Schwarm mit der alten Königin. Die Bienen überleben diese Trachtlücke zwar meist, entwickeln sich dann aber schlecht und haben kaum eine Chance, bis Ende Sommer die notwendigen Winterreserven in Form von gesammeltem Nektar einzutragen.

Honigertragssteigerung doppelt so hoch wie Milchertragssteigerung 1
Grafik 3: Qualitative Darstellung der Trachtlage in weiten Teilen der Schweiz nach Einschätzung von FREETHEBEES

Ein zweiter wichtiger Grund, warum Bienen den Winter ohne Fütterung durch den Imker oft nicht überleben, liegt in der Konstruktion der Bienenbeuten. Zur Produktionssteigerung und Vereinfachung der Honigernte setzt der Imker Bienenbeuten ein, die sich als wenig geeignet und wenig artgerecht herausstellen.

Der hohle Baum bietet als natürliches Habitat von Bienenvölkern sehr gute klimatische Bedingungen. Die Höhle ist klein, gut isoliert und nimmt Feuchtigkeit auf. Es herrscht also ein warmes und relativ trockenes Klima im Bauminnern. Im Gegensatz dazu sind der in der Deutschschweiz vorwiegend eingesetzte sogenannte Schweizerkasten und die in der Romandie vorherrschende Dadant-Beute verhältnismässig zu gross und kaum isoliert. Änderungen der Aussentemperatur erfordern von der Biene eine ständige Anpassung des Beutenklimas. Die hohe Luftfeuchtigkeit in Standardbeuten führt zu Kondenswasser und Schimmelbildung. Schimmelpilze belasten das Immunsystem der Bienen und die reichhaltige, aus dem hohlen Baum bekannte Mikrofauna – mehr als 30 Insektenarten, 170 Spinnentiere und Milbenarten, 8000 Mikroorganismen – kann sich bei dieser unnatürlich hohen Feuchtigkeit unmöglich einstellen. Andererseits fühlen sich Parasiten und unerwünschte Mikroorganismen durchaus wohl in Beuten mit hoher relativer Luftfeuchtigkeit.

In modernen Bienenbeuten leisten Bienenvölker unnötigerweise Höchstleistungen durch einen auf Hochtouren laufenden Stoffwechsel, um ihr Nest warm zu halten – um überhaupt zu überleben.

Ertragssteigernde Eingriffe durch den Imker

Ein Honigertragsimker muss – wie vorher erläutert – die Haupttracht in den Monaten April und Mai optimal nutzen. Er versucht also das Bienenvolk möglichst zeitig im Frühjahr zum Brüten anzuregen, damit möglichst viele Sammelbienen während des kurzen Zeitfensters im April und im Mai möglichst viel Nektar sammeln. Weiter muss er sicherstellen, dass das Volk nicht ausschwärmt und «unnötig» Energie verbraucht. Dies erreicht er, indem er dem Bienenvolk einen Honigraum aufsetzt, also das Volumen des Kastens unnatürlich vergrössert. Das steigert in der Tat die Honigleistung des Volkes, beeinflusst aber auch den Schwarmtrieb negativ, die Völker schwärmen deutlich weniger. Der Imker schränkt also mit seinen Eingriffen die natürliche Reproduktion seiner Bienen ein.

Mitte bis Ende Mai erntet der Imker den Honig, den die Bienen als ihre Reserve für den Winter eingelagert haben. In der Regel füttert er danach sein Volk mit Zucker und hält so die hohe Bruttätigkeit über die Trachtlücke im Juni aufrecht. Das Bienenvolk soll seinen Bruttrieb möglichst nicht einschränken, da auch die nächste, etwas kleinere Trachtphase über den Sommer ebenfalls mit vielen Flugbienen optimal genutzt werden soll.

Andererseits ist es für den Imker notwendig, allfällige Winterverluste zu kompensieren. Aufgrund des Honigfokus ist der natürliche Weg dazu (das Ausschwärmen) eingeschränkt durch die Erweiterung des Beutenvolumens (Honigraum) zu Gunsten der Honigproduktion. Um trotzdem zu neuen Völkern zu kommen, braucht es die Manipulationen der künstlichen Vermehrung – von der Ablegerbildung, über Kunstschwärme bis zur Königinnenzucht.

Das Ausbleiben des natürlichen Schwärmens und das Stimulieren des durchgehenden Bruttriebes des Bienenvolkes hat noch einen anderen, unerwünschten Nebeneffekt. Die längere Brutpause, die durch die Vermehrung über den Schwarm natürlicherweise entsteht, bleibt aus – und die gefürchtete Varroamilbe kann sich ungehindert vermehren.

Nach der zweiten Honigernte gegen Ende Juli folgen dann zuerst die Auffütterung mit enormen Zuckermengen und danach die routinemässigen Behandlungen gegen die Varroamilben. Es wird meist nicht nach Befallsgrad der einzelnen Honigbienenvölker unterschieden, sondern die ganze Population uniform gegen Milben behandelt. Dazu werden in der Schweiz insbesondere organische Säuren eingesetzt: im Sommer Ameisensäure, in der brutfreien Zeit im Winter dann noch Oxalsäure. Die Säurebehandlung wird, gegenüber den synthetischen, in der Schweiz ebenfalls zugelassenen, Pestiziden, als «alternative Behandlungsmethode» angepriesen. Für den Honigkonsumenten unkritisch, stellen die Säurebehandlungen für die Bienen einen harten Eingriff mit den entsprechenden Nebenwirkungen dar – eine Art Chemo-Therapie für Bienenvölker. Die Parasitenzahl ist danach zwar reduziert aber das Immunsystem des Bienenvolkes wird schwer beeinträchtigt. Was ebenfalls vernachlässigt wird ist die Tatsache, dass ein beträchtlicher Teil der Milbenpopulation die verschiedenen Behandlungen überlebt – die Wirksamkeit der Behandlungen beträgt zwischen 85 und 95%. Seit Beginn der «Varroabekämpfung» in Europa 1985 ist die Schadschwelle von 6000 Milben pro Volk auf 2500 Milben gefallen und die Zahl der Behandlungen von einer auf 4 pro Jahr angestiegen. Ein stabiles Gleichgewicht zwischen Honigbienen und Varroamilbe kann sich so niemals entwickeln. Natürlich optimiert der Imker auch seine eigenen Produktionsprozesse. So hält er seine Bienenvölker möglichst eng zusammen, was ihm die Arbeit erheblich vereinfacht. Aber auch dieser widernatürliche Ansatz, der mit der Massentierhaltung im Viehstall verglichen werden kann, hinterlässt seine Spuren. Die Bienen verfliegen sich mit kleiner werdenden Abständen und übertragen so vermehrt Krankheiten und Parasiten von einem Volk auf das andere.

Honigertragssteigerung doppelt so hoch wie Milchertragssteigerung 3
Abbildung 1: Massentierhaltung: 10-20 Völker auf wenigen Quadratmetern zusammengepfercht. © Antranias, via pixabay
Bienen in einen Baum.
Abbildung 2: In der Natur stellen sich Bienendichten von ≥ einem Volk pro Quadratkilometer ein.

Ein Honigbienenvolk in einem handelsüblichen Bienenkasten sammelt im Jahresverlauf unglaubliche 120kg Nektar, 25l Wasser, 20kg Pollen und 100g Harz zur Propoliserzeugung. Damit der Imker nur schon 10kg Honig pro Bienenvolk ernten kann – aktuell beträgt die durchschnittliche Jahresernte 20kg – muss ein Bienenvolk eine sehr hohe Zusatzleistung erbringen. Es sammelt zusätzlich zu den voran genannten Mengen noch einmal 25kg Nektar, es baut 4 bis 10 zusätzliche Wachswaben aus, brütet zusätzlich 30’000 Bienen und benötigt für die Aufzucht noch einmal 4kg Pollen. Gewisse Bienenexperten stellen berechtigterweise die Frage, ob diese Art Stress und Überforderung des Bienenvolkes – vergleichbar mit einem Burnout beim Menschen – nicht mit der Honigbienengesundheit zusammenhängen könnte.

Die Lösungen existieren

Glücklicherweise existieren für alle Probleme auch Lösungsansätze. FREETHEBEES zeigt interessierten Imkern auf, wie sie Ihre Haltungs- und Produktionsbedingungen optimieren, extensivieren und auf Nachhaltigkeit ausrichten können.

Die Grundlage dafür bildet eine eigens dafür entwickelte Bienenhaltungsmethodik nach FREETHEBEES. In einer Übersichtstabelle werden verschiedene Faktoren aufgelistet, welche die Intensität der Bienenhaltung entscheidend beeinflussen. Der Imker kann seine Art der Imkerei schnell einordnen und verstehen, wie er diese gezielt extensivieren kann.

Er wird erkennen, dass es in der heutigen Zeit keine «richtige» oder «optimale» Bienenhaltung mehr geben kann. Vielmehr liegt der Schlüssel im Spiel mit unterschiedlichen Methoden. Wir plädieren für eine diversifizierte Haltung von Bienen. So soll ein gewisser Prozentsatz der Völker der sogenannt «naturnahen Bienenhaltung» unterstellt werden. Mit dem verbleibenden Bestand kann «Extensiv Honig» produziert werden. Dieser Methodenmix ergibt insgesamt eine bedeutend nachhaltigere Honiggewinnung und erzeugt zusätzlich ökologische Werte. Fragen Sie Ihren lokalen Imker, ob er unsere Ansätze schon kennt. Reagiert dieser mit Ablehnung auf unseren Namen und unsere Ansätze, können Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass seine Produktionsmethodik nicht ganz so nachhaltig ist.

Quellen:

  1. https://www.sbv-usp.ch/fileadmin/sbvuspch/06_Statistik/Agristat-Aktuell/2011/110500_LMZ-Aktuell.pdf Zugriff 22.12.18 19.56
  2. Milchstatistiken Schweiz 1935 bis 2017.
  3. Fluri, P., Schenk, P., Frick, R.:ALP Forum 8 Bienenhaltung in der Schweiz, 2004.
  4. Reihl, B.: Schweizerische Bienenzeitung 2018: 11, 18-20.
  5. Bosshard, A., 2016: Das Naturwiesland der Schweiz und Mitteleuropas. Mit besonderer Berücksichtigung der Fromentalwiesen und des standortgerechten Futterbaus. Zürich, Bristol-Stiftung; Bern, Haupt. 265 S.
  6. HISTORISCHER ÜBERBLICK – Alkoholpolitik und Eidg. Alkoholverwaltung (EAV) http://tradikula.ch/wp content/uploads/2011/03/Geschichte_Alkoholverwaltung1.pdf Zugriff 22.12.18 19.19
  7. Bundesamt für Statistik – Obstbaumzählungen.

2 Kommentare

  1. Die in den letzten 10 Jahren häufiger auftretenden starken Populationen von Honigtauerzäugern (Die bekannten Läuse) in unseren Wäldern hat mit dem wärmeren Klima zu tun. Auch die Winter waren milder. Beim Blütenhonig sieht es anders aus.
    Füttern während der Zeit des honigen ist klar verboten, dies wäre Honigverfälschung.
    In unserem Verein wird sehr viel für Gesundheit und Hygiene getan. Die Honigbiene ist in der Schweiz ein Nutztier und der Bienen Halter ist verpflichtet seine Bienen artgerecht zu halten. Es ist verboten Antibiotika einzusetzen und die Imker werden angehalten zur Bekämpfung der Varroa nur organische Säuren einzusetzen, dies koordiniert zum richtigen Zeitpunkt. DDaneben werden Wildbienen gefördert, Bienenweiden angelegt. Ich denke wir sind auf dem richtigen Weg.

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